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Full text of "Coudenhove Kalergi, Richard - Praktischer Idealismus Adel Technik Pazifismus (1925)"

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R. N. COUDENHOVE-KALERGI 

PRAKTISCHER 

IDEALISMUS 

ADEL - TECHNIK - PAZIFISMUS 





19 2 5 

PANEÜROPA-VERLAG 

WIEN— LEIPZIG 


K 6 6 / 3 2 4 4 


Alle Rechte Vorbehalten 
Copyright 1925 by Pan-Europa-V erlag 
Druck der Elbemühl Papierfabriken und 
Graphische Industrie .4. G., Wien VI. 


Uarv.-BMo&ek 



VORWORT 


jraÄrSS 

kennt und anerkennt nur einen einzigen 

nur ein einztges Ütak den cm zum Ideal 

Heroismus setzt j e höhere Werte gibt als 

voraus: die Überzeugung, daß es höhere Wer g 

Lust und größere Übel als S ' :h " > |- , gan ze Mensch- 

Die5er ,Sr:s^t Gegensatavon Epihurüern und 
heitsgeschichte, es ist a » zwischen 

Stoikern. Dieser Gegensatz -1 :v el t.eta ab ^ ^ 

“^rr^r^esgabtdea- 

U T Z£“JsoZZicU um den Glauben an 
Götter - sondern um den Glauben an Wert. __ ^ 

heit ihre größten Werke und Taten. 

* 

5 Heroismus ist Ar i s t o k r ^ J tlchen Ue “al 
iro = ismus mit dem demokra- 


! tischen. Auch Demokratie glaubt mehr an die Zahl als 
I an den Wert, mehr an Glück als an Größe. 

Darum kann politische Demokratie nur dann frucht- 
bar und schöpferisch werden, wenn sie die Pseudo- 
Aristokratie des Namens und des Goldes zertrümmert, 
um an deren Stelle eine neue Aristokratie des Geistes 
und der Gesinnung ewig neu zu gebären. 

i Der letzte Sinn der politischen Demokra- 

§ 

itiealso ist: geistigeAristokratie; sie will den 

'Materialisten Genuß schaffen, den Idealisten Macht. 

Der Führer soll an die Stelle des Herrschers treten — 
der edle Sinn an die Stelle des edlen Namens — das 
reiche Herz an die Stelle der reichen Tasche. Das ist 
der Sinn der Entwicklung, die sich demokratisch nennt. 
Jeder andere Sinn wäre Kultur-Selbstmord. 

Darum ist es kein Zufall, daß Platon zugleich der 
Prophet der geistigen Aristokratie und der sozialisti- 
schen Wirtschaft war; und zugleich der Vater der idea- 
listischen Weltanschauung. 

Denn beide, Aristokratie und Sozialismus, 
sind: praktischer Idealismus. 

Der asketische Idealismus des Südens offenbarte sich 
als Religion; der heroische Idealismus des Nordens 
als Technik. 

Denn die Natur des Nordens war eine Herausfor- 
derung an den Menschen. Andere Völkerschaften unter- 
warfen sich; der Europäer nahm die Herausforderung 
an und kämpfte. Er kämpfte, bis er stark genug war, 
die Erde zu unterwerfen: er kämpfte, bis er die Natur 
selbst, die ihn herausgefordert hatte, in seine Dienste 
zwang. 

Dieser Kampf forderte Heroismus und zeugte Herois- 
mus. So wurde für Europa der Held das, was der Hei- 


IV 


lige für Asien war; und die Heldenverehrung ergänzte 
die Heiligenverehrung. 

Das tätige Ideal trat an die Stelle des beschaulichen, 
und es galt als größer, für ein Ideal zu kämpfen, als 
zu leiden. 

Der Sinn dieser heroischen Weltmission hat Europa 
erst seit der Neuzeit ganz erfaßt; denn erst mit der Neu- 
zeit beginnt sein technisches Zeitalter, sein Befreiungs- 
krieg gegen den Winter. Dieses technische Zeitalter ist 
zugleich das Zeitalter der Arbeit. Der Arbeiter ist der 
Held unserer Zeit; sein Gegensatz ist nicht der Bürger 
— sondern der Schmarotzer. Ziel des Arbeiters ist — 
das Schaffen, des Schmarotzers — das Genießen. 

Darum ist die Technik neuzeitliches Hel- 
dentum und der Arbeiter praktischer Idea- 
list. 

* 

Das politische und soziale Problem des 
20. J ahrhunderts ist: den technischen Fort- 
schritt des 19. einzuholen. Diese Forderung der 
Zeit wird dadurch erschwert, daß die Entwicklung der 
Technik ohne Pause sich im rascheren Tempo weiter 
vollzieht als die Entwicklung des Menschen und der 
Menschheit. Diese Gefahr kann entweder abgewendet 
werden, indem die Menschheit den technischen Fort- 
schritt verlangsamt, oder indem sie den sozialen Fort- 
schritt beschleunigt. Sonst verliert sie ihr Gleichgewicht 
und überschlägt sich. Der Weltkrieg war eine Warnung. 
So stellt Technik den Menschen vor die Alternative: 
Selbstmord oder Verständigung! 

Darum wird die Entwicklung der Welt in 
den kommenden Jahrzehnten ohne Bei- 
spiel sein. Das heutige Mißverhältnis von technischer 


1 


V 


und sozialer Organisation wird entweder zu vernichten- 
den Katastrophen führen — oder zu einem politischen 
Fortschritt, der an Raschheit und Gründlichkeit alle 
historischen Vorbilder hinter sich läßt und ein neues 
Blatt der Menschheitsgeschichte eröffnet. 

Da die Technik der menschlichen Stoßkraft und dem 
Heroismus neue Wege weist, beginnt der Krieg im Be- 
wußtsein der Menschheit seine historische Rolle auszu- 
spielen. Sein Erbe ist die Arbeit. Die Menschheit wird 
sich eines Tages organisieren, um gemeinsam der Erde 
alles abzuringen, was sie ihr heute noch vorenthält. So- 
bald diese Auffassung sich durchringt, wird jeder Krieg 
ein Bürgerkrieg sein und jeder Mord ein Mord. Das Zeit- 
I alter des Krieges wird dann ebenso barbarisch scheinen, 
| wie heute das Zeitalter der Menschenfresserei. 

Diese Entwicklung wird kommen, wenn wir an sie 
glauben und für sie kämpfen; wenn wir weder so kurz- 
sichtig sind, die großen Linien der Entwicklung aus den 
Augen zu verlieren — noch so weitsichtig, die prakti- 
schen Wege und Hindernisse zu übersehen, die zwischen 
uns und unseren Zielen liegen; wenn wir klarsichtig 
sind, und das klare Wissen um die bevorstehenden 
Kämpfe und Schwierigkeiten verbinden mit dem heroi- 
schen Willen, sie zu überwinden. 

Nur dieser Optimismus des Wollens wird den Pessi- 
mismus der Erkenntnis ergänzen und besiegen. 

Statt in den Fesseln der unzeitgemäßen Gegenwart 
zu verharren und tatenlos von besseren Möglichkeiten 
zu träumen, wollen wir also tätigen Anteil nehmen an 
der Entwicklung der Welt durch praktischenldea- 
lismus. 

Wien, November 1925. 

VI 


ADEL 

19 2 0 


Dem Andenken meines Vaters 
Dr. HEINRICH GRAF COU DEN HOV E-KALERGI 
in Verehrung und Dankbarkeit 



ERSTER TEIL: 

VOM RUSTIKALEN UND URBANEN 
MENSCHEN 




1. LANDMENSCH — STADTMENSCH 


Land und Stadt sind die beiden Pole menschlichen 
Daseins. Land und Stadt zeugen ihre besonderen 
Menschentypen: den rustikalen und urhanen 
Menschen. 

Rustikalmensch und Urbanmensch sind psychologisch 
Antipoden. Bauern verschiedenster Gegenden gleichen 
einander seelisch oft mehr als den Städtern der benach- 
barten Großstadt. Zwischen Land und Land, zwischen 
Stadt und Stadt liegt der Raum — zwischen Stadt und 
Land die Zeit. Unter den europäischen Rustikalmenschen 
leben Vertreter aller Zeitalter: von der Steinzeit bis zum 
Mittelalter; während nur die Weltstädte des Abendlandes, 
die den extremsten Urbantypus hervorgebracht haben, 
Repräsentanten neuzeitlicher Zivilisation sind. So tren- 
nen Jahrhunderte, oft Jahrtausende, eine Großstadt vom 
flachen Lande, das sie umgibt. 

Der Urbanmensch denkt anders, urteilt anders, 
empfindet anders, handelt anders als der Rustikal- 
mensch. Das Großstadtleben ist abstrakt, mechanisch, 
rational — das Landleben konkret, organisch, irrational. 
Der Städter ist rationalistisch, skeptisch, ungläubig — der 
Landmann emotionalistisch, gläubig, abergläubisch. 


9 


Alles Denken und Fühlen des Landmannes kristalli- 
siert sich um die Natur, er lebt in Symbiose mit dem 
Tier, dem lebendigen Geschöpf Gottes, ist verwachsen 
mit seiner Landschaft, abhängig von Wetter und Jahres- 
zeit. Kristallisationspunkt der urbanen Seele hingegen 
ist die Gesellschaft; sie lebt in Symbiose mit der 
Maschine, dem toten Geschöpf des Menschen; durch sie 
macht sich der Stadtmensch möglichst unabhängig von 
Zeit und Raum, von Jahreszeit und Klima. 

Der Landmensch glaubt an die Gewalt der Natur über 
den Menschen — der Stadtmensch glaubt an die Gewalt 
des Menschen über die Natur. Der Rustikalmensch ist 
Naturprodukt, der Urbanmensch Sozialprodukt; der 
eine sieht Zweck, Maß und Gipfel der Welt im Kosmos, 
der andere in der Menschheit. 

Der Rustikalmensch ist konservativ wie die 
Natur — der Urbanmensch fortschrittlich wie die 
Gesellschaft. Aller Fortschritt überhaupt geht von 
Städten und Städtern aus. Der Stadtmensch selbst ist 
meist das Produkt einer Revolution innerhalb eines 
ländlichen Geschlechtes, das mit seiner rustikalen Tra- 
dition brach, in die Großstadt zog und dort ein Leben 
auf neuer Basis begann. 

Die Großstadt raubt ihren Bewohnern den Genuß der 
Naturschönheit; als Entschädigung bietet sie ihnen 
Kunst. Theater, Konzerte, Galerien sind Surrogate für 
die ewigen und wechselnden Schönheiten der Land- 
schaft. Nach einem Tagwerk voll Häßlichkeit bieten jene 
Kunstinstitute dem Städter Schönheit in konzentrierter 
Form. Auf dem Lande sind sie leicht entbehrlich. — 
Natur ist die extensive, Kunst die intensive 
Erscheinungsform der Schönheit. 

Das Verhältnis des Urbanmenschen zur Natur, die ihm 


10 


fehlt, wird von der Sehnsucht beherrscht; während die 
Natur dem Rustikalmenschen stete Erfüllung ist. Daher 
empfindet sie der Städter vorwiegend romantisch, der 
Landmensch klassisch. 

Die soziale (christliche) Moral ist ein urbanes Phäno- 
men: denn sie ist eine Funktion des menschlichen 
Zusammenlebens, der Gesellschaft. Der typische Städter 
verbindet christliche Moral mit irreligiöser Skepsis, 
rationalistischem Materialismus und mechanistischem 
Atheismus. Die Weltanschauung, die daraus resultiert, 
ist die des Sozialismus: die moderne Großstadt- 
religion. ’ ' 

Für den rustikalen Barbaren Europas ist das Christen- 
tum kaum mehr als eine Neuauflage des Heidentums 
mit veränderter Mythologie und neuem Aberglauben; 
seine wahre Religion ist Glaube an die Natur, an die 
Kraft, an das Schicksal. 

Stadt- und Landmensch kennen einander nicht; darum 
mißtrauen und mißverstehen sie einander und leben in 
verhüllter oder offener Feindschaft. Es gibt vielerlei 
Schlagworte, unter denen sich diese elementare Gegner- 
schaft verbirgt: Rote und Grüne Internationale; Indu- 
strialismus und Agrariertum; Fortschritt und Reaktion; 
Judentum und Antisemitismus. 

Alle Städte schöpfen ihre Kräfte aus dem Lande; alles 
Land schöpft seine Kultur aus der Stadt. Das Land ist 
der Boden, aus dem die Städte sich erneuern; ist die 
Quelle, die sie speist; die Wurzel, aus der sie blühen. 
Städte wachsen und sterben: das Land ist ewig. 


2. JUNKER 


LITERAT 


Blüte des Rustikalmenschen ist der Landadelige, der 
Junker. Blüte des Urbanmenschen ist der Intellek- 
tuelle, der Literat. 

Land und Stadt haben beide ihren spezifischen Adels- 
typus gezeugt: Willensadel steht gegen Geistesadel, Blut- 
adel gegen Hirnadel. Der typische Junker ver- 

bindeteinMaximumanCharaktermiteinem 
Minimum an Intellekt — der typische Li- 
terat ein Maximum an Intellekt mit einem 
Minimum an Charakter. 

Nicht immer und überall mangelte es dem Landadel 
an Geist, dem Stadtadel an Charakter; wie im England 
der Neuzeit war im Deutschland der Minnesängerzeit 
der Blutadel ein hervorragendes Kulturelement; während 
anderseits der katholische Geistesadel der Jesuiten und 
der chinesische Geistesadel der Mandarinen in ihrer 
Blütezeit ebensoviel Charakter wie Geist bewiesen. 

Im Junker und Literaten gipfeln die Gegensätze des 
rustikalen und urbanen Menschen. Typischer Beruf der 
Junkerkaste ist der Offiziersberuf; typischer Beruf der 
Literatenkaste der Journalistenberuf. 


12 


Der Junker-Offizier blieb, psychisch wie geistig, auf 
der Stufe des Ritters stehen. Hart gegen sich und andere, 
pflichttreu, energisch, standhaft, konservativ und be- 
schränkt, lebt er in einer Welt dynastischer, militaristi- 
scher, nationaler und sozialer Vorurteile. Mit einem 
tiefen Mißtrauen gegen alles Moderne, gegen Großstadt, 
Demokratie, Sozialismus, Internationalismus verbindet 
er einen ebenso tiefen Glauben an sein Blut, seine Ehre 
und die Weltanschauung seiner Väter. Er verachtet den 
Städter, vor allem den jüdischen Literaten und Jour- 
nalisten. 

Der Literat eilt seiner Zeit voran; vorurteilsfrei vertritt 
er moderne Ideen in Politik, Kunst, Wirtschaft. Er ist 
fortschrittlich, skeptisch, geistreich, vielseitig, wandel- 
bar; ist Eudämonist, Rationalist, Sozialist, Materialist. 
Er überschätzt den Geist, unterschätzt Körper und 
Charakter: und verachtet daher den Junker als rück- 
ständigen Barbaren. 

Wesen des Junkers ist Starrheit des Willens — 
Wesen des Literaten ist Beweglichkeit des Geistes. 

Junker und Literat sind geborene Rivalen und Gegner: 
wo die Junkerkaste herrscht, muß Geist der Gewalt 
weichen; in solchen reaktionären Zeiten ist der politische 
Einfluß der Intellektuellen ausgeschaltet oder mindestens 
eigeschränkt. Herrscht die Literatenkaste, muß die 
Gewalt dem Geiste weichen: Demokratie siegt über 
Feudalismus, Sozialismus über Militarismus. 

Der Haß der Willensaristokratie und der Geistes- 
aristokratie Deutschlands gegeneinander wurzelt im 
Mißverstehen. Jede sieht nur die Schattenseiten der 
anderen und ist blind gegen deren Vorzüge. Die Psyche 
des Junkers, des Rustikalmenschen, bleibt selbst hoch- 
stehenden Literaten ewig verschlossen; während fast allen 


13 


Junkern die Seele des Intellektuellen, des Urban- 
menschen, fremd bleibt. Statt von dem anderen zu 
lernen, blickt der jüngste Leutnant mit Geringschätzung 
auf die führenden Geister moderner Literatur herab, 
während der letzte Winkeljournalist für hervorragende 
Offiziere nur überlegene Verachtung empfindet. Durch 
dieses doppelte Mißverstehen fremder Mentalität hat 
erst das militaristische Deutschland die Widerstands- 
kraft der urbanen Massen gegen den Krieg unterschätzt, 
dann das revolutionäre Deutschland die Widerstands- 
kraft der rustikalen Massen gegen die Revolution. Die 
Führer des Landes verkannten die Psyche der Stadt und 
ihre Neigung zum Pazifismus - — die Führer der Städte 
verkannten die Psyche des Landvolkes und ihre Neigung 
zur Reaktion: so hat Deutschland erst den Krieg ver- 
loren, dann die Revolution. 

Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten 
ist darin begründet, daß diese beiden 1 ypen Extreme, 
nicht Gipfelpunkte von Blut- und Geistesadel sind. Denn 
die höchste Erscheinungsform des Blutadels ist der 
Grand-seigneur, des Geistesadels das Genie. Diese 
beiden Aristokraten sind nicht nur vereinbar: sie sind 
verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur, 
war der genialste Römer; Goethe, der Giplel an 
Genialität, war von allen deutschen Dichtern am meisten 
Grand-seigneur. Hier wie überall entfernen sich die 
Mittelstufen am stärksten, während die Gipfel sich 
berühren. 

Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokrat des 
Willens und des Geistes, aber weder Junker noch Literat. 
Er verbindet Weitblick mit Willensstärke, Lrteilskratt 
mit Tatkraft, Geist mit Charakter. Fehlen solche synthe- 
tische Persönlichkeiten, so sollten die divergierenden 


14 


Aristokraten des Willens und des Geistes einander 
ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa 
herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle und 
Krieger) gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der 
Kraft des Willens, die Könige vor der Kraft des Geistes: 
Hirne wiesen die Ziele, Arme bahnten die Wege. 


15 


3. GENTLEMAN —BOHEMIEN 


Blut- und Geistesadel Europas schufen sich ihre 
spezifischen Typen: Englands Blutadel den Gentle- 
man; Frankreichs Geistesadel den Bohemien. 

Gentleman und Bohemien begegnen sich im Bestreben, 
der öden Häßlichkeit spießbürgerlichen Daseins zu ent- 
fliehen: der Gentleman überwindet sie durch Stil, der 
Bohemien durch Temperamen t. Der Gentleman setzt 
der Formlosigkeit des Lebens Form — der Bohemien 
der Farblosigkeit des Lebens F arbe entgegen. 

Der Gentleman bringt in die Unordnung menschlicher 
Beziehungen Ordnung — der Bohemien in deren Un- 
freiheit Freiheit. 

Die Schönheit des Gentleman-Ideals beruht auf Form, 
Stil, Harmonie: sie ist statisch, klassisch, apol- 
linisch. Die Schönheit des Bohemien-Ideals beruht 
auf Temperament, Freiheit, Vitalität: sie ist dyna- 
misch, romantisch, dionysisch. 

Der Gentleman idealisiert und stilisiert seinen Beich- 

tum der Bohemien idealisiert und stilisiert seine 

Armut. 

Der Gentleman ist auf Tradition gestellt, der Bohemien 
auf Protest: das Wesen des Gentleman ist konservativ — 


16 


das Wesen des Bohemien revolutionär. Mutter des 
Gentleman-Ideales ist England, das konservativste Land 
Europas — Wiege der Boheme ist Frankreich, das 
revolutionärste Land Europas. 

Das Gentleman-Ideal ist die Lebensform einer Kaste — 
das Boheme-Ideal Lebensform von Persönlichkeiten. 

Das Gentleman-Ideal weist jenseits von England 
zurück zur römischen Stoa — das Boheme-Ideal weist 
jenseits von Frankreich zurück auf die griechische Agora. 
Die römischen Staatsmänner näherten sich dem Gentle- 
mantypus, die griechischen Philosophen dem Bohe- 
mientypus: Cäsar und Seneca waren Gentlemen, 
Sokrates und Diogenes Bohemiens. 

Der Schwerpunkt des Gentleman liegt im Physisch- 
Psychischen — des Bohemien im Geistigen: der Gentle- 
man darf Dummkopf, der Bohemien darf Verbrecher 
sein. 

Beide Ideale sind menschliche Kristallisationsphäno- 
mene: wie der Kristall nur in unstarrer Umgebung sich 
bilden kann, so verdanken jene beiden Ideale ihr Dasein 
der englischen und französischen Freiheit. 

Im kaiserlichen Deutschland fehlte diese Atmo- 
sphäre zur Persönlichkeitskristallisation: daher konnte 
es kein ebenbürtiges Ideal entwickeln. Zum Gentleman 
fehlte dem Deutschen der Stil, zum Bohemien das 
Temperament, zu beiden Grazie und Geschmeidigkeit. 

Da er in seiner Wirklichkeit keine ihm angemessene 
Lebensform fand, suchte der Deutsche in seiner Dichtung 
nach idealen Verkörperungen deutschen Wesens: und 
fand als physisch-psychisches Ideal den jungen Sieg- 
fried, als geistiges Ideal den alten Faust. 

Beide Ideale waren romantisch-unzeitgemäß: in der 
Verzerrung der Wirklichkeit erstarrte das romantische 


2 Coudenhove-Kalergi, Adel. 


17 



Siegfried-Ideal zum preußischen Offizier, zum Leut- 
nant — das romantische Faust-Ideal zum deutschen 
Gelehrten, zum Professor. 

An die Stelle organischer Ideale traten mechanische: 
der Offizier repräsentiert die Mechanisierung des Psy- 
chischen: den erstarrten Siegfried; der Professor die 
Mechanisierung des Geistigen: den erstarrten Faust. 

Auf keine seiner Klassen war das Wilhelminische 
Deutschland stolzer als auf seine Offiziere und Profes- 
soren. In ihnen sah es die Blüte der Nation, wie England 
in seinen politischen Führern, die romanischen Völker 
in ihren Künstlern. 

Will das deutsche Volk Höherentwicklung, so muß es 
seine Ideale revidieren: seine Tatkraft muß die militäri- 
sche Einseitigkeit sprengen und sich weiten zu politisch- 
menschlicher Vielseitigkeit; sein Geist muß die rein- 
wissenschaftliche Enge sprengen und sich weiten zur 
Synthese des Dichter-Denkers. 

Das neunzehnte Jahrhundert hat dem deutschen Volke 
zwei Männer größten Stiles geschenkt, die diese 
Forderungen höheren Deutschtums verkörperten: Bis- 
marck, den Heros der Tat; Goeth e, den Heros des 
Geistes. 

Bismarck erneuert, vertieft und belebt das kitschig 
gewordene Siegfried-Ideal — Goethe erneuert, vertieft 
und belebt das verstaubte Faust-Ideal. 

Bismarck hatte die guten Eigenschaften des deutschen 
Offiziers — ohne dessen Fehler; Goethe hatte die guten 
Eigenschaften des deutschen Gelehrten — ohne dessen 
Fehler. In Bismarck überwindet die Überlegenheit des 
Staatsmannes die Beschränktheit des Offiziers — in 
Goethe überwindet die Überlegenheit des Dichter- 
Denkers die Beschränktheit des Gelehrten: in beiden das 


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organische Persönlichkeitsideal das Mechanische, der 
Mensch die Marionette. 

Durch seine vorbildliche Persönlichkeit hat Bismarck 
mehr für die Entwicklung des Deutschtums getan als 
durch seine Reichsgründung; durch sein olympisches 
Dasein hat Goethe das deutsche Volk reicher beschenkt 
als durch seinen Faust: denn Faust ist, wie Goetz, Wer- 
ther, Meister und Tasso, nur ein Fragment von Goethes 
Menschentum. 

Deutschland sollte sich aber hüten, seine beiden 
lebendigen Vorbilder zu verkitschen und herabzuziehen: 
aus Bismarck einen Feldwebel, aus Goethe einen Schul- 
meister zu machen. 

An der Nachfolge dieser beiden Gipfel deutschen 
Menschentums könnte Deutschland wachsen und ge- 
sunden; von ihnen kann es tätige und beschauliche 
Größe lernen, Tatkraft und Weisheit. Denn Bismarck 
und Goethe sind die beiden Brennpunkte, um die sich 
ein neuer deutscher Lebensstil bilden könnte, der den 
westlichen Idealen ebenbürtig wäre. 


2 * 


19 


4. INZUCHT 


KREUZUNG 


Meist ist der Rustikalmenseh Inzuchtprodukt, 
der Urbanmensch Mischling. 

Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich 
aus der gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen 
aus derselben dünnen Oberschicht, in beiden Fällen sind 
die Vorfahren untereinander blutsverwandt und daher 
meist physisch, psychisch, geistig einander ähnlich. 
Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge, 
Willenstendenzen, Leidenschaften. Vorurteile. Hem- 
mungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und 
Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser 
Inzucht ergeben, sind: Treue, Pietät, Familiensinn, 
Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn, Energie, Be- 
schränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objek- 
tivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation 
nicht Variation der vorhergehenden, sondern einfach 
deren Wiederholung: an die Stelle von Entwicklung tritt 
Erhaltung. 

In der Großstadt begegnen sich Völker. Rassen, 
Stände. In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus 
verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In 
ihm heben sich die entgegengesetzten Charaktereigen- 


20 


schäften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen 
und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf 
oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, 
daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungs- 
losigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosig- 
keit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, 
geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite 
des Horizontes verbinden. Mischlinge unterscheiden sich 
stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation 
ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im 
Sinne der Evolution oder der Degeneration. 

Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch — der 
Mischling Mehrseelenmensc h. In jedem Individuum 
leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: gleichen 
sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie 
auseinander, so ist der Mensch vielfältig, kompliziert, 
differenziert. 

Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das 
ist in seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen; 
die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das 
ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig 
zu wollen. So sind, in gewissem Sinne, Weisheit und 
Tatkraft Widersprüche. 

Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines 
Menschen, die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen 
und sich vorurteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen 
— - desto schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach 
einer bestimmten Richtung hin unbedenklich zu handeln: 
denn jedem Motiv stellen sich Gegenmotive entgegen, 
jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht in ihre 
kosmische Redeutungslosigkeit. 

Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige 
Mensch sein. Es gibt aber nicht bloß eine unbewußte, 


21 


naive: es gibt auch eine bewußte, heroische Be- 
schränktheit. Der heroisch Beschränkte — und zu 
diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen 
— schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens 
aus, bis auf die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv, 
kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach 
seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig, 
einseitig, ungerecht. 

Weisheit hemmt Tatkraft — Tatkraft ver- 
leugnet Weisheit. Der stärkste Wille ist 
wirkungslos, wenn er richtungslos ist; auch 
ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung 
aus, wenn er einseitig ist. 

Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, 
Schuld: wer sich scheut, dieses Odium zu tragen, der 
hleihe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit, 
der Passivität. — Wahrhafte Menschen sind immer 
schweigsam: denn jede Behauptung ist, in gewissem 
Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv: 
denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer 
aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu 
handeln, auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun. 

Inzucht stärkt den Charakter, schwächt 
den Geist — Kreuzung schwächt den Cha- 
rakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreu- 
zung unter glücklichen Auspizien Zusammentreffen, 
zeugen sie den höchsten Menschentypus, der stärksten 
Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter 
unglücklichen Auspizien Inzucht und Mischung sich 
begegnen, schaffen sie Degenerationstypen mit schwa- 
chem Charakter, stumpfem Geist. 

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. 
Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmen- 


22 


den Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum 
Opfer fallen. Die eurasisch-negroide Zukunfts- 
rasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die 
Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlich- 
keiten ersetzen. Denn nach den Vererbungsgesetzen 
wächst mit der Verschiedenheit der Vorfahren die Ver- 
schiedenheit, mit der Einförmigkeit der Vorfahren die 
Einförmigkeit der Nachkommen. In Inzuchtfamilien 
gleicht ein Kind dem anderen: denn alle repräsentieren 
den einen gemeinsamen Familientypus. In Mischlings- 
familien unterscheiden sich die Kinder stärker vonein- 
ander: jedes bildet eine neuartige Variation der diver- 
gierenden elterlichen und vorelterlichen Elemente. 

Inzucht schafft charakteristische Typen 
— Kreuzung schafft originelle Persönlich- 
keiten. 

Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist 
im modernen Europa der Russe als slawisch-tatarisch- 
finnischer Mischling; weil er, unter allen europäischen 
Völkern, am wenigsten Rasse hat, ist er der typische 
Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, allumfassen- 
den Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare 
Brite, der hochgezüchtete Einseelenmensch, dessen 
Kraft im Charakter, im Willen, im Einseitigen, Typischen 
liegt. Ihm verdankt das moderne Europa den geschlos- 
sensten, vollendetsten Typus: den Gentleman. 


5. HEIDNISCHE UND CHRISTLICHE 
MENTALITÄT 


Zwei Seelenformen ringen um Weltherrschaft: Hei- 
dentum und Christentum. Mit den Konfessionen, 
die diese Namen tragen, haben jene Seelenformen nur 
sehr äußerliche Beziehungen. Wird der Schwerpunkt 
vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen 
ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus 
in Ultra-Christentum, während Amerikanismus als 
modernisiertes Heidentum erscheint. Der Orient ist 
Hauptträger christlicher, der Okzident Hauptträger 
heidnischer Mentalität: die „heidnischen“ Chinesen sind 
bessere Christen als die „christlichen“ Germanen. 

Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an 
die Spitze der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist 
der liebende Heilige, heidnisches Ideal der siegende Held. 
Christentum will den homo ferus in einen homo dome- 
sticus wandeln, das Raubtier Mensch in das Haustier 
Mensch — während Heidentum den Menschen zum 
Übermenschen umschaffen will. Christentum will 
Tiger zu Katzen zähmen — Heidentum 
Katzen zu Tigern steigern. 

Hauptverkünder modernen Christentums war T o 1- 


24 


stoi; Hauptverkünder modernen Heidentums Nietz- 
sche. 

Die germanische Edda-Religion war reinstes Heiden- 
tum. Unter christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter 
als ritterliche, in der Neuzeit als imperialistische und 
militaristische Weltanschauung. Offiziere, Junker, Kolo- 
nisatoren. Industriekapitäne sind die führenden Reprä- 
sentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit, 
Größe, Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die 
Ideale des Heidentums; während Liebe. Milde, Demut, 
Mitleid und Selbstverleugnung christliche Ideale sind. 

Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich 
weder mit der Antithese: Rustikalmensch-Urbanmensch, 
noch mit: Inzucht-Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen 
Rustikalbarbarei und Inzucht die Entwicklung heid- 
nischer. Urbanzivilisation und Mischung die Entwicklung 
christlicher Mentalität. 

Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur 
in dünnbevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne 
sich behaupten und rücksichtslos entfalten kann, ohne 
gleich in Gegensatz zu seinen Mitmenschen zu geraten. 
In übervölkerten Gegenden, wo Mensch an Mensch stößt, 
muß das sozialistische Prinzip gegenseitiger Unter- 
stützung das individualistische Prinzip des Daseins- 
kampfes ergänzen und, zum Teil, verdrängen. 

Christentum und Sozialismus sind inter- 
nationale Großstadtprodukte. Das Christentum nahm 
als Weltreligion seinen Ausgang von der rasselosen 
Weltstadt Rom; der Sozialismus von den national 
gemischten Industriestädten des Abendlandes. Reide 
Äußerungen christlicher Mentalität sind auf Inter- 
nationalismus aufgebaut. Der Widerstand gegen das 
Christentum ging von der Landbevölkerung aus 


25 


(pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das 
der Verwirklichung sozialistischer Lebensform den 
stärksten Widerstand entgegenstellt. 

Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden 

Zentren heidnischen Wollens, dichtbevölkerte südliche 

Gegenden Brutstätten christlichen Fühlens. Wo heute 
vom Gegensatz östlichen und westlichen Seelenlebens 
die Rede ist, wird meistens darunter nichts verstanden 
als jener Gegensatz zwischen Menschen des Südens und 
des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kultur- 
orientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; wah- 
rend die Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners 
orientalisch ist. Für die Zustände der Seele scheint der 
Breitegrad entscheidender zu sein als der Längen- 

grad. . . 

Nicht nur die geographische Lage: auch die historische 

Entwicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines 
Volkes. Das chinesische wie das jüdische Volk empfinden 
deshalb christlicher als das germanische, weil ihre 
Kulturvergangenheit älter ist. Der Germane steht zeitlich 
dem Wilden näher als der Chinese oder Jude; diese 
beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher von 
der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung eman- 
zipieren, weil sie mindestens drei Jahrtausende länger 
dazu Zeit hatten. — Heidentum ist ein Symptom 
kultureller Jugend — Christentum ein 
Symptom kulturellen Alters. 

Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben, 
jedes auf seine Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst 
das ästhetisch-philosophische Volk der Griechen: im 
Hellenismus; dann das praktisch-politische Volk der 
Römer: im Imperium Romanum, schließlich das 
ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum. 


26 


Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern 
(Johannes), geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo) 
vorbereitet, war regeneriertes Judentum. Soweit Europa 
christlich ist, ist es (im ethisch-geistigen Sinne) jüdisch; 
soweit Europa moralisch ist, ist es jüdisch. Fast die 
ganze europäische Ethik wurzelt im Juden- 
tum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen 
christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant 
und Tolstoi, waren Wahljuden im geistigen Sinne; 
Nietzsche ist der einzige nicht-jüdische, der einzige 
heidnische Ethiker Europas. 

Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter 
christlicher Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt 
Pazifismus und Sozialismus heißen, sind Juden. 

Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par 
excellence (im Gegensatz zu den ästhetisch-heroischen 
Japanern und den religiös-spekulativen Indern) — im 
Westen das jüdische. Gott war Staatsoberhaupt der alten 
Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches Gesetzbuch, Sünde 
war Verbrechen. 

Der theokratischen Idee der Identifikation von 
Politik und Ethik ist das Judentum im Wandel der 
J ahrtausende treu geblieben : Christentum und 
Sozialismus sind beides Versuche, ein Gottesreich 
zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Ur- 
christen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer, Erben und 
Erneuerer mosaischer Tradition; heute sind es weder die 
Zionisten noch die Christen, sondern die jüdischen 
Führer des Sozialismus: denn auch sie wollen, mit 
höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des Kapitalis- 
mus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und 
Knechtschaft erlösen und die entsühnte Welt in ein 
irdisches Paradies wandeln. 


27 


Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine 
neue Weltepoche vorbereiten, ist in allem das Ethische 
primär: in Politik, Religion, Philosophie und Kunst. Von 
Moses bis Weininger war Ethik Hauptproblem jüdi- 
scher Philosophie. In dieser ethischen Grundeinstellung 
zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des 
jüdischen Volkes — zugleich aber die Gefahr, daß Juden, 
die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen 
Egoisten herabsinken: während Menschen anderer 
Mentalität auch nach Verlust ihrer ethischen Einstellung 
noch eine Fülle ritterlicher Werte und Vorurteile 
(Ehrenmann, Gentleman, Kavalier usw.) übrigbehalten, 
die sie vor dem Sturz in das Werte-Chaos schützen. 

Was die Juden von den Durchschnitts- Städtern haupt- 
sächlich scheidet, ist, daß sie Inzuchtmenschen sind. 
Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe präde- 
stiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exem- 
plaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen 
wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten 
des Kapitalismus wie der Revolution. 


28 


I 


ZWEITER TEIL: 

KLUSE DES ADELS 



6. GEISTESHERRSCHAFT STATT 
SCHWERTHERRSCHAFT 

Unser demokratisches Zeitalter ist ein klägliches 
Zwischenspiel zwischen zwei großen aristokratischen 
Epochen: der feudalen Aristokratie des 

Schwertes und der sozialen Aristokratie des 
Geistes. Die Feudalaristokratie ist im Verfall, die 
Geistesaristokratie im Werden. Die Zwischenzeit nennt 
sich demokratisch, wird aber in Wahrheit beherrscht 
von der Pseudo-Aristokratie des Geldes. 

Im Mittelalter herrschte in Europa der rustikale Ritter 
über den urbanen Bürger, heidnische Mentalität über 
christliche, Blutadel über Hirnadel. Die Überlegenheit 
des Ritters über den Bürger beruhte auf Körper- und 
Charakterstärke, auf Kraft und Mut. 

Zwei Erfindungen haben das Mittelalter bezwungen, 
die Neuzeit eröffnet: die Erfindung des Pulvers 
bedeutete das Ende der Ritterherrschaft, die Erfindung 
des Buchdrucks den Anbruch der Geistesherrschaft. 
Körperkraft und Mut verloren durch die Einführung der 
Feuerwaffe ihre ausschlaggebende Bedeutung im Daseins- 
kampf: Geist wurde, im Ringen um Macht und Freiheit, 
zur entscheidenden Waffe. 


31 


Der Buchdruck gab dem Geist ein Machtmittel von 
unbegrenzter Tragweite; rückte die schreibende Mensch- 
heit in den Mittelpunkt der lesenden und erhob so den 
Schriftsteller zum geistigen Führer der Massen. Guten- 
berg hat den Federn die Macht gegeben, die 
Schwarz den Schwertern genommen hatte. 
Mit Hilfe der Druckerschwärze hat Luther ein größeres 
Reich erobert als alle deutschen Kaiser. 

In der Epoche des aufgeklärten Despotismus 
gehorchten Herrscher und Staatsmänner den Ideen, die 
von Denkern stammten. Die Schriftsteller jener Zeit 
bildeten eine geistige Aristokratie Europas. Der Sieg des 
Absolutismus über den Feudalismus bedeutete den ersten 


Sieg der Stadt über das Land und zugleich die erste 
Etappe im Siegeslauf des Geistesadels, im Sturz des 
Schwertadels. An die Stelle der mittelalterlichen Diktatur 
des Landes über die Stadt trat die neuzeitliche 
Diktatur der -Stadt über das Land. 

Mit der französischen Revolution, die mit den 
Privilegien des Blutadels brach, begann die zweite 
Epoche der Emanzipation des Geistes. Demokratie 
beruht auf der optimistischen Voraussetzung, ein geisti- 
ger Adel könne durch die Volksmehrheit erkannt und 
gewählt werden. 

Nun stehen wir an der Schwelle der dritten Epoche 
der Neuzeit: des Sozialismus. Auch er stützt sich auf 
die urbane Klasse der Industriearbeiter, geführt von der 
geistigen Urban-Aristokratie revolutionärer Schrift- 


steller. 

Der Einfluß des Blutadels sinkt, der Ein- 
fluß des Geistesadels wächst. 

Diese Entwicklung, und damit das Chaos moderner 
Politik, wird erst dann ein Ende finden, bis eine geistige 


32 


Aristokratie die Machtmittel der Gesellschaft: Pulver, 
Gold, Druckerschwärze an sich reißt und zum Segen der 
Allgemeinheit verwendet. 

Eine entscheidende Etappe zu diesem Ziel bildet der 
russische Bolschewismus, wo eine kleine Schar 
kommunistischer Geistesaristokraten das Land regiert 
und bewußt mit dem plutokratischen Demokratismus 
bricht, der heute die übrige Welt beherrscht. 

Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus 
um das Erbe des besiegten Blutadels ist ein Bruderkrieg 
des siegreichen Hirnadels, ein Kampf zwischen indivi- 
dualistischem und sozialistischem, egoistischem und 
altruistischem, heidnischem und christlichem Geist. Der 
Generalstab beider Parteien rekrutiert sich aus der 
geistigen Führerrasse Europas: dem Judentum. 

Kapitalismus und Kommunismus sind beide rationa- 
listisch, beide mechanistisch, beide abstrakt, beide urban. 

Der Schwertadel hat endgültig ausgespielt. Die Wir- 
kung des Geistes, die Macht des Geistes, der Glaube an 
den Geist, die Hoffnung auf den Geist wächst: und mit 
ihnen ein neuer Adel. 


ü Coudenhove-KalergijAdel. 


33 



7. ADELSDÄMMERUNG 


Im Verlaufe der Neuzeit wurde der Blut- 
adel durch die Hof -Atmosphäre, der Geistes- 
adel durch den Kapitalismus vergiftet. 

Seit dem Ende der Ritterzeit befindet sich der Hoch- 
adel des kontinentalen Europa, mit spärlichen Aus- 
nahmen, im Zustande progressiver Dekadenz. Durch 
seine Urbanisierung hat er seine körperlichen und 
seelischen Vorzüge verloren. 

Zur Zeit des Feudalismus war der Blutadel dazu 
berufen, sein Land gegen Angriffe des Feindes und 
Übergriffe des Herrschers zu schützen. Der Edelmann 
war frei und selbstbewußt gegen Untergebene, Gleich- 
gestellte, Höhergestellte; König auf seinem Landbesitz, 
konnte er nach ritterlichen Grundsätzen seine Persön- 
lichkeit frei entfalten. 

Der Absolutismus änderte diese Situation: der oppo- 
sitionelle Adel, der, frei, stolz und tapfer, auf seine 
historischen Rechte bestand, wurde, soweit es ging, aus- 
gerottet; der Rest wurde an den Hof gezogen und dort 
in eine glänzende Knechtschaft gedrängt. Dieser Hofadel 
war unfrei, abhängig von den Launen des Herrschers 
und seiner Kamarilla; so mußte er seine besten Eigen- 


34 


schäften verlieren: Charakter, Freiheitsdrang, Stolz:, 
Führerschaft. Um den Charakter und damit die Wider- 
standskraft des französischen Adels zu brechen, lockte 
ihn Ludwig XIV. nach Versailles; der großen Revolution 
blieb die Vollendung seines Werkes Vorbehalten: sie hat 
dem Adel, der seine Vorzüge preisgegeben und verloren 
hatte, seine überlebten Vorrechte genommen. 

Nur in jenen Ländern Europas, wo der Adel, seiner 
ritterlichen Mission treu, Führer und Vorkämpfer der 
nationalen Opposition gegen monarchischen Despotis- 
mus und Fremdherrschaft blieb, erhielt sich ein adeliger 
Führertypus: in England, Ungarn, Polen, Italien. 

Seit der Wandlung der europäischen Kultur aus einer 
ritterlich-rustikalen in eine bürgerlich-urbane blieb der 
Blutadel in geistig-kultureller Hinsicht hinter dem 
Bürgertum zurück. Krieg, Politik und die Verwaltung 
seiner Güter nahmen ihn so sehr in Anspruch, daß seine 
geistigen Fähigkeiten und Interessen vielfach verküm- 
merten. 

Diese historischen Ursachen neuzeitlicher Adels- 
dämmerung wurden noch durch physiologische ver- 
stärkt. An Stelle des harten, mittelalterlichen Kriegs- 
dienstes brachte die Neuzeit dem Adel meist arbeitsloses 
Wohlleben; aus dem bedrohtesten Stand wurde der Adel 
durch seinen Erbreichtum allmählich zum gesichertsten; 
dazu kamen noch die degenerativen Einflüsse über- 
triebener Inzucht, denen der englische Adel durch 
häufige Mischung mit bürgerlichem Blute entging. Durch 
das Zusammenwirken dieser Umstände verfiel der 
physische, psychische und geistige Typus 
einstigen Adels. 

Der Hirnadel konnte den Blutadel nicht ablösen, weil 
auch er sich in einer Krise, in einem Verfallzustand 


35 


befindet. Demokratie entstand aus Verlegenheit: nicht 
deshalb, weil die Menschen keinen Adel wollten, sondern 
deshalb, weil sie keinen Adel fanden. Sobald sich ein 
neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von 
selbst verschwinden. Weil England echten Adel besitzt, 
blieb es, trotz seiner demokratischen Verfassung, aristo- 
kratisch. 

Der akademische Hirnadel Deutschlands, vor 
einem Jahrhundert Führer der Opposition gegen Abso- 
lutismus und Feudalismus, Vorkämpfer moderner und 
freiheitlicher Ideen, ist heute zur Hauptstütze der 
Reaktion, zum Hauptgegner geistiger und politischer 
Erneuerung herabgesunken. Dieser Pseudo-Geistesadel 
Deutschlands war im Kriege Anwalt des Militarismus, in 
der Revolution Verteidiger des Kapitalismus. Seine Leit- 
worte: Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus, 
Alkoholismus, sind zugleich die ' Losungsworte im 
Kampfe wider den Geist. Ihre verantwortungsreiche 
Mission: den Feudaladel abzulösen und den Geistesadel 
vorzubereiten, hat die akademische Intelligenz verkannt, 
verleugnet, verraten. 

Auch die publizistische Intelligenz hat ihre 
Führermission verraten. Sie, die berufen war, geistige 
Führerin und Lehrerin der Massen zu werden, zu ergän- 
zen und zu verbessern, was ein rückständiges Schul- 
system versäumt und verbrochen hat — erniedrigte sich 
in ihrer ungeheuren Mehrheit zur Sklavin des Kapitals, 
zur Verbildnerin des politischen und künstlerischen 
Geschmackes. Ihr Charakter zerbrach unter dem Zwang, 
statt eigener Überzeugungen fremde zu vertreten und zu 
verteidigen — ihr Geist verflachte durch die Über- 
produktion, zu der ihr Beruf sie zwingt. 

Wie der Rhetor der Antike, so steht der Journalist der 


36 


Neuzeit im Zentrum der Staatsmaschine: er bewegt die 
Wähler, die Wähler die Abgeordneten, die Abgeordneten 
die Minister. So fällt dem Journalisten die höchste Ver- 
antwortung für alles politische Geschehen zu: und gerade 
er, als typischer Vertreter urbaner Charakterlosigkeit, 
fühlt sich meist von jeder Verpflichtung und Verant- 
wortung frei. 

Schule und Presse sind die beiden Punkte, von 
denen aus die Welt sich unblutig, ohne Gewalt erneuern 
und veredeln ließe. Die Schule nährt oder ver- 
giftet die Seele des Kindes; die Presse nährt 
oder vergiftet die Seele des Erwachsenen. 
Schule und Presse sind heute beide in den Händen einer 
ungeistigen Intelligenz: sie in die Hände des Geistes 
zurückzulegen, wäre die höchste Aufgabe jeder idealen 
Politik, jeder idealen Revolution. 

Die Herrscherdynastien Europas sind durch Inzucht 
herabgekommen; die Plutokratendynastien durch Wohl- 
leben. Der Blutadel verkam, weil er Diener 
der Monarchie wurde; der Geistesadel ver- 
kam, weil er Diener des Kapitals wurde. 

Beide Aristokratien hatten vergessen, daß mit jedem 
Vorzug, mit jeder Auszeichnung und Ausnahmestellung 
Verantwortung verknüpft ist. Sie haben den Wahl- 
spruch alles wahren Adels verlernt: „Noblesse 
oblige!“ Sie wollten die Früchte ihrer Vorzugsstellung 
genießen, ohne deren Pflichten zu tragen; fühlten sich 
als Herren und Vorgesetzte, nicht als Führer und Vor- 
bilder ihrer Mitmenschen. Statt dem Volke neue Ziele 
zu weisen, neue Wege zu bahnen, ließen sie sich von 
Herrschern und Kapitalisten zu Werkzeugen ihrer Inter- 
essen mißbrauchen: um Wohlleben, Ehrenstellen und 
Geld verkauften sie ihre Seelen, ihr Blut und ihr Hirn. 


37 


Der alte Adel des Blutes und des Hirnes hat den 
Anspruch verloren, weiter noch als Aristokratie zu 
gelten; denn es fehlen ihm die Zeichen allen echten 
Adels: Charakter, Freiheit, Verantwortung. Die Fäden, 
die sie mit ihren Völkern verbanden, haben sie zer- 
schnitten : durch Standesdünkel auf der einen, 
Bildungsdünkel auf der anderen Seite. 

Es liegt im Sinne historischer Nemesis, daß die große 
Sintflut, die von Rußland ihren Ausgang nimmt, auf 
blutigem oder unblutigem Wege die Welt von den Usur- 
patoren reinigt, die ihre Vorzugsstellungen behaupten 
wollen, während sie längst deren einstige Voraussetzun- 
gen verloren haben. 


9 


38 


8. P LUTOKRA TIE 

Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es 
nicht zu verwundern, daß eine dritte Menschenklasse 
provisorisch die Macht an sich riß: die Plutokratie. 

Die Yerfassungsform, die Feudalismus und Absolutis- 
mus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform 
plutokratisch. Heute ist Demokratie Fassade der 
Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht 
dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht über- 
lassen. während die faktische Macht in den Händen der 
Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monar- 
chischen Demokratien sind die Staatsmänner Mario- 
netten. die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die 
Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf 
der öfl entliehen Meinung die Wähler, durch geschäft- 
liche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister. 

An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die 
plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maß- 
gebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. 
Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristo- 
kratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der 
Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist. 

Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der 


39 


Geburtsaristokratie gerechter als heute das der Geld- 
aristokratie: denn damals hatte die herrschende Kaste 
Verantwortungsgefühl, Kultur, Tradition — während 
die Klasse, die heute herrscht, alles Verantwortungs- 
gefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte 
Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache. 

Während die Weltanschauung des Feudalismus 
heroisch-religiös war, kennt die plutokratische Gesell- 
schaft keine höheren Werte als Geld und Wohlleben: 
die Geltung eines Menschen wird taxiert nach dem, was 
er hat, nicht nach dem, was er ist. 

Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in 
gewissem Sinne eine Aristokratie, eine Aus- 
lese: denn zur Erraffung großer Vermögen sind eine 
Reihe hervorragender Eigenschaften nötig: Tatkraft, 
Umsicht. Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart, 
Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese 
Vorzüge legitimieren sich die erfolgreichen Großunter- 
nehmer als moderne Eroberernaturen, deren überlegene 
Willens- und Geisteskraft ihnen über die Masse minder- 
wertiger Konkurrenten den Sieg brachte. 

Diese Überlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur 
innerhalb der erwerbenden Menschenklasse — sie ver- 
schwindet sofort, wenn jene hervorragenden Geldver- 
diener gemessen werden an den hervorragenden Ver- 
tretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß ein 
tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und 
sozial höher aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen — 
ungerecht aber ist es. daß seine gesellschaftliche Macht 
und Geltung höher ist als die eines Künstlers. Gelehrten, 
Politikers, Schriftstellers. Lehrers, Richters. Arztes, der 
in seinem Berufe ebenso fähig ist wie jener, dessen 
Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen 


40 



dienen: daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem 
die egoistisch-materialistische Mentalität prämiert gegen- 
über einer altruistisch-idealen. 

In dieser Bevorzugung egoistischer Tüch- 
tigkeit gegenüber altruistischer, materialisti- 
scher gegenüber idealistischer liegt das Grundübel der 
kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; während die wah- 
ren Aristokraten des Geistes und Herzens: die Weisen 
und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usur- 
pieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung, 
zu der jene berufen wären. 

So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller 
Hinsicht Aristokratie — in ethischer und geistiger Be- 
ziehung Pseudo-Aristokratie; innerhalb der Erwerbs- 
klassen Aristokratie — an idealeren Berufen gemessen 
Pseudo-Aristokratie. 

Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so 
befindet sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer 
Verfallsperiode. Die Söhne und Enkel jener großen 
Unternehmer, deren Wille, durch Not und Arbeit 
gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht emporgeführt 
hatte, erschlaffen zumeist in Wohlleben und Untätigkeit. 
Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder 
sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen. 
Den Plutokratengeschlechtern fehlt jene Tradition und 
Weltanschauung, jener konservativ-rustikale Geist, der 
einst die Adelsgeschlechter jahrhundertelang vor Ent- 
artung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen über- 
nehmen das Machterbe ihrer Väter ohne die Gaben des 
Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war. 
Macht und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und 
unterhöhlen so die innere Berechtigung des Kapitalismus. 

Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen 


41 


Verfall beschleunigt. Durch die Hochkonjunktur des 
Krieges emporgetragen, beginnt eine neue Schieber 
P ulokraUe die alte Unternehmer-Plutokratre zu 

zersetzen und zu verdrängen. Während mit der Berei- 
cherung des Unternehmers der Volkswohlstand wachst, 
sinkt er mit der Bereicherung des Schiebers- Die Unt - 
„ehmer sind Führer der Wirtschaft - die Schiebe 
deren Parasiten: Unternehmertum ist produ 
tiv er — Schiebertum unproduktiver Kap 

'“oie gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupel- 
josen hemmungslosen und gewissenlosen Menschen den 
Gelderwerb. Für Spekulation*- und Schiebergewinne 
sind Glück und Rücksichtslosigkeit unentbehrlicher al 
hervorragende Willens- und Verstandesgaben. So reprä- 
sentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher eine 
Kakistokratie des Charakters als eine Aristo 
kratie der Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Vei- 

wilung der Grenzen zwischen Unternehmertum und 

Schiebertum wird der Kapitalismus vor dem Forum des 
Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert 

^iTeine 2 Aristokratie kann sich ohne moraiische Auto- 
rität dauernd behaupten. Sobald die herrschende 
Klasse aufhört, Symbol ethischer und ästhetischer Wer 
zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam. 

' Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen, 
arm an ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen 
Funktionen einer Aristokratie, ohne die u urw 
eines Adels zu bieten. Reichtum ist aber 

Kleide der Schönheit erträglich, nur als Trage 

einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt 
sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkei un 


42 


aufdringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfrucht- 
bar und abstoßend. 

Die europäische Plutokratie vernachlässigt — im 
Gegensatz zur amerikanischen — ihre ethische Mission 
ebensosehr wie ihre ästhetische: soziale Wohltäter 
großen Stiles sind ebenso spärlich wie Mäzene. Statt 
ihren Daseinszweck im sozialen Kapitalismus zu 
erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten 
Volksvermögens zu großzügigen Werken schöpferischer 
Humanität — fühlen sich die Plutokraten in ihrer 
erdrückenden Mehrheit berechtigt, ihr Wohlleben ver- 
antwortungslos auf Massenelend aufzubauen. Statt 
Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, statt 
Führer Irreführer. 

Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer 
Kultur zieht sich die Plutokratie nicht nur den Haß, 
sondern auch die Verachtung der öffentlichen Meinung 
und ihrer geistigen Führer zu: da sie es nicht verstand, 
Adel zu werden, muß sie fallen. 

Die russische Revolution bedeutet für die pluto- 
kratische Geschichtsepoche den Anfang vom Ende. Selbst 
wenn Lenin unterliegt, wird sein Schatten ebenso das 
zwanzigste Jahrhundert beherrschen, wie die fran- 
zösische Revolution trotz ihres Zusammenbruches die 
Entwicklung des neunzehnten bestimmt hat: nie hätten 
im kontinentalen Europa Feudalismus und Absolutismus 
freiwillig abgedankt — wenn nicht aus Angst vor einer 
Wiederholung jakobinischen Terrors, vor dem Ende des 
französischen Adels und Königs. So wird es dem 
Damoklesschwert bolschewistischen Terrors schneller 
gelingen, die Herzen der Plutokraten zu erweichen und 
sozialen Forderungen zugänglich zu machen als in zwei 
Jahrtausenden dem Evangelium Christi. 


43 


9. BLUTADEL UND ZUKUNFTSADEL 

Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger 
Schönheit; Schönheit auf vollendeter Harmonie und 
gesteigerter Vitalität: wer darin seine Mitwelt über- 
ragt, ist Aristokrat. 

Der alte aristokratische Typus ist im Aussterben; der 
neue noch nicht konstituiert. Unsere Zwischenzeit ist 
bettelarm an großen Persönlichkeiten: an schönen 
Menschen; an edlen Menschen; an weisen Menschen. 
Indessen usurpieren Epigonen des versunkenen Adels 
die toten Formen einstiger Aristokratie und füllen sie 
mit dem Inhalt ihrer armseligen Bürgerlichkeit. Die 
starke Lebensfülle einstigen Adels ist auf Emporkömm- 
linge übergegangen: doch ihnen fehlen seine Formen, 
seine Vornehmheit, seine Schönheit. 

Dennoch braucht die Zeit an der Idee des Adels, an 
der Zukunft eines Adels nicht zu verzweifeln. Will die 
Menschheit vorwärtsschreiten, braucht sie Führer, 
Lehrer, Wegweiser; Erfüllungen dessen, was sie werden 
will; Vorläufer ihrer künftigen Erhebung in höhere 
Sphären. Ohne Adel keine Evolution. Eudämo- 
nistische Politik kann demokratisch — evolutioni- 
stische Politik muß aristokratisch sein. Um 


44 


emporzusteigen, um vorwärtszuschreiten sind Ziele 
nötig; um Ziele zu erreichen, sind Menschen nötig, die 
Ziele setzen, zu Zielen führen: Aristokraten. 

Der Aristokrat als Führer ist ein politischer Begriff; 
der Adelige als Vorbild ist ein ästhetisches Ideal. Höchste 
Forderung verlangt, daß Aristokratie mit Adel, Führer 
mit Vorbild zusammenfällt: daß vollendeten Menschen 
die Führerschaft zufällt. 

Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur 
an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei 
Qualitätsrassen ab: Blutadel und Judentum. 
Voneinander geschieden, halten sie beide fest am Glau- 
ben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an 
menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden hete- 
rogenen Vorzugsrassen liegt der Kern des europäischen 
Zukunftsadels: im feudalen Blutadel, soweit er sich nicht 
vom Hofe, im jüdischen Hirnadel, soweit er sich nicht 
vom Kapital korrumpieren ließ. Als Bürgschaft einer 
besseren Zukunft bleibt ein kleiner Rest sittlich hoch- 
stehenden Rustikaladels und eine kleine Kampfgruppe 
revolutionärer Intelligenz. Hier wächst die Gemeinschaft 
zwischen Lenin, dem Mann aus ländlichem Kleinadel, 
und Trotzki, dem jüdischen Literaten, zum Symbol: 
hier versöhnen sich die Gegensätze von Charakter und 
Geist, von Junker und Literat, von rustikalem und 
urbanem, heidnischem und christlichem Menschen zur 
schöpferischen Synthese revolutionärer Aristokratie. 

Ein Schritt vorwärts im Geistigen würde genügen, um 
die besten Elemente des Blutadels, die auf dem Lande 
ihre physische und moralische Gesundheit vor den 
depravierenden Einflüssen der Hofluft bewahrt haben, 
in den Dienst der neuen Menschenbefreiung zu stellen. 
Denn zu dieser Stellungnahme prädestiniert sie ihr 


45 


traditioneller Mut, ihre antibürgerliche und antikapita- 
listische Mentalität, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Ver- 
achtung materiellen Vorteils, ihr stoisches Willens- 
training, ihre Integrität, ihr Idealismus. In geistigere und 
freiere Bahnen gelenkt, könnten sich die starken adeligen 
Energien, die bisher Stützen der Reaktion waren, zu 
neuer Blüte regenerieren und Führernaturen zeugen, die 
Unbeugsamkeit des Willens mit Seelengröße und Selbst- 
losigkeit verbinden; und, statt als Exponenten des 
Bürgertums (das ihnen im Innersten zuwider ist) kapita- 
listischen Interessen zu dienen, in eine Reihe treten 
mit den Vertretern des verjüngten Geistesadels zur 
Befreiung und Veredelung der Menschheit. 

Politik war in Europa durch Jahrhunderte Adels- 
privileg. Der Hochadel bildete eine internationale 
politische Kaste, in der diplomatische Talente heran- 
gezüchtet wurden. Seit vielen Generationen lebt der 
europäische Blutadel in einer politischen Atmosphäre, 
von der das Bürgertum mit Absicht ferngehalten wurde. 
Auf seinen Latifundien lernte der Adel die Kunst des 
Regierens, der Menschenbehandlung — auf den führen- 
den Staatsposten des In- und Auslandes die Kunst der 
Völkerbehandlung. Politik ist Kunst, nicht Wissenschaft; 
ihr Schwerpunkt liegt mehr im'Instinkt als im Verstände, 
mehr im Unterbewußten als im Bewußten. Politische 
Begabung läßt sich wecken und ausbilden, nie erlernen. 
Genie durchbricht alle Regeln: an politischen Talenten 
aber ist der Adel reicher als das Bürgertum. Denn, um 
Kenntnisse zu erwerben, genügt ein Einzelleben: um 
Instinkte zu züchten, bedarf es des Zusammenwirkens 
vieler Generationen. In den Wissenschaften und schönen 
Künsten überragt das Bürgertum an Begabung den Adel: 
in der Politik ist das Verhältnis umgekehrt. Daher 


46 


kommt es, daß auch die Demokratien Europas ihre 
Außenpolitik vielfach Abkömmlingen ihres Hochadels 
anvertrauen, denn es liegt im Staatsinteresse, die Erb- 
masse an politischer Begabung, die der Adel im Laufe 
der Jahrhunderte aufgespeichert hat, der Allgemeinheit 
nutzbar zu machen. 

Die politischen Fähigkeiten des Hochadels sind nicht 
zuletzt auf seine starke Blutmischung zurückzuführen. 
Denn diese nationale Rassenmischung weitet vielfach 
seinen Horizont und paralysiert so die üblen Folgen 
gleichzeitiger Kasten-Inzucht. Die große Mehrheit minder- 
wertiger Aristokraten verbindet die Nachteile der 
Mischung mit denen der Inzucht: Charakterlosigkeit mit 
Geistesarmut; während sich in den seltenen Höhepunkten 
modernen Hochadels die Vorzüge beider begegnen: 
Charakter mit Geist. 

In intellektueller Hinsicht klafft heutzutage zwischen 
der äußersten Rechten (konservativem Blutadel) und der 
äußersten Linken (revolutionärem Geistesadel) eine 
gewaltige Niveaudifferenz, während im Charakter diese 
scheinbaren Extreme sich berühren. Es liegt aber alles 
Intellektuelle, Bewußte an der Oberfläche — alles 
Charakteristische, Unbewußte in der Tiefe der Persön- 
lichkeit. Erkenntnisse und Meinungen sind leichter zu 
bilden und umzubilden als Charaktereigenschaften und 
Willensrichtungen. 

Lenin und Ludendorff sind in ihren politischen 
Idealen Antagonisten: in ihrer Willenseinstellung Brüder. 
Wäre Ludendorff im revolutionären Milieu russischen 
Studententums aufgewachsen; hätte er, wie Lenin, in 
früher Jugend die Hinrichtung seines Bruders durch 
kaiserliche Henker erlebt: wir würden ihn, wahrschein- 
lich. an der Spitze des roten Rußland sehen. Während 


47 


Lenin, in einer preußischen Kadettenschule großgezogen, 
vielleicht ein Über-Ludendorff geworden wäre. Was diese 
beiden verwandten Naturen scheidet, ist ihr geistiges 
Niveau. Lenins Beschränktheit scheint heroisch-bewußt, 
Ludendorffs Beschränktheit naiv-unbewußt zu sein. 
Lenin ist nicht bloß Führer — er ist auch Geistiger, 
sozusagen ein vergeistigter Ludendorff. 

Die gleiche Parallele läßt sich ziehen zwischen zwei 
anderen Vertretern der äußersten Linken und Rechten. 
Friedrich Adler und Graf Arco. Beide waren Mörder 
aus Idealismus, Märtyrer ihrer Überzeugung. Wäre 
Adler im militaristisch-reaktionären Milieu deutschen 
Blutadels, Arco im sozialistisch-revolutionären Milieu 
österreichischen Geistesadels aufgewachsen — so hätte, 
wahrscheinlich, die Kugel Arcos den Ministerpräsidenten 
Stürgkh, die Kugel Adlers den Ministerpräsidenten Eisner 
getroffen. Denn auch sie sind Brüder, getrennt durch 
die Verschiedenheit anerzogener Vorurteile, verbunden 
durch die Gemeinsamkeit heroisch-selbstlosen Charak- 
ters. Auch hier liegt der Unterschied im geistigen Niveau 
(Adler ist Geistesmensch), nicht in der Reinheit der 
Gesinnung. Wer den Charakter des Einen lobt, darf den 
des Anderen nicht herabsetzen — wie dies von beiden 
Seiten täglich geschieht. 

Wo potenzierte Lebenskraft ist, da ist Zukunft. Die 
Blüte des Bauerntums, der Landadel, hat (soweit er sich 
gesund erhielt) in tausendjähriger Symbiose mit der 
lebendigen und lebenspendenden Natur eine Fülle vitaler 
Kräfte gesammelt und aufgespeichert. Gelingt es einer 
modernen Erziehung, einen Teil dieser gesteigerten 
Lebensenergien ins Geistige zu sublimieren: dann könnte, 
vielleicht, der Adel der Vergangenheit entscheidenden 
Anteil nehmen am Aufbau des Adels der Zukunft. 


48 


10. JUDENTUM UND ZUKUNFTSADEL 

Hauptträger des korrupten wie des integren Hirn- 
adels: des Kapitalismus, Journalismus und Literaten- 
tums, sind Juden*. Die Überlegenheit ihres Geistes 
prädestiniert sie zu einem Haupt faktor zukünf- 
tigen Adels. 

Ein Blick in die Geschichte des jüdischen Volkes 
erklärt seinen Vorsprung im Kampf um die Menschheits- 
führung. Vor zwei Jahrtausenden war das Judentum 
eine Religionsgemeinschaft, zusammengesetzt aus ethisch- 
religiös veranlagten Individuen aller Nationen des antiken 
Kulturkreises, mit einem national-hebräischen Mittel- 
punkt in Palästina. Damals war bereits das Gemeinsame, 
Verbindende und Primäre nicht die Nation, sondern die 
Religion. Im Laufe des ersten Jahrtausends unserer 
Zeitrechnung traten in diese Glaubensgemeinschaft 
Proselyten aus allen Völkern ein, zuletzt König, Adel 
und Volk der mongolischen Chazaren, der Herren Süd- 
rußlands. Von da an erst schloß sich die jüdische 
Religionsgemeinschaft zu einer künstlichen Volks- 


* Das Folgende bezieht sich in erster Linie auf Mittel- und Ost- 
europa. 

4 Goudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 49 


Unfa.-ENüofhekf 
Resensbtifa f 



gemeinschaft zusammen und gegen alle übrigen 
Völker ab*. 

Durch unsagbare Verfolgungen versucht seit einem 
Jahrtausend das christliche Europa das jüdische Volk 
auszurotten. Der Erfolg war, daß alle Juden, die willens- 
schwach, skrupellos, opportunistisch oder skeptisch 
waren, sich taufen ließen, um dadurch den Qualen 
endloser Verfolgung zu entgehen. Anderseits gingen 
unter diesen vielfach erschwerten Lebensbedingungen 
alle Juden zugrunde, die nicht geschickt, klug und 
erfinderisch genug waren, den Daseinskampf in dieser 
schwierigsten Form zu bestehen. 

So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine 
kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein helden- 
mütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert 
von allen willensschwachen und geistesarmen Elementen. 
Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider 
Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß 
veredelt und zu einer Führernation der Zukunft erzogen. 
Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker 
entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas ent- 
wickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem 
Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Juden- 
emanzipation eine neue Adelsras se von Geistes 
Gnaden geschenkt. 

Der erste typische Repräsentant dieses werdenden 
Zukunftsadel war der revolutionäre Edeljude L a s s a 1 1 e, 
der in hohem Maße Schönheit des Körpers mit Edelmut 
des Charakters und Schärfe des Geistes vereinte: Aristo- 
krat im höchsten und wahrsten Sinne des Wortes, war 
er ein geborener Führer und Wegweiser seiner Zeit. 


* Siehe: „Das Wesen des Antisemitismus“ von Dr. Heinrich 
Coudenhove-Kalergi (II. Auflage, Paneuropa- Verlag, Wien). 


Graf 


50 


Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das 
Judentum ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger 
Adel Europas hervorgeht; der Kern, um den sich ein 
neuer, geistiger Adel gruppiert. Eine geistig-urbane 
Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, geistvoll und fein- 
nervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie der 
Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Ver- 
folgung, Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen, 
um die Menschheit sittlicher, geistiger, glücklicher zu 
machen. 

Die jüdischen Helden und Märtyrer der ost- und 
mitteleuropäischen Revolution stehen an Mut, Ausdauer 
und Idealismus den nicht jüdischen Helden des Welt- 
krieges in nichts nach — während sie dieselben an Geist 
vielfach überragen. Das Wesen dieser Männer und 
Frauen, die es versuchen, die Menschheit zu erlösen und 
zu regenerieren, ist eine eigentümliche Synthese religiöser 
und politischer Elemente: von heroischem Märtyrertum 
und geistiger Propaganda, revolutionärer Tatkraft und 
sozialer Liebe, von Gerechtigkeit und Mitleid. Diese 
Wesenszüge, die sie einst zu Schöpfern der christlichen 
Weltbewegung gemacht haben, stellen sie heute an die 
Spitze der sozialistischen. 

Mit diesen beiden Erlösungsversuchen geistig-sittlichen 
Ursprunges hat das Judentum die enterbten Massen 
Europas reicher beschenkt als irgendein zweites Volk. 
Wie denn auch das moderne Judentum durch seinen 
Prozentsatz an bedeutenden Männern alle übrigen 
Völker übertrifft: kaum ein Jahrhundert nach seiner 
Befreiung steht dieses kleine Volk heute mit Einstein 
an der Spitze moderner Wissenschaft; mit Mahler an 
der Spitze moderner Musik; mit B e r g s o n an der Spitze 
moderner Philosophie; mit T r o t z k i an der Spitze 


4 * 


51 


moderner Politik. Die prominente Stellung, die das 
Judentum heutzutage innehat, verdankt es allein seiner 
geistigen Überlegenheit, die es befähigt, über 
eine ungeheuere Übermacht bevorzugter, gehässiger, 
neidischer Rivalen im geistigen Wettkampf zu siegen. 

Der moderne Antisemitismus ist eine der vielen 
Reaktionserscheinungen des Mittelmäßigen gegen das 
Hervorragende; ist eine neuzeitliche Form des Ostra- 
kismus, angewandt gegen ein ganzes Volk. Als Volk 
erlebt das Judentum den ewigen Kampf der Quantität 
gegen die Qualität, minderwertiger Gruppen gegen höher- 
wertige Individuen, minderwertiger Majoritäten gegen 
höherwertige Minoritäten. 

Die Hauptwurzeln des Antisemitismus sind B e- 
schränktheit und Neid: Beschränktheit im Reli- 
giösen oder im Wissenschaftlichen; Neid im Geistigen 
oder im Wirtschaftlichen. 

Dadurch, daß sie aus einer internationalen Religions- 
gemeinschaft, nicht aus einer lokalen Rasse hervor- 
gegangen sind, sind die Juden das \ olk der stärksten 
Blutmischung; dadurch, daß sie sich seit einem Jahr- 
tausend gegen die übrigen Völker abschließen, sind sie 
das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie beim 
Hochadel, die Auserwählten unter ihnen Willensstärke 
mit Geistesschärfe, während ein anderer Teil der Juden 
die Mängel der Inzucht mit den Mängeln der Blut- 
mischung verbindet: Charakterlosigkeit mit Beschränkt- 
heit. Hier findet sich heiligste Selbstaufopferung neben 
beschränktester Selbstsucht, reinster Idealismus neben 
krassestem Materialismus. Auch hier bestätigt sich die 
Regel: je gemischter ein Volk, desto unähnlicher sind 
seine Repräsentanten untereinander, desto unmöglicher 
ist es, einen Einheitstypus zu konstruieren. 


52 


Wo viel Licht, da ist viel Schatten. Geniale 
Familien weisen einen höheren Prozentsatz an Irrsinnigen 
und Verbrechern auf als mittelmäßige; das gilt auch 
von Völkern. Nicht bloß die revolutionäre Geistes- 
aristokratie von morgen — auch die plutokratische 
Schieber-Kakistokratie von heute rekrutiert sich vor- 
nehmlich aus Juden: und schärft so die agitatorischen 
Waffen des Antisemitismus. 

Tausendjährige Sklaverei hat den Juden, mit seltenen 
Ausnahmen, die Geste des Herrenmenschen genommen. 
Dauernde Unterdrückung hemmt Persönlichkeitsentfal- 
tung: und nimmt damit ein Hauptelement des ästhetischen 
Adelsideals. An diesem Mangel leidet, physisch wie 
psychisch, ein Großteil des Judentums; dieser Mangel ist 
die Hauptursache, daß der europäische Instinkt sich 
dagegen sträubt, das Judentum als Adelsrasse anzu- 
erkennen. 

Das Ressentiment, mit dem die Unterdrückung 
das Judentum belastet hat, gibt ihm viel vitale Spannung; 
nimmt ihm dafür viel vornehme Harmonie. Übertriebene 
Inzucht, verbunden mit der Hyperurbanität der Ghetto- 
Vergangenheit, hatte manche Züge physischer und 
psychischer Dekadenz im Gefolge. Was der Kopf der 
Juden gewann, hat oft ihr Körper verloren; was ihr Hirn 
gewann, hat ihr Nervensystem verloren. 

So leidet das Judentum an einer Hypertrophie 
desHirnes und stellt sich so in Gegensatz zur adeligen 
Forderung harmonischer Persönlichkeitsentfaltung. Die 
körperliche und nervöse Schwäche vieler geistig hervor- 
ragender Juden zeitigt einen Mangel an physischem Mut 
(oft in Verbindung mit höchstem moralischen Mut) und 
eine Unsicherheit des Auftretens: Eigenschaften, die 


53 



heute noch mit dem ritterlichen Ideal des Adelsmenschen 
unvereinbar erscheinen. 

So hat das geistige Herrenvolk der Juden 
unter Zügen des Sklavenmenschen zu lei- 
den, die ihm seine historische Entwicklung aufgeprägt 
hat: noch heute tragen viele jüdische Führerpersönlich- 
keiten Haltung und Geste des unfreien, unterdrückten 
Menschen. In ihren Gesten sind herabgekommene 
Aristokraten oft adeliger als hervorragende Juden. 

Diese Mängel des Judentums, durch die Entwicklung 
entstanden, werden durch die Entwicklung wieder ver- 
schwänden. Die Rustikalisierung des Judentums (ein 
Hauptziel des Zionismus), verbunden mit sportlicher 
Erziehung, wird das Judentum vom Ghetto-Rest, den es 
heute noch in sich trägt, befreien. Daß dies möglich ist, 
beweist die Entwicklung des amerikanischen Judentums. 
Der faktischen Freiheit und Macht, die das Judentum 
errungen hat, wird das Bewußtsein derselben, dem 
Bewußtsein allmählich Haltung und Geste des freien, 
mächtigen Menschen folgen. 

Nicht nur das Judentum wird sich in der Richtung des 
westlichen Adelsideals wandeln — auch das westliche 
Adelsideal wird eine Wandlung erfahren, die dem 
Judentum auf halbem Wege entgegenkommt. In einem 
friedlicheren Europa der Zukunft wird der Adel seinen 
kriegerischen Charakter abstreifen und mit einem 
geistig-priesterlichen vertauschen. Ein pazifi- 
ziertes und sozialisiertes Abendland wird keine Gebieter 
und Herrscher mehr brauchen — nur Führer, Erzieher, 
Vorbilder. In einem orientalischen Europa wird der 
Zukunftsaristokrat mehr einem Brahmanen und Man- 
darin gleichen als einem Ritter. 


54 


AUSBLICK 

Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch 
jüdisch, weder bürgerlich noch proletarisch: er wird 
synthetisch sein. Die Rassen und Klassen im heutigen 
Sinne werden verschwinden, die Persönlichkeiten bleiben. 

Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden 
die entwicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels 
sich zu neuer Blüte emporringen; erst durch Vereinigung 
mit den Gipfeln nichtjüdischen Europäertums wird das 
jüdische Element des Zukunftsadel zur vollen Ent- 
faltung gelangen. Den auserwählten Menschen der 
Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel 
vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter 
Urbanadel vergeistigte Physiognomien, durchseelte 
Augen und Hände schenken. 

Der Adel der Vergangenheit war aufgebaut auf 
Quantität: der feudale auf die Zahl der Ahnen; der 
plutokratische auf die Zahl der Millionen. Der Adel der 
Zukunft wird auf Qualität beruhen: auf persönlichem 
Wert, persönlicher Vollkommenheit; auf Vollendung 
des Leibes, der Seele, des Geistes. 

Heute, an der Schwelle eines neuen Zeitalters, tritt an 
die Stelle des einstigen Erbadels ein Zufallsadel; 

55 


statt Adelsrassen adelige Individuen: Menschen, deren 
zufällige Blutzusammensetzung sie zu vorbildlichen 
Typen erhebt. 

Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue inter- 
nationale und intersoziale Adelsrasse von morgen hervor- 
gehen. Alles Hervorragende an Schönheit, Kraft, Energie 
und Geist wird sich erkennen und zusammenschließen 
nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. Sind 
erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die 
Feudalismus und Kapitalismus zwischen den Menschen 
errichtet haben — dann werden automatisch den bedeu- 
tendsten Männern die schönsten Frauen zufallen, den 
hervorragendsten Frauen die vollendetsten Männer. Je 
vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Gei- 
stigen ein Mann sein wird — desto größer die Zahl der 
Frauen, unter denen er wird wählen können. Nur den 
edelsten Männern wird die Verbindung mit den edelsten 
Frauen freistehen und umgekehrt — die Minderwertigen 
werden sich mit den Minderwertigen zufrieden geben 
müssen. Dann wird die erotische Lebensform der Minder- 
wertigen und Mittelmäßigen Freie Liebe sein, der Aus- 
erwählten: Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der 
Zukunft nicht hervorgehen aus den künstlichen Normen 
menschlicher Kastenbildung, sondern aus den gött- 
lichen Gesetzen erotischer Eugenik. 

Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkom- 
menheit wird an die Stelle der künstlichen Rangordnung: 
des Feudalismus und Kapitalismus treten. 

Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels, 
mit der Nivellierung der Menschheit begann, wird in der 
Züchtung des Adels, in der Differenzierung der Mensch- 
heit gipfeln. Hier, in der sozialen Eugenik, liegt 


56 


seine höchste historische Mission, die er heute noch nicht 
erkennt: aus ungerechter Ungleichheit über 
Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu 
führen, über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu 
echtem, neuem Adel. 


57 



APOLOGIE DER TECHNIK 

19 2 2 


Motto: 

Ethik ist die Seele unserer Kultur 

Technik ihr Leib: 

mens sana in corpore sanol 



I. DAS VERLORENE PARADIES 

1. DER FLUCH DER KULTUR 

Die Kultur hat Europa in ein Zuchthaus 
verwandelt und die M ehrzahl seiner Bewoh- 
nerinZ wangsarbeiter. — 

Der moderne Kulturmensch fristet ein elenderes Le- 
ben als alle Tiere der Wildnis: die einzigen Wesen, die 
noch bemitleidenswerter sind, als er, sind seine Haus- 
tiere — weil sie noch unfreier sind. 

Das Dasein eines Büffels im Urwalde, eines Kondors 
in den Anden, eines Haifisches im Ozean ist unvergleich- 
lich schöner, freier und glücklicher als das eines euro- 
päischen Fabrikarbeiters, der, Tag für Tag, Stunden 
und Stunden an seine Maschine gekettet, unorganische 
Handgriffe verrichten muß, um nicht zu verhungern. 

Auch der Mensch war einst in der Vorzeit ein glück- 
liches Wesen: ein glückliches Tier. Da lebte er in Frei- 
heit, als Teil einer tropischen Natur, die ihn nährte und 
wärmte. Sein Leben bestand in der Befriedigung seiner 
Triebe; er genoß es, bis ihn ein natürlicher oder gewalt- 
samer Tod traf. Er war frei; lebte in der Natur — 
statt im Staate; spielte — statt zu arbeiten: darum war er 
schön und glücklich. Sein Lebensmut und seine Lebens- 


61 


freude waren stärker als alle Schmerzen, die ihn trafen 
und als alle Gefahren, die ihm drohten. 

Im Laufe der Jahrtausende hat der Mensch dieses 
köstliche, freie Dasein verloren. Der Europäer, der sich 
für den Gipfel der Zivilisation hält, lebt in unnatürlichen 
und häßlichen Städten ein unnatürliches, häßliches, un- 
freies, ungesundes, unorganisches Lehen. Mit verküm- 
merten Instinkten und geschwächter Gesundheit atmet er 
in düsteren Räumen verdorbene Luft; die organisierte 
Gesellschaft, der Staat, raubt ihm jede Bewegungs- und 
Handlungsfreiheit, während ein rauhes Klima ihn zu 
lebenslänglicher Arbeit zwingt. 

Die Freiheit, die er einst besaß, hat der 
Mensch verloren: und mit ihr das Glück. — 

2. ENTFALTUNG UND FREIHEIT 

Alles irdischen Daseins Endziel ist Ent- 
faltung: das Gestein will auskristallisieren, die Pflanze 
wachsen und blühen, das Tier und der Mensch sich 
ausleben. Die Lust, die nur Menschen und Tieren be- 
kannt ist, hat keinen eigenen, sondern nur symptoma- 
tischen Wert: das Tier befriedigt nicht seine Instinkte, 
weil es dabei Lust empfindet — sondern es empfindet 
Lust, weil es seine Instinkte befriedigt. 

Entfaltung bedeutet Wachstum nach den Gesetzen 
des eigenen Innern: Wachstum in Freiheit. Je- 
der äußere Druck und Zwang hemmt die Freiheit der 
Entfaltung. In einer determinierten Welt hat Freiheit 
keine andere Bedeutung als: Abhängigkeit von inneren 
Gesetzen, während Unfreiheit heißt: Abhängigkeit von 
äußeren Verhältnissen. Der Kristall hat nicht die Frei- 
heit, sich eine beliebige stereometrische Gestalt zu 


62 


wählen: die Knospe hat nicht die Freiheit, sich zu einer 
beliebigen Blüte zu entfalten: aber die Freiheit des Ge- 
steines besteht darin, daß es zum Kristall, die Freiheit 
der Knospe, daß sie zur Blüte wird. Das unfreie Gestein 
bleibt amorph oder kristallinisch — die unfreie Blüte 
verkümmert. In beiden Fällen ist der äußere Zwang 
stärker als die innere Kraft. — Das Produkt 
menschlicher Freiheit ist der entfaltete 
Mensch; das Produkt menschlicher Unfrei- 
heit: der verkümmerte Mensch. 

Weil der freie Mensch sich entfalten kann, ist er 
schön und glücklich. Der freie, entfaltete Mensch ist das 
Ziel aller Entwicklung und das Maß aller menschlichen 
Werte. 

Der Mensch hat seine einstige Freiheit verloren: das 
war sein S ü n d e n f a 1 1. So wurde er zu einem unglück- 
lichen, unvollkommenen Geschöpf. Alle wilden Tiere 
sind schön — während die meisten Menschen häßlich 
sind. Es gibt viel mehr vollkommene Tiger, Elephanten, 
Adler, Fische, Insekten als Menschen: denn der Mensch 
ist, durch Verlust seiner Freiheit, verkümmert und ver- 
kommen. 

Die Sage vom verlorenen Paradiese der Vorzeit ver- 
kündet die Wahrheit, daß der Mensch ein Verbannter 
ist aus dem Reiche der Freiheit, der Muße und des 
naturgemäßen Lebens, in dem heute noch die Fauna des 
Urwaldes lebt und dem, unter den heutigen Menschen, 
einige Südseeinsulaner noch am nächsten stehen. 

Das verlorene Paradies ist die Zeit des menschlichen 
Tier-Daseins in den Tropen, da es noch keine Städte, 
keine Staaten und keine Arbeit gab. — 


63 


3. ÜBERVÖLKERUNG UND NORD- 
WANDERUNG 

Zwei Dinge haben den Menschen aus sei- 
nem Paradiese vertrieben: die Übervöl- 
kerung und die Wanderung in kältere 
Zonen. — 

Durch die Übervölkerung hat der Mensch die 
Freiheit des Raumes verloren: überall stößt er an 
seine Mitmenschen und deren Interessen — so wurde 
er zum Sklaven der Gesellschaft. 

Durch die Auswanderung nach Norden hat 
der Mensch die Freiheit der Zeit verloren: die 
Muße. Denn das rauhe Klima zwingt ihn zu unfreiwil- 
liger Arbeit, um sein Leben zu fristen: so wurde er zum 
Sklaven der nordischen Natur. 

Die Kultur hat die drei Formen der Schönheit ver- 
nichtet, die das Dasein des Naturmenschen verklärten: 
Freiheit, Muße, Natur; an deren Stelle hat sie den 
Staat, die A r b e i t und die Stadt gesetzt. 

Der Kultureuropäer ist ein Verbannter des Südens, 
ein Verbannter der Natur. — 

4. GESELLSCHAFT UND KLIMA 

Die beiden Zwingherrn des Kultureuro- 
päers heißen: Gesellschaft und Klima. 

Die soziale Unfreiheit erreicht ihren Höhe- 
punkt in der modernen Großstadt, weil hier Gedränge 
und Übervölkerung am größten sind. Da leben die Men- 
schen nicht nur nebeneinander, sondern übereinander 
geschichtet, eingemauert in künstliche Steinblöcke 
(Häuser); ständig bewacht und beargwöhnt durch die 


64 


Organe der Gesellschaft, müssen sie sich ungefragt einer 
Unzahl von Gesetzen und Vorschriften fügen; wenn sie 
gegen dieselben verstoßen, werden sie von ihren Mit- 
menschen jahrelang gemartert (eingesperrt) oder er- 
mordet (hingerichtet). — Weniger drückend als in den 
Städten ist die soziale Unfreiheit auf dem Lande, am 
wenigsten drückend in dünn bevölkerten Gegenden, wie 
etwa Westamerika, Grönland, der Mongolei und Arabien. 
Dort kann sich noch der Mensch im Raume entfalten, 
ohne gleich mit der Gesellschaft in Konflikt zu geraten; 
dort gibt es noch Reste sozialer Freiheit. 

Die klimatische Unfreiheit ist am drückend- 
sten in den Kulturländern des Nordens. Dort muß der 
Mensch einem sonnenarmen Boden während der kurzen 
Sommermonate die Nahrung für das ganze Jahr ab- 
trotzen und sich gleichzeitig durch Beschaffung von 
Kleidung, Wohnung und Heizung vor dem Winterfrost 
schützen. Sträubt er sich gegen diese Zwangsarbeit, so 
muß er verhungern oder erfrieren. So zwingt ihn das 
nordische Klima zu rastloser, aufreibender, mühsamer 
Zwangsarbeit. — Mehr Freiheit gewährt die Natur in 
gemäßigten Zonen, wo der Mensch nur dem einen Zwing- 
herrn: dem Hunger, dienen muß. während der zweite: 
der Frost, von der Sonne bezwungen wird. Der freieste 
Mensch ist der tropische, weil dort Früchte und Nüsse 
ihn auch ohne Arbeit ernähren. Nur dort gibt es noch 
klimatische Freiheit. 

Europa ist ein übervölkerter und nördli- 
cher Erdstrich zugleich: deshalb ist der 
Europäer der unfreieste Mensch, Sklave 
der Gesellschaft und der Natur. 

Gesellschaft und Natur treiben einander ihre Opfer 
zu: der Mensch, der aus der Stadt in die Einöde flieht, 


5 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


65 


um dort Schutz zu suchen vor dem Gedränge der Gesell- 
schaft — sieht sich bedroht vom unbarmherzigen 
Klima, von Hunger und Frost. Der Mensch, der vor den 
Naturgewalten in die Stadt flieht und dort bei seinen 
Mitmenschen Schutz sucht — sieht sich bedroht von der 
unbarmherzigen Gesellschaft, die ihn ausbeutet und 
zertritt. — 

5. BEFREIUNGSVERSUCHE DER 
MENSCHHEIT 

Die Weltgeschichte setzt sich zusammen 
aus Befreiungsversuchen des Menschen 
aus dem Kerker der Gesellschaft und de in 
Exil des Nordens. 

Die vier Hauptwege, auf denen der Mensch versuchte, 
in das verlorene Paradies der Freiheit und der Muße 
heimzukehren, waren folgende: 

I. Der Weg nach rückwärts (Auswan- 
derung): zurück zur Einsamkeit und zur Sonne! Mit 
diesem Ziele wandern seit jeher Menschen und Völker 
aus dichtbesiedelten Erdstrichen in dünnbesiedelte, aus 
kälteren in wärmere Zonen. Fast alle Völkerwande- 
rungen und ein großer Teil der Kriege lassen sich auf 
diesen ursprünglichen Drang nach Bewegungsfreiheit 
und Sonne zurückführen. — 

II. Der Weg nach oben (Macht): hinauf aus 
dem Menschengedränge in die Einsamkeit, Freiheit und 
Muße der oberen Zehntausend! Dieser Ruf erscholl, als 
infolge der Übervölkerung Macht Vorbedingung der 
Freiheit — und infolge der klimatischen Verhältnisse 
Macht Vorbedingung der Muße wurde. Denn nur der 
Mächtige kann sich entfalten, ohne auf seine Mitmenschen 


66 


Rücksicht nehmen zu brauchen — nur der Mächtige 
kann sich vom Arbeitszwange befreien, indem er andere 
für sich arbeiten läßt. In übervölkerten Ländern steht 
der Mensch vor der Wahl, entweder auf die Köpfe seiner 
Mitmenschen zu steigen oder seinen eigenen Kopf von 
ihnen treten zu lassen: Herr oder Knecht, Räuber oder 
Bettler zu sein. — Dieser allgemeine Drang nach Macht 
war der Vater der Kriege, Revolutionen und 
Kämpfe zwischen den Menschen. — 

III. DerWegnachinnen (Ethik): weg aus dem 
äußeren Gedränge in die innere Einsamkeit, aus der 
äußeren Arbeit in die innere Harmonie! Befreiung des 
Menschen durch Selbstbeherrschung. Selbstbeschrän- 
kung und Selbstlosigkeit; Bedürfnislosigkeit als Schutz 
vor Bedürftigkeit; zurückschrauben der Ansprüche auf 
Muße und Freiheit, bis sie jenem Minimum entsprechen, 
das eine übervölkerte Gesellschaft und ein rauhes Klima 
bieten. — Auf diesen Drang, Ersatz für die äußere Un- 
freiheit und Arbeit in der Freiheit und Seelenruhe des 
Herzens zu suchen, gehen alle religiösen Bewe- 
gungen zurück. — 

IV. Der Weg n ach vorwärts i T e c h n i k) : her- 
aus aus der Epoche der Sklavenarbeit in ein neues Zeit- 
alter der Freiheit und Muße durch den Sieg des Men- 
schengeistes über die Naturkräfte! Überwindung der 
Überbevölkerung durch Produktionssteigerung, der 
menschlichen Sklavenarbeit durch Versklavung der 
Naturkräfte. — Auf dieses Streben, durch Bezwingung 
der Natur ihre Gewaltherrschaft zu brechen, ist der 
technische und wissenschaftliche Fort- 
schritt zurückzuführen. — 


67 


II. ETHIK UND TECHNIK 


l.DIE SOZIALE FRAGE 

Die Schicksalsfrage der europäischen 
Kultur lautet: „Wie ist es möglich, eine auf den engen 
Raum eines kalten und kargen Erdteiles zusammenge- 
drängte Menschheit vor Hunger, Kälte, Totschlag und 
Überanstrengung zu schützen und ihr die Freiheit und 
Muße zu geben, durch die sie einst zu Glück und Schön- 
heit gelangen kann?” 

Die Antwort lautet: ..Durch Entwicklung der Ethik 
und der Technik“. — 

Die Ethik kann den Europäer durch Schule, Presse 
und Religion aus einem Raubtier in ein Haustier ver- 
wandeln und ihn dadurch reif zur freien Gemeinschaft 
machen — die Technik kann durch Steigerung der 
Produktion und Umwandlung der menschlichen Zwangs- 
arbeit in Maschinenarbeit dem Europäer die freie Zeit 
und Arbeitskraft schenken, die er zum Ausbau einer 
Kultur braucht. 

Ethik löst die soziale Frage von innen — 
Technik von außen. — 

In Europa haben nur zwei Menschenklassen die Vor- 
aussetzungen zum Glück: die Reichen, die alles tun 
und haben können, was sie wollen — und die Heiligen, 


68 


die nicht mehr tun und haben wollen, als ihnen ihr 
Schicksal gewährt. Die Reichen erobern sich ein objek- 
tive Freiheit durch ihre Macht, Mitmenschen und 
Naturkräfte in Organe ihres Wollens zu verwandeln — - 
die Heiligen erobern sich eine subjektive Frei- 
heit durch die Gleichgültigkeit, mit der sie irdischen 
Gütern gegenüberstehen. Der Reiche kann sich nach 
außen entfalten — der Heilige nach innen. 

Alle übrigen Europäer sind Sklaven der Natur und 
der Gesellschaft: Zwangsarbeiter und Gefan- 
gene. — 

2. UNZULÄNGLICHKEIT DER POLITIK 

Es ist das Ideal der Ethik, aus Europa eine Gemein- 
schaft von Heiligen zu machen; 

es ist das Ideal der Technik, aus Europa eine G e- 
imeinschaft von Reichen zu machen. 

Die Ethik will die Begehrlichkeit abschaffen, damit 
die Menschen sich nicht mehr arm fühlen — die Tech- 
nik will die Not abschaffen, damit die Menschen nicht 
mehr arm sind. 

Die Politik ist weder in der Lage, die Menschen zu- 
frieden zu machen, noch reich. Deshalb müssen ihre 
eigenmächtigen Versuche, die soziale Frage zu lösen, 
scheitern. Nur im Dienste der Ethik und Technik kann 
'Politik an der Lösung der sozialen Frage mitwirken. 

Bei dem heutigen Stande der Ethik und Technik wäre 
das höchste, was Politik erreichen könnte, die Verall- 
gemeinerung der Unfreiheit, Armut und 
Zwangsarbeit. Sie könnte diese Übel nur ausglei- 
chen, nicht aufheben; könnte aus Europa ein Zuchthaus 
gleichberechtigter Zwangsarbeiter machen — aber kein 


69 


Paradies. Der Staatsbürger des sozialen Idealstaates 
wäre unfreier und geplagter als der Südseeinsulaner im 
Naturzustände: die Kulturgeschichte würde zur Ge- 
schichte eines verhängnisvollen Betruges am Men- 
schen. — 


3. STAAT UND ARBEIT 

Solange die Ethik zu schwach ist, um den Menschen 
vor seinen Mitmenschen zu schützen, und die Technik 
zu unentwickelt, um deren Arbeitslast auf die Natur- 
kräfte zu überwälzen, — sucht die Menschheit die Schä- 
den der Übervölkerung durch den Staat abzuwehren, 
die Gefahren des Klimas durch die Arbeit. 

Der Staat schützt den Menschen vor der 
Willkür der Mitmenschen — die Arbeit vor 
der Willkür der Naturgewalten. 

Der organisierte Zwangsstaat gewährt unter 
gewissen Bedingungen dem Menschen, der auf seine 
Freiheit verzichtet, den Schutz der Person und des 
Eigentums gegen die Mord- und Raubgelüste seiner Mit- 
menschen — 

die organisierte Zwangsarbeit gewährt in 
nördlichen Gegenden dem Menschen, der auf seine Zeit 
und Arbeitskraft verzichtet, Schutz vor dem Verhungern 
und Erfrieren. — 

Diese beiden Institutionen begnadigen den Europäer, 
der von Natur aus als überzählig dem Tode verfallen 
wäre, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit; um sein Leben 
zu fristen, muß er seine Freiheit hingeben. Als Staats- 
bürger ist er eingesperrt in den engen Käfig seiner 
Rechte und Pflichten — als Zwangsarbeiter ist er ein- 
gespannt in das harte Joch seiner Arbeitsleistung. Lehnt 


70 


er sich gegen den Staat auf — so droht ihm der Galgen; 
lehnt er sich gegen die Arbeit auf — so droht ihm der 
Hungertod. — 

4. ANARCHIE UND MUSSE 

Staat und Arbeit geben beide vor, Ideale zu sein; sie 
verlangen von ihren Opfern Ehrfurcht und Liebe. Sie 
sind aber keine Ideale: sie sind schwer zu ertragende 
soziale und klimatische Notwendigkeiten. 

Seit es Staaten gibt, träumt die Sehnsucht des Men- 
schen von Anarchie, vom idealen Zustande der Staats- 
losigkeit — seit es Arbeit gibt, träumt die Sehnsucht des 
Menschen von M u ß e, vom Idealzustand der freien 
Zeit. 

Anarchie und Muße sind Ideale — nicht 
Staat und Arbeit. 

Anarchie ist in einer dichtbevölkerten Gesellschaft, 
die nicht auf hoher ethischer Stufe steht, undurch- 
führbar. Ihre Verwirklichung müßte den letzten Rest 
an Freiheit und Lebensmöglichkeit, den der Staat seinen 
Bürgern reserviert, vernichten. In der allgemeinen Panik 
kollidierender Egoismen würden die Menschen einander 
erdrücken. Statt zur Freiheit müßte Anarchie zur ärgsten 
Unfreiheit führen. 

Bei allgemeiner Muße müßten in einem nördlichen 
Weltteil innerhalb Monate die Mehrzahl der Menschen 
verhungern oder erfrieren. Not und Elend würden ihren 
Gipfel erreichen. — 

Einsiedler-Anarchien herrschen in Wüsten und Schnee- 
feldern unter Eskimos und Beduinen; Muße herrscht 
in dünnbevölkerten und fruchtbaren Südländern. — 


71 


5. ÜBERWINDUNG VON STAAT UND 

ARBEIT 


Zwangsstaat und Zwangsarbeit, die bei- 
denBeschiitzer und Zwingherrn des Kultur- 
menschen, können durch keine politische 
Revolution beseitigt werden; nur durch 
Ethik und Technik. 

Bevor nicht Ethik den Zwangsstaat überwunden hat, 
bedeutet Anarchie allgemeinen Mord und Raub — bevor 
nicht Technik die Zwangsarbeit überwunden hat, be- 
deutet Muße allgemeinen Hunger- und Kältetod. 

Nur durch Ethik kann sich der Bewohner übervöl- 
kerter Länder aus der Tyrannei der Gesellschaft erlösen, 
nur durch Technik kann sich der Bewohner kälterer 
Zonen aus der Tyrannei der Naturgewalten erlösen. 

Die Mission desStaates ist, durch Förderung der 
Ethik sich selbst überflüssig zu machen und schließlich 
zur Anarchie zu führen — die Mission der Arbeit 
ist, durch Förderung der Technik sich selbst überflüssig 
zu machen und schließlich zur Muße zu führen. 

Nicht die freiwillige Menschengemeinschaft ist Fluch 
— sondern nur der Zwangsstaat; nicht die freiwillige 
Arbeit ist Fluch — sondern nur die Zwangsarbeit. 

Nicht Zügellosigkeit ist Ideal - — sondern Freiheit: 
nicht Müßiggang ist Ideal — sondern Muße. 

Zwangsstaat und Zwangsarbeit sind 
Dinge, die überwunden werden müssen: 
aber sie können nicht überwunden werden durch Anar- 
chie und Muße, bevor nicht Ethik und Technik ausge- 
reift sind; um dahin zu gelangen, muß der Mensch den 
Zwangsstaat ausbauen, um die Ethik zu fördern — die 
Zwangsarbeit ausbauen, um die Technik zu fördern. 


72 


Der Weg zur ethischen Anarchie führt 
über Staatszwang — der Weg zur techni- 
schen Muße führt über Arbeitszwang. 

Die Kurve der Kulturspirale, die aus dem Paradiese 
der Vergangenheit in das Paradies der Zukunft führt, 
nimmt folgenden Doppellauf: 

N aturanarchie — Übervölkerung — 
Zwangsstaat — Ethik — Kulturanarchie; 

Naturmuße — Nordwanderung — Zwangs- 
arbeit — Technik — Kulturmuße. 

Wir befinden uns heute in der Mitte dieser Kurven, 
von beiden Paradiesen weit entfernt: daher unser Elend. 
Der moderne Durchschnittseuropäer ist nicht mehr 
Naturmensch — aber noch nicht Kulturmensch; nicht 
mehr Tier — aber noch nicht Mensch; nicht mehr Teil 
der Natur — aber noch nicht Herr der Natur. — 

6. ETHIK UND TECHNIK 

EthikundTechniksindSch western: Ethik 
beherrscht die Naturkräfte in uns, Technik beherrscht 
die Naturkräfte u m uns. Beide suchen die Na- 
tur zu bezwingen durch gestaltenden Geist. 

Ethik sucht durch heroische Verneinung den Men- 
schen zu erlösen: durch Resignation — Technik 
durch heroische Bejahung: durch Tat. 

Ethik kehrt den Machtwillen des Geistes nach innen: 
sie will den Mikrokosmos erobern. — 

Technik kehrt den Machtwillen des Geistes nach 
außen: sie will den Makrokosmos erobern. 

Weder Ethik noch Technik allein kann den nordi- 
schen Menschen erlösen: denn eine darbende und frie- 
rende Menschheit kann durch Ethik weder gesättigt 

73 


noch erwärmt werden — eine böse und begehrliche 
Menschheit durch Technik weder vor sich selbst ge- 
schützt noch befriedigt werden. 

Was nützt den Menschen alle Sittlichkeit, wenn sie 
dabei verhungern und erfrieren? Und was nützt den 
Menschen aller technische Fortschritt, wenn sie ihn da- 
zu mißbrauchen, einander zu schlachten und zu verstüm- 
meln? 

Kultur-Asien leidet mehr an Übervölkerung als 
an Frost: es konnte daher leichter auf Technik verzich- 
ten und sich seiner ethischen Entwicklung hingeben als 
Europa, wo Ethik und Technik einander ergänzen 
müssen. — 


74 


III. ASIEN UND EUROPA 


1. ASIEN UND EUROPA 

Asiens Größe liegt in seiner Ethik — 
Europas Größe in seiner Technik. 

Asien ist der Lehrmeister der Welt in der Selbst- 
beherrschung. — 

E u r o p a ist der Lehrmeister der Welt in der Natur- 
beherrschung. 

In Asien lag der Schwerpunkt der sozialen Frage in 
Übervölkerung — in Europa im Klima. 

Asien mußte vor allem versuchen, ein friedliches Zu- 
sammenleben zwischen einer Überzahl von Menschen zu 
ermöglichen: das konnte es nur durch Erziehung des 
Menschen zur Selbstlosigkeit und Selbstbeherrschung, 
durch Ethik. 

Europa mußte vor allem versuchen, die Schrecken 
des Hungers und der Kälte zu bannen, die seine Bewoh- 
ner ständig bedrohten: das konnte es nur durch Arbeit 
und Erfindung, durch Technik. — 

Es gibt zwei Grundwerte des Lebens: Harmonie 
undEnergie; auf sie sind alle übrigen Werte zuriick- 
zuführen. 

Asiens Größe und Schönheit beruht auf 
Harmonie. 


75 


Europas Größe und Schönheit beruht auf 
Energie; 

Asien lebt im Raume: sein Geist ist beschaulich, 
in sich gekehrt, ruhig und geschlossen; es ist weiblich, 
pflanzenhaft, statisch, apollinisch, klassisch, idyllisch — - 

Europa lebt in der Zeit: sein Geist ist tätig, 
nach außen gerichtet, bewegt und zielstrebig; es ist 
männlich, tierhaft, dynamisch, dionysisch, romantisch, 
heroisch. 

Asiens Symbol ist das allumfassende Meer, der 
Kreis — 

Europas Symbol ist der vorwärtsstrebende 
Strom, die Gerade. 

Hier enthüllt sich der tiefste Sinn des kosmischen 
Svmboles Alpha und Omega. In der Zeichensprache 
vermittelt es uns jene mystische, immer wiederkehrende 
P o 1 a r i tä t von Kraft und Form, von Zeit und 
Raum, von Mensch und Kosmos, die sich hinter der 
Seele Europas und Asiens verbirgt: 

das große Omega, der Kreis, dessen weites Tor 
dem Kosmos zu offensteht — ist ein Sinnbild der gött- 
lichen Harmonie Asiens; 

das große Alpha, ein nach oben weisender spitzer 
Winkel, der das Omega durchstößt — ist ein Sinnbild 
der menschlichen Aktivität und Zielstrebigkeit 
Europas, die mit der ewigen Ruhe Asiens bricht. A 
und S sind auch im Freud’schen Sinne unverkennbare 
Symbole des männlichen und des weiblichen Geschlech- 
tes: die Vereinigung dieser Zeichen bedeutet Zeugung 
und Leben und offenbart den ewigen Dualismus der 
Welt. Die gleiche Symbolik liegt wahrscheinlich auch 
den Ziffern 1 und 0 zugrunde: das endliche Eins als 
Protest gegen die unendliche Null — Ja gegen Nein. — 


76 


2. KULTUR UND KLIMA 


Die Seele Asiens und Europas ist hervor- 
gegangen aus dem asiatischen und europäi- 
schen Klima. 

Asiens Kulturzentren liegen in warmen — Europas 
Kulturzentren in kalten Gegenden. Das ergab ihre 
gegensätzliche Einstellung zur Natur: während sich der 
Südländer als Kind und Freund seiner freigebig spen- 
denden Natur fühlen darf — ist der Nordländer gezwun- 
gen, in hartem Kampfe alles, was er zum Leben braucht, 
einem geizigen Boden abzuringen; so steht er vor der 
Wahl: entweder Herr oder Knecht der Natur zu werden 
— auf jeden Fall aber ihr Gegner. 

Im Süden war die Auseinandersetzung zwischen 
Mensch und Natur friedlich-harmonisch — im Norden 
war sie kriegerisch-heroisch. 

Europas Dynamik erklärt sich dadurch, daß es 
das nördliche Kulturzentrum der Erde ist. 
Seit zehntausenden von Jahren stellen Kälte und Karg- 
heit des Bodens den Europäer vor die Wahl: „Arbeite 
oder stirb!“ Wer nicht arbeiten wollte oder konnte, 
mußte verhungern oder erfrieren. Durch viele Geschlech- 
ter rottete der nordische Winter systematisch die schwa- 
chen, passiven, trägen und beschaulichen Europäer aus 
und züchtete so einen harten, tätigen, heroischen 
Menschenschlag. 

Seit prähistorischer Zeit ringt die weiße, länger noch 
die blonde Menschheit mit dem Winter, der sie ge- 
bleicht, zugleich aber gestählt hat. Dieser vorzeitlichen 
Abhärtung hat es der Europäer zu verdanken, daß er 
seine Gesundheit und Tatkraft durch all seine Kultur- 
sünden hindurch bis heute bewahrt hat. 


77 


Der weiße Mensch ist ein Sohn des Win- 
ters, der Sonnenferne: um die Kälte zu überwinden, 
mußte er Muskeln und Geist zu Höchstleistungen an- 
spannen und selber neue Sonnen schaffen; mußte die 
ewig feindliche Natur überwinden, umschaffen, unter- 
werfen. 

Unter diesem Zwang, zwischen Tat und Tod zu wäh- 
len, entstand am Nordrande jeder Kultur ihr stärkster, 
heroischster Typus: in Europa der Germane (Nor[d]- 
manne), in Asien der Japaner, in Amerika der 
Azteke. — 

Die Hitze zwingt den Menschen, seine Aktivität auf 
ein Minimum zu beschränken — die Kälte zwingt ihn, 
seine Aktivität auf ein Maximum zu steigern. 

Stets hat der aktive, heroische Mensch des Nordens 
den passiven, harmonischen Süden besiegt und erobert: 
dafür hat dann der kultiviertere Süden den barbari- 
schen Nordmenschen assimiliert und zivilisiert — bis 
er schließlich selbst durch einen neuen Norden erobert, 
barbarisiert und regeneriert wurde. 

Die meisten kriegerischen Eroberungen in 
der Geschichte gehen von Nordvölkern aus und richten 
sich gegen den Süden — die meisten geistig-reli- 
giösen Störungen gehen von den Südvölkern aus 
und wenden sich gegen Norden. 

Europa ist religiös von Juden, — - militärisch von Ger- 
manen erobert worden: in Asien siegten die Religionen 
Indiens und Arabiens: — während dessen politische 
Vormacht Japan ist. 

Die aktiven Völker wärmerer Zonen (Araber. Türken, 
Tartaren, Mongolen) stammen aus Wüsten oder Steppen: 
hier war an Stelle des nordischen Winters die Dürre des 
Bodens ihr Zuchtmeister: aber auch hier vollzog sich 


78 


zwangsläufig der Sieg des heroischen Men- 
schen über den idyllischen, des aktiven 
über den passiven, des hungrigen über den 
satten. — 


3. DIE DREI RELIGIONEN 

Indiens Hitze, die jede Tätigkeit lähmt, schuf 
dessen beschauliche Mentalität; 

Europas Kälte, die zur Tätigkeit zwingt, schuf 
dessen aktive Mentalität; 

Chinas mittlere Temperatur, die einen har- 
monischen Wechsel von Tätigkeit und Reschaulichkeit 
verlangt, schuf dessen harmonische Mentali- 
tät. 

Diese drei T emperaturen haben drei religiöse 
Grundtypen gezeugt: den beschaulichen, he- 
roischen und harmonischen Typus. 

Die heroische Religion und Ethik des Nordens 
kommt zum Ausdruck in der Edda sowie in der Welt- 
anschauung des europäischen und japanischen Ritter- 
tums, und erlebt ihre Auferstehung in der Lehre Nietz- 
sches. Ihre höchsten Tugenden sind Tapferkeit und Tat- 
kraft. ihr Ideal ist der Kampf und der Held: Siegfried. 

Die b e s c h a u 1 i c h e Religion und Ethik des Sü- 
dens findet ihre Vollendung im Buddhismus. Ihre höch- 
sten Tugenden sind Entsagung und Milde, ihr Ideal ist 
der Friede und der Heilige: Buddha. 

Die harmonische Religion und Ethik der Mitte 
entfaltete sich im Westen in Hellas, im Osten in China. 
Sie fordert weder die Askese des Kampfes noch der Ent- 
sagung. Sie ist optimistisch und diesseitig; ihr Ideal ist 
der edle Mensch: der Weise Konfuzius, der Künstler 


79 


Apollon. Das griechische Ideal des apollinischen Men- 
schen steht in der Mitte zwischen dem germanischen 
Helden Siegfried und dem indischen Heiligen Buddha. — 

Alle religiösen und ethischen Gebilde sind Kombina- 
tionen aus diesen drei Grundtypen. Jede Religion, die 
sich ausbreitet, muß sich diesen klimatischen Forderun- 
gen anpassen. So nähert sich das orientalische Christen- 
tum der Südreligion, das katholische der Mittelreligion, 
das protestantische der Nordreligion. Das gleiche gilt 
vom Buddhismus in Ceylon, China und Japan. — 

Das Christentum hat unserer Kultur die asiati- 
schen Werte des Südens übermittelt; 

die Renaissance hat uns die antiken Werte 
der Mitte übermittelt; 

das Rittertum hat uns die germanischen 
Werte des Nordens übermittelt. — 

4. HARMONIE UND KR A F T 

Europas Kultunverte sind gemischt — sein Geist vor- 
wiegend nordisch. 

An Güte und Weisheit ist der Orientale dem Europäer 
überlegen — an Tatkraft und Klugheit steht er ihm 
nach. 

Die europäische Ehre ist ein heroischer Wert — die 
orientalische Würde ein harmonischer. 

Dauernder Kampf härtet, dauernder Friede mildert 
das Herz. Darum ist der Orientale milder und sanfter 
als der Europäer. Dazu kommt, daß die soziale Vergan- 
genheit der Inder, Chinesen, Japaner und Juden um ein 
vielfaches älter ist als die der Germanen, die noch vor 
2000 Jahren in Anarchie lebten: so konnten die Asiaten 
ihre sozialen Tugenden besser und länger entwickeln als 
die Europäer. 


80 


Der Güte des Herzens entspricht die Weisheit des 
Geistes. Weisheit beruht auf Harmonie — Klugheit 
auf Schärfe des Geistes. 

Auch Weisheit ist eine Frucht des reiferen Südens, 
die im Norden selten ist. Selbst die Philosophen Europas 
sind selten weise, seine Ethiker selten gütig. Noch die 
antike Kultur war reicher an weisen Männern, deren 
Gesamtpersönlichkeit den Stempel geklärter Geistigkeit 
trug — während dieser Typus im modernen Europa 
(unter Christen) beinahe ausgestorben ist. Auch das 
hängt mit der kulturellen Jugend der Germanen zu- 
sammen und mit der Leidenschaftlichkeit des europäi- 
schen Geistes. Dazu kommt, daß im christlichen Mittel- 
alter die Klöster mitten in einer kriegerischen und tätigen 
Welt die einzigen Asyle waren für beschauliche Weis- 
heit: dorthin zogen sich die Weisen zurück und starben, 
als Opfer des Keuschheitsgelübdes, aus. 

Die europäischen Christusbilder blicken ernst und 
traurig — während die Buddhastatuen lächeln. Die 
Denker Europas sind tiefernst — während die Weisen 
Asiens lächeln: denn sie leben in Harmonie mit sich, der 
Gesellschaft und der Natur, nicht im Kampfe; beginnen 
jede Reform an sich, statt an anderen und wirken so 
mehr durch ihr Beispiel als durch Bücher. Jenseits des 
Denkens finden sie ihre Kindlichkeit wieder — während 
Europas Denker früh vergreisen. 

Und dennoch ist Europa auf seine Art ebenso groß 
wie Asien: aber seine Größe liegt weder in der Güte noch 
in der Weisheit — sondern in der Tatkraft und im 
Erfindergeist. 

Europa ist der Held der Erde; auf jeder 
Kampffront der Menschheit steht es an der Spitze der 
Völker: in Jagd, Krieg und Technik hat der Euro- 


6 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


81 


päer mehr geleistet als irgendein historisches Kulturvolk 
vor oder neben ihm. Er hat fast alle gefährlichen liere 
in seinen Ländern ausgerottet; hat fast alle dunkel- 
farbigen Völker besiegt und unterworfen, und schließ- 
lich durch Erfindung und Arbeit, durch Wissenschaft 
und Technik eine solche Macht über die Natur errungen, 
wie nie und nirgends zuvor für möglich gehalten wurde. 

Asiens W e 1 1 m i s s i o n ist die Erlösung der 
Menschheit durch Ethik — EuropasWeltmission 
ist die Befreiung der Menschheit durch Technik. 

Europas Symbol ist nicht der Weise, nicht der Heilige, 
nicht der Märtyrer — sondern der Held, der Kämpfer, 
Sieger und Befreier. — 


82 


IV. EUROPAS TECHNISCHE WELT- 
MISSION 

1. DER EUROPÄISCHE GEIST 

Mit der Neuzeit beginnt die große Kulturmission 
Europas. 

Das Wesen Europas ist der Wille, die Welt durch 
Taten zu verändern und zu verbessern. Europa 
strebt bewußt aus der Gegenwart in die Zukunft; es be- 
findet sich im Zustande ständiger Emanzipation, Refor- 
mation, Revolution; es ist neuerungssüchtig, skeptisch, 
pietätlos und ringt mit seinen Gewohnheiten und Tradi- 
tionen. 

In der jüdischen Mythologie entspricht der europäi- 
sche Geist Luzifer — in der griechischen Prome- 
theus: dem Lichtbringer, der den göttlichen Funken 
zur Erde trägt, der sich auflehnt gegen die himmlisch- 
asiatische Harmonie, gegen die göttliche Weltordnung, 
der Fürst dieser Erde, der Vater des Kampfes, der Tech- 
nik, der Aufklärung und des Fortschrittes, der Führer 
des Menschen in seinem Ringen gegen die Natur. 

Der Geist Europas hat den politischen Despotismus ge- 
brochen, und die Gewaltherrschaft der Naturkräfte. Der 
Europäer ergibt sich nicht in sein Schicksal, sondern 
sucht es durch Tat und Geist zu meistern: als A k t i v i s t 
und als Rationalist. 


6 * 


83 


2. HELLAS ALS VOR-EUROPA 


Hellas war der Vorläufer Europas; es emp- 
fand zuerst den Wesensunterschied zwischen sich und 
Asien und entdeckte seine aktivistisch-rationalistische 
Seele. Sein Olymp war nicht ein Paradies des Friedens 

— sondern eine Stätte des Kampfes; sein höchster Gott 
war ein pietätloser Rebell. Hellas stürzte seine Könige 
und Götter — und setzte an deren Stelle den Staat des 
Bürgers und die Religion des Menschen. 

Diese europäische Periode Griechenlands 
begann mit dem Sturze der Tyrannen und schloß mit 
der asiatischen Despotie Alexanders und der Diadochen; 
fand eine kurze Fortsetzung im republikanischen Rom 
um sich dann endgültig an das römische Kaiserreich zu 
verlieren. 

Alexander der Große, die hellenistischen Könige und 
römischen Kaiser waren Erben der asiatischen Idee des 
Großkönigtums. Das römische Kaiserreich unterschied 
sich in keiner wesentlichen Hinsicht von den orienta- 
lischen Despotien Chinas, Mesopotamiens, Indiens und 
Persiens. — 

Im Mittelalter war Europa eine geistige 
Kulturprovinz Asiens. Es war beherrscht von der 
asiatischen Religion Christi. Asiatisch war seine religiöse 
Kultur, seine mystische Grundstimmung, seine monar- 
chische Staatsform und der Dualismus von Päpsten und 
Kaisern, Mönchen und Rittern. 

Erst mit der Emanzipation Europas vom Christentum 

— die mit Renaissance und Reformation begann, 
in der Aufklärung ihre Fortsetzung und in Nietzsche 
ihren Höhepunkt fand — - kam Europa wieder zu 
sich und trennte sich geistig von Asien. — 


84 


Die europäische Kultur ist die Kultur der 
Neuzeit. — 

3. DIE TECHNISCHEN GRUNDLAGEN 
EUROPAS 

Die Welt Philipps II. bedeutet in keiner 
wesentlichen Hinsicht einen Kulturfort- 
schritt gegenüber der Welt Hammurabis: 
weder in der Kunst, noch in der Wissenschaft, noch in 
der Politik, noch in der Justiz, noch in der Verwaltung. 

In den dreieinhalb Jahrhunderten, die zwischen uns 
und Philipp liegen, hat sich die Welt gründlicher ge- 
ändert als in den vorhergehenden dreieinhalb Jahr- 
tausenden. 

Es war die Technik, die Europa aus seinem asiati- 
schen Dornröschenschlaf des Mittelalters weckte. Sie hat 
Rittertum und Feudalismus durch die Erfindung der 
Feuerwaffe — Papsttum und Aberglauben durch Er- 
findung des Buchdruckes besiegt; durch Kompaß und 
Schiffstechnik hat sie dem Europäer die fremden Welt- 
teile erschlossen, die sie dann, mit Hilfe des Pulvers, er- 
obert hat. 

Der Fortschritt der modernen Wissenschaften 
ist von der Entwicklung der Technik nicht zu trennen: 
ohne Teleskop gäbe es keine moderne Astronomie, ohne 
Mikroskop keine Bakteriologie. 

Auch die moderne Kunst steht in engstem Zusam- 
menhänge mit der Technik: die moderne Instrumental- 
musik, die moderne Architektur, das moderne Theater 
ruhen teilweise auf technischer Grundlage. Die Wirkung 
der Photographie auf die Porträtmalerei wird sich eben- 
falls verstärken: denn, da die Photographie in der 


S5 


Reproduktion der Gesichtsformen unübertrefflich ist, 
wird sie die Malerei zwingen, sich auf ihr eigenstes Feld 
zurückzuziehen und das Wesen, die Seele des Menschen 
festzuhalten. — Eine ähnliche Wirkung wie die Photo- 
graphie auf die Malerei könnte die Kinematographie auf 
das Theater ausüben. 

Die moderne Strategie hat sich unter dem Einfluß 
der Technik gründlich geändert. Aus einer psychologi- 
schen Wissenschaft ist Kriegskunst vorwiegend zu einer 
technischen geworden. Die heutigen Kriegsmethoden 
unterscheiden sich von den mittelalterlichen wesentlicher 
als diese von der Kampfesweise der Naturvölker. 

Die ganze Politik der Gegenwart steht im Zeichen 
der technischen Entwicklung: Demokratie, Nationalis- 
mus und Volksbildung lassen sich auf die Erfindung des 
Buchdruckes zurückführen; Industrialismus und kolo- 
nialer Imperialismus. Kapitalismus und Sozialismus sind 
Folgeerscheinungen des technischen Fortschrittes und 
der durch ihn bedingten Umstellung der Weltwirtschaft. 
Wie der Ackerbau eine patriarchalische, das Handwerk 
eine individualistische Mentalität schafft — so schafft 
die gemeinsame, organisierte Industiearbeit die soziali- 
stische Mentalität: die technische Organisation der Arbeit 
spiegelt sich wieder in der sozialistischen Organisation 
der Arbeiter. 

Endlich hat der technische Fortschritt den Euro- 
päer selbst verändert: er ist hastiger, nervöser, unbe- 
ständiger, wacher, geistesgegenwärtiger, rationalistischer, 
tätiger, praktischer und klüger geworden. 

Streichen wir all diese Folgeerscheinungen der Tech- 
nik von unserer Kultur ab, so steht das. was übrig bleibt, 
in keiner Hinsicht höher als die alt-ägyptische und alt- 
babvlonische Kultur — in mancher Hinsicht sogar tiefer. 


86 


DerTechnikalsoverdanktEuropaseinen 
Vorsprung vor allen anderen Kulturen. Erst 
durch sie wurde es zum Herrn und Führer der Welt. 

Europa ist eine Funktion der Technik. 

Amerika ist die höchste Steigerung Europas. — 

4. TECHNISCHE WELTWENDE 

Das technische Zeitalter Europas ist ein 
weltgeschichtliches Ereignis, dessen Bedeutung mit der 
Erfindung der Feuerung in der menschlichen 
Urzeit zu vergleichen ist. Mit der Erfindung des Feuers 
begann die Geschichte der menschlichen Kultur, begann 
die Menschwerdung des Tiermenschen. Alle folgenden 
geistigen und materiellen Fortschritte der Menschheit 
bauen sich auf diese Entdeckung des Ur-Europäers 
Prometheus auf. 

Die Technik bezeichnet einen ähnlichen Wende- 
punkt in der Menschheitsgeschichte wie das 
Feuer, ln Zehntausenden von Jahren wird die Geschichte 
eingeteilt werden in eine vor-technische und in eine 
nach-technische Ep o c h e. Der Europäer, — der 
bis dahin längst ausgestorben sein wird — wird von 
jener künftigen Menschheit als Vater der technischen 
Weltwende wie ein Erlöser gepriesen werden. 

Die Wirkungsmöglichkeiten des technischen Zeit- 
alters, an dessen Beginn wir stehen, sind unübersehbar. 
Es schafft die materiellen Grundlagen für alle kommen- 
den Kulturen, die sich durch ihre veränderte Basis 
wesentlich von allen bisherigen unterscheiden werden. 

Alle bisherigen Kulturen, von der altägyptischen und 
chinesischen bis zu der des Mittelalters, waren einander 
in ihrem Ablauf und in ihrer Entfaltung so ähnlich, weil 


87 


sie auf den gleichen technischen Voraussetzungen 
ruhten. Von der ägyptischen Frühzeit bis zum Ausgange 
des Mittelalters hat die Technik keinen wesentlichen 
Fortschritt zu verzeichnen. 

Die Kultur, die aus dem technischen Zeit- 
alter hervorgehen wird, wird ebenso hoch 
über der antiken und mittelalterlichen 
stehen — wie diese über den Kulturen der 
Steinzeit. — 

5. EUROPA ALS KULTURTANGENTE 

Europa ist kein Kulturkreis — es ist eine 
Kulturtangente: die Tangente zum großen Kreis- 
läufe der orientalischen Kulturen, die entstanden, 
blühten und vergingen, um an anderer Stelle verjüngt 
wieder aufzuerstehen. 

Diesen Kulturkreislauf hat Europa gesprengt und in 
dessen Bahn eine Richtung getragen, die unbekannten 
Lebensformen entgegenführt. 

Innerhalb der orientalischen Kulturen des Ostens und 
des Westens war alles schon dagewesen: die technische 
Kultur Europas aber ist etwas Niedagewesenes, 
etwas wahrhaft Neues. 

Europa ist ein Übergang zwischen dem in 
sich geschlossenen Komplex aller bisheri- 
gen historischen Kulturen und den Kultur- 
formen der Zukunft. 

Ein Zeitalter, das dem europäischen an Bedeutung 
und Dynamik vergleichbar ist, dessen Spuren wir aber 
verloren haben, muß der altbabylonischen, altchinesi- 
schen und altägyptischen Kultur vorausgegangen sein. 
Dieses prähistorische Vor-E uropa hat das 


88 


Fundament geschaffen für alle Kulturen der letzten 
Jahrtausende; wie das moderne Europa war es eine 
Kulturtangente, die sich losgelöst hatte vom Kreisläufe 
der prähistorischen Vor-Kulturen. 

Der Ablauf der großen Weltgeschichte 
setzt sich zusammen aus asiatischen Kul- 
turkreisläufen und europäischen Kultur- 
tangenten. Ohne diese Tangenten (die nur im geisti- 
gen, nicht im geographischen Sinne europäisch sind) 
gäbe es nur Entfaltung, nicht Entwicklung. Nach einer 
langen Periode der Reife löst sich immer wieder ein 
geniales Volk aus dem Dunkel der Zeiten, sprengt den 
natürlichen Kulturablauf und hebt die Menschheit auf 
eine höhere Stufe. 

Erfindung e n. nicht Dichtungen oder Religionen, 
bezeichnen diese Jäten der Kulturentwicklung: die Er- 
findung der Bronze, des Eisens, der Elektrizität. Diese 
Erfindungen bilden das ewige Vermächtnis eines Zeit- 
alters an alle kommenden Kulturen. Von der Antike wird 
nichts übrig bleiben — während die Neuzeit die Kultur 
bereichert durch die Bezwingung der Elektrizität und 
anderer Naturkräfte: diese Erfindungen werden den 
Faust überleben, die Göttliche Komödie und die Ilias. 

Mit dem Mittelalter schloß der Kulturkreis des Eisens 
— mit der Neuzeit beginnt der Kulturkreis der Maschine: 
hier beginnt nicht eine neue Kultur — son- 
dern ein neues Zeitalter. 

Schöpfer dieses technischen Zeitalters ist das geniale 
Promethiden-Volk der germanisierten Europäer. Auf 
ihrem Erfindergeist beruht die moderne Kultur ebenso 
wie auf der Ethik der Juden, der Kunst der Hellenen 
und der Politik der Römer. — 


89 


6. LIONARDO UND BACON 


Zu Beginn des technischen Zeitalters haben 
zwei große Europäer den Sinn Europas vorausgeahnt: 

Lionardo da Vinci und Baconvon Verulam. 

Lionardo widmete sich technischen Aufgaben mit 
der gleichen Leidenschaft wie künstlerischen. Sein Lieb- 
lingsproblem war der Menschenflug, dessen Lösung un- 
sere Zeit staunend miterlebt hat. 

In Indien soll es Joghis geben, die durch Ethik und 
Askese die Schwerkraft aufheben und in der Luft 
schweben können; in Europa bezwang der Erfindergeist 
von Ingenieuren und dessen Materialisation: das Flugzeug, 
die Schwerkraft auf technischem Wege. Levitation 
und Flugtechnik stellen symbolisch den asiatischen 
und europäischen Weg zur Macht und Freiheit des Men- 
schen dar. — 

Bacon war der Schöpfer der kühnen technischen 
Utopie „Nova Atlantis". Ihr technischer Charakter 
unterscheidet sie wesentlich von allen vorhergehenden 
Utopien; von Platon bis Morus. 

Der Wandel des mittelalterlich-asiatischen Denkens 
in ein neuzeitlich-europäisches drückt sich aus in dem 
Gegensatz von Morusethisch-politi scher „Uto- 
pia“ und Bacons technisch-wissenschaft- 
1 i c h e r „N o v a A 1 1 a n t i s“. Morus sieht noch in sozial- 
ethischen Reformen den Hebel der Weltverbesserung — 
Bacon in technischen Erfindungen. 

Morus war noch Christ — Bacon schon 
Europäer. — 


90 


V. JAGD — KRIEG — ARBEIT 


1. MACHT UND FREIHEIT 

Der beschauliche Mensch lebt im Frieden 

mit seiner Umwelt — der tätige in dauern- 
dem Kriegszustände. Um sich zu erhalten, durch- 
zusetzen und zu entfalten muß er ständig fremde und 
feindliche Kräfte abwehren, vernichten, versklaven. 

Der Lebenskampf ist ein Kampf um F r e i h e i t und 
Macht. Siegen heißt: seinen Willen durchsetzen. Des- 
halb ist nur der Sieger frei, nur der Sieger mächtig. 
Zwischen Freiheit und Macht läßt sich keine Grenze 
ziehen: der Vollgenuß der eigenen Freiheit verletzt 
fremde Interessen: Macht ist die einzige Sicherung unge- 
hemmter Freiheit. 

Der Kampf der Menschheit um Freiheit fällt zu- 
sammen mit ihrem Kampfe um Macht. In dessen Ver- 
lauf hat sie den Erdball erobert und bezwungen: das 
Tierreich durch Jagd und Viehzucht — das Pflan- 
zenreich durch Ackerbau — das Mineralreich 
durch Bergbau — die Naturkräfte durch Technik. 
Aus einem unscheinbaren, schwachen I ier hat sich der 
Mensch zum Herrn der Erde aufgeschwungen. — 


91 


2. J A G D 


Die erste Phase des menschlichen Kampfes war das 
Zeitalter der Jagd. 

In hunderttausenden von Jahren währenden Kämpfen 
hat der Mensch die Herrschaft über die Tierwelt er- 
rungen. Dieser siegreiche Kampf des relativ schwachen 
Menschen gegen alle ausgerotteten und noch vorhan- 
denen größeren und wilderen Tierarten ist in seiner 
Großartigkeit zu vergleichen mit der Eroberung der an- 
tiken Welt durch das kleine latinische Dorf Rom. 

Der Mensch siegte über alle Hörner und Zähne, 
Pranken und Krallen seiner physisch besser gerüsteten 
Rivalen einzig durch die Waffe seines überlegenen Ver- 
standes, der sich im Laufe dieses Kampfes ständig ge- 
schärft hat. 

Die Ziele des menschlichen Kampfes gegen seine tieri- 
schen Feinde waren defensiv und offensiv: Abwehr 
und Versklavung. 

Zuerst begnügte sich der Mensch damit, die feind- 
lichen Tiere unschädlich zu machen durch Abwehr und 
Vertilgung; später begann er sie zu zähmen und sich 
ihrer zu bedienen. Er verwandelte Wölfe in Hunde, 
Büffel in Rinder, wilde Elefanten, Kamele, Renntiere, 
Esel, Pferde, Lamas, Ziegen, Schafe und Katzen in 
zahme. So unterwarf er sich aus der Schar vorzeitlicher 
Rivalen ein Heer von Tiersklaven, ein Arsenal von leben- 
den Maschinen, die in seinen Diensten arbeiteten und 
kämpften, seine Freiheit mehrten und seine Macht. — 

3. KRIEG 

Um die errungene Macht zu behaupten und zu 
mehren, ging der Mensch dazu über, seine Mitmenschen 


92 


mit den gleichen Methoden zu bekämpfen wie die Tier- 
welt. Das Zeitalter der Jagd wandelte sich in ein Zeit- 
alter des Krieges. Der Mensch rang mit dem Men- 
schen um die Verteilung der von der Tierwelt eroberten 
Erde. Der Stärkere wehrte den Schwächeren ab, ver- 
tilgte oder versklavte ihn: Krieg war eine Spezial- 
form der Jagd, Sklaverei eine Spezialform 
der Tierhaltung. Im Kampfe um Macht und Frei- 
heit siegte der stärkere, kühnere und klügere Mensch 
über den schwächeren, feigeren, dümmeren. Auch der 
Krieg schärfte den Menschengeist, stählte die Menschen- 
kraft. — 


4. ARBEIT 

Auf die Dauer konnten weder Jagd noch Krieg allein 
den Menschen ernähren: er mußte wieder einen Front- 
wechsel vornehmen, und den Kampf aufnehmen gegen 
die leblose Natur. Das ZeitalterderArbeit begann. 
Noch brachten Kriege und Jagdabenteuer Ruhm und 
Sensationen — aber der Schwerpunkt des Lebens ver- 
schob sich nach der Arbeit. w T eil nur sie ihm die Nah- 
rung brachte, deren es zu seiner Erhaltung bedurfte. 

Die Arbeit war eine Spezialform des 
Krieges — die Technik eine Spezial form 
der Sklaverei: statt Menschen wurden Naturkräfte 
besiegt und versklavt. 

Durch Arbeit bekämpfte der Mensch den Hunger: er 
unterwarf sich den Boden und die Feldfrüchte und ern- 
tete ihren Ertrag. Durch Arbeit bekämpfte der Mensch 
die Winterkälte: er baute Häuser, wob Stoffe, fällte 
Holz. So schützte er sich durch Arbeit vor den feindlichen 
Naturgewalten. — 


95 


5. DER KRIEG ALS ANACHRONISMUS 

Jagd, Krieg, Arbeit gingen so vielfach in einander 
über, daß es unmöglich ist, sie chronologisch von ein- 
ander zu trennen. Früher lief das Zeitalter der Jagd 
durch Jahrtausende parallel mit dem des Krieges — wie 
heute das Zeitalter des Krieges parallel läuft mit dem 
der Arbeit; aber der Schwerpunkt der Kampffront ver- 
schob und verschiebt sich beständig. Während ursprüng- 
lich die Jagd im Mittelpunkte menschlicher Tätigkeit 
stand, trat in der Folge der Krieg an ihre Stelle und zu- 
letzt die Arbeit. 

Der Krieg, der einst für den Kulturfortschritt wesent- 
lich und notwendig war, hat diese Bedeutung verloren 
und ist zu einem gefährlichen Kulturschädling ge- 
worden. Heute bezeichnen nicht Kriege die Etappen des 
Fortschrittes — sondern Erfindungen. 

Die Entscheid ungs kämpfe der Mensch- 
heit um Freiheit und Macht spielen sich 
heute an der Front der Arbeit ab. 

In einer Zeit, da der Weltkrieg nur mehr 
Historiker interessieren wird, wird unsere 
1 Jahrhundertwende ruhmvoll dastehen als 
Geburtsstunde des Menschenfluges. 

Wie im Zeitalter des Krieges sich die Jagd als Ana- 
chronismus erhielt - — so erhält sich im Zeitalter der 
Arbeit der Krieg als Anachronismus. Aber in 
dieser Epoche ist jeder Krieg Bürgerkrieg, weil 
er sich gegen Mitkämpfer richtet und die gemeinsame 
Arbeitsfront verwirrt. 

,, Im Zeitalter der Arbeit ist die Verherrlichung des 
| Krieges ebenso unzeitgemäß, wie in der Kriegsepoche 

f die Verherrlichung der Jagd. Ursprünglich war der 

•S 

94 


Drachen- und Löwentöter der Held; dann war es der 
Feldherr; schließlich ist es der Erfinder. 

L a v o i s i e r hat für die menschliche Entwicklung 
mehr geleistet, als Robespierre und Bonaparte zu- 
sammen. 

Wie in der Jagdepoche der Jäger herrschte, in der 
Kriegsepoche der Krieger — - so wird im Zeitalter der 
Arbeit der Arbeiter herrschen. — 


6. T ECHNIK 

Das Zeitalter der Arbeit zerfällt in das des Acker- 
baues und der Technik. 

Als Ackerbauer ist der Mensch der Natur gegenüber 
vorwiegend defensiv — als Techniker offensiv. 

Die Methoden der Arbeit entsprechen denen des Krie- 
ges und der Jagd: Abwehr und Versklavung. Die 
Epoche des Ackerbaues beschränkt sich darauf, Hunger 
und Kälte abzuwehren — während die Technik dazu 
übergeht, die ehemals feindlichen Naturkräfte zu ver- 
sklaven. Der Mensch herrscht heute über Dampf und 
Elektrizität und über ein Sklavenheer von Maschinen. 
Mit ihnen wehrt er sich nicht nur gegen Hunger und 
Kälte. Naturkatastrophen und Krankheiten — sondern 
unternimmt es sogar, gegen die Schranken von Raum, 
Zeit und Schwerkraft anzugehen. Sein Kampf um Frei- 
heit von den Naturkräften geht über in ein 
Ringen um Macht über die Naturkräfte. — 
t Technik ist praktische Anwendung der Wissen- 

i schaft zur Beherrschung der Natur; zur Technik im 
weiteren Sinne gehört auch Chemie als Atom-Technik 
und Medizin als organische Technik. 

Technik vergeistigt die Arbeit: dadurch 


95 


mindert sie die Arbeitslast und steigert sie den Arbeits- 
ertrag. 

Technik beruht auf heroischer, aktivisti- 
scher Einstellung zur Natur; sie will sich nicht 
dem Willen der Naturkräfte fügen, sondern ihn beherr- 
schen. Der Wille zur Macht ist die Triebfeder 
des technischen Fortschrittes. In den Natur- 
kräften sieht der Techniker Zwingherrn, die zu stürzen, 
Gegner, die zu besiegen, Bestien, die zu zähmen sind. — 

Die Technik ist ein Kind des europäischen 

Geistes. — 


96 


VI. DER FELDZUG DER TECHNIK 

1. EUROPAS MASSENELEND 

Durch die Bevölkerungzunahme wird die Lage des 
Europäers immer verzweifelter; trotz aller bisherigen 
Fortschritte der Technik befindet er sich noch in einem 
recht erbärmlichen Zustande. Die Gespenster des Hun- 
gers und des Erfrierens hat er zurückgedrängt — aber 
um den Preis seiner Freiheit und seiner Muße. 

Die furchtbare Zwangsarbeit beginnt für den Europäer 
im siebenten Lebensjahr mit dem Schulzwange und endet 
gewöhnlich erst mit dem Tode. Seine Kindheit wird ver- 
giftet durch die Vorbereitung zum Lebenskämpfe, der 
in den folgenden Jahrzehnten seine ganze Zeit und Per- 
sönlichkeit. seine Lebenskraft und Lebensfreude ver- 
schlingt. Auf Muße steht Todesstrafe; der vermögens- 
lose Durchschnittseuropäer steht vor der Wahl: ent- 
weder bis zur Erschöpfung zu arbeiten oder samt seinen 
Kindern zu verhungern. Die Hungerpeitsche treibt ihn 
an, trotz Erschöpfung, Ekel und Erbitterung weiterzu- 
arbeiten. 

Die europäischen Völker haben zwei politische Ver- 
suche unternommen, diesen erbärmlichen Zustand zu 
verbessern: Kolonialpolitik und Sozial is- 

m u s. — 


Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


97 


2. KOLONIALPOLITIK 


Die erste Form der Kolonialpolitik besteht 
in der Eroberung und Besiedelung dünnbevölkerter 
Erdstriche durch Nationen, die an Übervölkerung leiden. 
Die Auswanderung ist tatsächlich imstande, Län- 
der vor Übervölkerung zu retten und Menschen, denen 
das europäische Gedränge unerträglich wird, ein freies 
und menschenwürdiges Dasein zu sichern. Die Auswan- 
derung bietet noch vielen Menschenmillionen einen Aus- 
weg aus der europäischen Hölle und sollte daher auf 
jede Weise gefördert werden. — 

Die zweite Form der Kolonialpolitik be- 
ruht auf Ausbeutung wärmerer Erdstriche 
und farbiger Völker. Menschen südlicher Rassen 
werden durch europäische Kanonen und Gewehre aus 
ihrer goldenen Muße aufgescheucht und gezwungen, im 
Dienste Europas zu arbeiten. Der ärmere aber stärkere 
Norden plündert systematisch den reicheren aber schwä- 
cheren Süden; er raubt ihm Reichtum, Freiheit und 
Muße und verwendet diesen Raub zur Mehrung des 
eigenen Reichtums, der eigenen Freiheit und der eigenen 
Muße. 

Diesem Hilfsmittel des Raubes, der Ausbeutung und 
der Sklaverei haben einige europäische Völker einen Teil 
ihres Wohlstandes zu verdanken, der sie in die Lage ver- 
setzt, das Los ihrer einheimischen Arbeiter zu ver- 
bessern. — 

Auf die Dauer muß dieses Hilfsmittel versagen: denn 
seine unausbleibliche Folge ist ein ungeheurer 
Sklavenaufstand, der die Europäer aus den 
farbigen Kolonien wegfegen und damit Europas tropi- 
sche Kulturbasis stürzen wird. — 


98 


Auch die Auswanderung ist nur ein provisori- 
sches Hilfsmittel: heute schon sind einige Kolo- 
nien ebenso dichtgedrängt wie ihre Mutterländer und 
nähren das gleiche Elend. Die Zeit muß kommen, da 
es keine menschenleeren Gebiete auf Erden mehr geben 
wird. 

Bis dahin müssen neue Mittel gefunden werden, um 
dem europäischen Verhängnis entgegenzutreten. — 


3. SOZIALPOLITIK 

Den zweiten Versuch, das europäische Massenelend 
zu lindern, unternimmt der Sozialismus. 

Der Sozialismus will die europäische Hölle bannen 
durch gleichmäßige Verteilung der Arbeitslast und des 
Arbeitsertrages. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich das Los der 
europäischen Massen durch vernünftige Reformen 
wesentlich verbessern ließe. Wenn aber der soziale Fort- 
schritt nicht getragen wird durch einen Aufschwung 
der Technik, kann er das soziale Elend nur lindern, 
nicht beheben. 

Denn die Arbeitslast, die zur Fütterung und Wärmung 
der vielzuvielen Europäer nötig ist, ist groß; der Arbeits- 
ertrag, den das rauhe und nicht genügend fruchtbare 
Europa auch bei intensivster Ausnützung abwirft, rela- 
tiv klein, so daß auch bei gerechtester Verteilung auf 
jeden Europäer sehr viel Arbeit und sehr wenig Lohn 
fiele. Beim heutigen Stande der Technik würde sich das 
Leben in einem sozialistischen Europa in die Doppel- 
tätigkeit auflösen: arbeiten um zu essen und 
essen um zu arbeiten. Das Gleichheitsideal wäre 
erreicht: aber von Freiheit, Muße und Kultur wäre 

-• 99 


Europa ferner denn je. Um die Menschen zu befreien, 
ist Europa einerseits zu barbarisch, andererseits zu arm. 
Das Vermögen der wenigen Reichen, auf alle verteilt, 
würde spurlos verschwinden: die Armut wäre nicht ab- 
geschafft, sondern verallgemeinert. 

Der Sozialismus ist allein nicht im- 
stande, Europa aus seiner Unfreiheit und 
seinem Elend zu Freiheit und Wohlstand 
zu führen. Weder Stimmzettel noch Aktien könnten 
den Kohlenarbeiter dafür entschädigen, daß er sein 
Leben in Höhlen und Schächten verbringen muß. Die 
meisten Sklaven orientalischer Despoten sind freier als 
dieser freie Arbeiter eines sozialisierten Werkes. 

Der Sozialismus verkennt das europäische Problem, 
wenn er in der ungerechten Verteilung das 
Grundübel der europäischen Wirtschaft sieht, statt in 
der ungenügenden Produktion. Die Wurzel 
des europäischen Elends liegt in der Notwendigkeit der 
Zwangsarbeit — nicht in der Ungerechtigkeit ihrer 
Verteilung. Der Sozialismus irrt, wenn er im Kapitalis- 
mus die letzte Ursache der furchtbaren Zwangsarbeit 
sieht, unter der Europa stöhnt; denn in Wahrheit 
fließt nur ein sehr geringer Teil der europäischen 
Arbeitsleistung den Kapitalisten und ihrem Luxus zu: 
der allergrößte Teil dieser Arbeit dient dazu, einen 
unfruchtbaren Weltteil in einen frucht- 
baren zu verwandeln, einen kalten in einen 
warmen und auf ihm eine Menschen zahl 
zu erhalten, die er auf natürlichem Wege 
nicht ernähren könnte. 

Der Winter und die Übervölkerung Europas sind 
härtere und grausamere Despoten, als sämtliche Kapi- 
talisten: aber nicht die Politiker führen die europäische 


100 


Revolution gegen diese unbarmherzigen Zwingherrn 
sondern die Erfinder. — 


4. TECHNISCHE WELTREVOLUTION 

Der koloniale Imperialismus ebenso 
wie der Sozialismus sind Palliative, nicht 
Heilmittel der europäischen Krankheit; 
sie können die Not lindern, nicht bannen; die Katastro- 
phe aufschieben, nicht verhüten. Europa wird sich ent- 
scheiden müssen, entweder seine Bevölkerung zu dezi- 
mieren und Selbstmord zu begehen — oder durch groß- 
zügige Steigerung der Produktion und \ ervollkomm- 
nung der Technik zu genesen. Denn nur dieser Weg 
kann die Europäer zu Wohlstand. Muße und Kultur 
führen, während die sozialen und kolonialen Rettungs- 
wege schließlich in Sackgassen münden. 

Europa muß sich darüber klar sein, daß der tech- 
nische Fortschritt ein Befreiungskrieg 
allergrößten Stiles ist gegen den härtesten, grau- 
samsten und unbarmherzigsten Tyrannen: die nordische 


Natur. . ....... 

Von dem Ausgange dieser technischen Welt- 
revolution hängt es ab. ob die Menschheit die sich 
einmal in Äonen bietende Gelegenheit: Herrin über die 
Natur zu werden — nützt, oder ob sie diese Gelegen- 
heit. vielleicht für immer, ungenützt vorüber gehen 


läßt. — ^ 

Vor hundert Jahren etwa eröffnete Europa die 

Offensive gegen die übermächtige Natur, 
gegen die es sich bis dahin nur verteidigt hatte. Es be- 
gnügte sich nicht mehr damit, von der Gnade der 
Nat Urgewalten zu leben: sondern es begann, seine Feinde 
zu versklaven. 


101 


Die Technik hat begonnen, das Sklavenheer der Haus- 
tiere zu ergänzen und das Sklavenheer der Schwer- 
arbeiter zu ersetzen durch Maschinen, die betrieben 
werden von Naturkräften. — 

5. DIE ARMEE DER TECHNIK 

Europa (und mit ihm Amerika) hat zu diesem 
größten und folgenschwersten aller Kriege den Erdball 
mobilisiert. 

Die Fronttruppen des weltumspannenden Arbeits- 
heeres, das gegen die Willkür der Naturkräfte kämpft, 
sind die Industriearbeiter; ihre Offiziere Inge- 
nieure, Unternehmer, Direktoren, ihren Ge- 
neralstab bilden die Erfinder, ihren Train Rauern 
und Landarbeiter, ihre Artillerie die Maschinen, 
ihre Schützengräben R erg werke, ihre Forts Fa- 
hr i k e n. 

Mit dieser Armee, deren Reserven er allen Weltteilen 
entnimmt, hofft der weiße Mensch die Tyrannis der 
Natur zu brechen, ihre Kräfte dem Menschengeiste zu 
unterwerfen und so den Menschen endgültig zu be- 
freien. — 

6. DER ELEKTRISCHE SIEG 

Die technische Armee hat ihren ersten entscheidenden 
Sieg davongetragen über einen der ältesten Wider- 
sacher des Menschengeschlechtes: den Blitz. 

Seit jeher hat der elektrische Funke als Blitz den 
Menschen bedroht, verwundet, getötet; hat seine Häuser 
verbrannt und sein Vieh erschlagen. Diesem tückischen 
Feinde, der ihm nie in irgend einer Weise half, war der 
Mensch durch hunderttausende von Jahren preisge- 
geben: bis Benjamin Franklin durch Erfindung 


102 


des Blitzableiters seine Schreckensherrschaft über 
den Menschen brach. 

Der elektrische Funke als Geißel der Menschheit war 
damit abgewehrt. Aber der weiße Mensch begnügte 
sich nicht mit diesem Abwehrsiege: er ging zur 
Offensive über und erreichte es, in einem Jahr- 
hundert diesen Feind in einen Sklaven, dieses gefähr- 
lichste Raubtier in sein nützlichstes Haustier zu ver- 
wandeln. 

Heute beleuchtet der elektrische Funke, der einst un- 
sere Vorväter mit Entsetzen erfüllt hat, unsere Zimmer, 
kocht unseren Tee, bügelt unsere Wäsche, heizt unsere 
Zimmer, läutet unsere Glocken, befördert unsere Briefe 
(Telegramme), zieht Bahnen und Wagen, treibt Ma- 
schinen — ist also, mit einem Worte, unser Bote, Brief- 
träger, Dienstmann, Koch, Heizer, Beleuchter, Arbeiter, 
Lastträger und sogar unser Henker geworden. Was heute 
der elektrische Funke in Europa und Amerika im 
Dienste des Menschen leistet, wäre selbst durch Ver- 
doppelung der menschlichen Arbeitszeit nicht entfernt 
zu ersetzen. 

So wie diese ehemals feindliche Naturkraft nicht nur 
zurückgeschlagen wurde, sondern sich in den unent- 
behrlichsten und nützlichsten Diener des Menschen ver- 
wandelt hat — so werden dereinst auch die Fluten des 
Meeres und die Gluten der Sonne, Stürme und Über- 
schwemmungen aus Feinden zu Sklaven des Menschen 
werden. Aus Giften werden Heilmittel, aus tödlichen 
Bazillen Schutzimpfungen. Wie der Mensch der Urzeit 
wilde Tiere gezähmt und unterworfen hat — so zähmt 
und unterwirft der Mensch der Neuzeit wilde Natur- 
kräfte. 

Durch solche Siege wird sich der nordische Mensch 


103 


einst Freiheit, Muße und Kultur erobern: nicht durch 
Entvölkerung oder Entsagung, nicht durch Krieg und 
Revolution — sondern durch Erfindung und A r- 
b e i t, durch Geist und Tat.- — 

7. DER ERFINDER ALS ERLÖSER 

In unserer europäischen Geschichts- 
epoche ist der Erfinder ein größerer Wohl- 
täter der Menschheit als der Heilige. 

Der Erfinder des Automobils hat mehr Gutes für 
die Pferde getan und ihnen mehr Leiden erspart als 
sämtliche Tierschutzvereine der Welt. 

Das Kleinauto ist im Begriffe, Tausende von ost- 
asiatischen Kulis aus ihrem Zugtierdasein zu erlösen. 

Die Erfinder des D i p h t e r i e- und Blattern- 
serums haben mehr Kindern das Leben gerettet, als 
alle Säuglingsheime. 

Die Galeerensklaven verdanken der neuzeitlichen 
Schiffstechnik ihre Befreiung, während durch die 
Einführung der Petroleum feuerung die moderne 
Technik die Schiffsheizer aus ihrem Höllenberufe zu er- 
lösen beginnt. 

Der Erfinder, der, etwa durch A t o m Zertrüm- 
merung, einen praktischen Kohlenersatz schafft — 
wird für die Menschheit mehr geleistet haben als der er- 
folgreichste soziale Reformator: denn er wird die Mil- 
lionen Kohlenarbeiter aus ihrem menschenunwürdigen 
Dasein erlösen und einen großen Teil der menschlichen 
Arbeitslast tilgen — während heute kein kommunisti- 
scher Diktator es vermeiden könnte. Menschen zu jenem 
unterirdischen Grubenleben zu verurteilen. 

Der Chemiker, dem es gelingt. Holz genießbar zu 


104 


machen, würde die Menschheit aus dem Sklavenjoche des 
Hungers befreien, das sie länger und grausamer drückt 

als jede menschliche Gewaltherrschaft. 

Weder Ethik, noch Kunst, noch Religion, noch Politik 

werden den paradiesischen Fluch tilgen 

sondern Technik. Der organischen Technik, der M e- 
d i z i n. ist es Vorbehalten, den Erbfluch der Frau zu 
bannen: „Du sollst unter Schmerzen Deine Kinder ge- 
bären ; der anorganischen T e c h n i k ist es Vorbehalten, 
den Erbfluch des Mannes zu bannen: ,.Im Schweiße 

Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen“. 

In vieler Hinsicht gleicht unser Zeitalter dem Beginn 
der römischen Kaiserzeit. Damals hoffte die Welt auf 
Erlösung durch das Friedensreich der pax romana. Die 
erholfte Y\ eltwende kam — - aber von ganz anderer Seite: 
nicht von außen — sondern von innen; nicht durch 
Politik — sondern durch Religion; nicht durch Cäsar 
Augustus — sondern durch Jesus Christus. 

Auch wir stehen vor einer Weltwende; die Mensch- 
heit erwartet heute von der sozialistischen Aera den An- 
bruch des goldenen Zeitalters. Die erhoffte Weltwende 

wird, vielleicht, kommen: aber nicht durch Politik 

sondern durch lechnik: nicht durch einen Revolutionär 

— sondern durch einen Erfinder: nicht durch Lenin 

sondern durch einen Mann, der vielleicht heute schon 
irgendwo namenlos lebt und dem es eines Tages gelingen 
wird, durch Erschließung neuer, ungeahnter Energie- 
quellen die Menschheit aus Hunger, Frost und Zwangs- 
arbeit zu erlösen. — 


105 


VII. ENDZIEL DER TECHNIK 


1. KULTUR UND SKLAVEREI 

Jede bisherige Kultur war auf Sklaverei 
gegründet: die Antike auf Sklaven, die mittel- 
alterliche auf Leibeigene, die neuzeitliche auf Pro- 
letarier. — 

Die Bedeutung der Sklaven beruht darauf, daß sie 
durch ihre Unfreiheit und Mehrarbeit Raum schaffen für 
die Freiheit und Muße einer Herren käste, die 
Vorbedingung jeder Kulturbildung ist. Denn es ist nicht 
möglich, daß die gleichen Menschen die ungeheuere 
physische Arbeit leisten, die zur Ernährung, Kleidung 
und Behausung ihrer Generation erforderlich — - und zu- 
gleich die ungeheure Geistesarbeit, die zur Schaffung und 
Erhaltung einer Kultur nötig ist. 

Überall herrscht Arbeitsteilung: damit das Ge- 
hirn denken kann, müssen die Eingeweide verdauen; 
ohne daß ihre Wurzeln in der Erde wühlen, kann keine 
Pflanze zum Himmel blühen. Träger jeder Kultur sind 
entfaltete Menschen. Entfaltung ist unmöglich ohne eine 
Atmosphäre von Freiheit und Muße: auch das Gestein 
kann nur in flüssigem, freiem Zustande auskristallisieren; 
wo es eingeschlossen, unfrei ist, muß es amorph bleiben. 

Die kulturbildende Freiheit und Muße 


106 


weniger konnte nur geschaffen werden 
durch Knechtschaft und Überarbeitung 
vieler. In nördlichen und übervölkerten Strichen war 
das göttliche Dasein von Tausenden immer und überall 
aufgebaut auf einem tierischen Dasein von Hundert- 
tausenden. 

Die Neuzeit mit ihren christlichen, sozialen Ideen 
stand vor der Alternative: entweder auf Kultur zu ver- 
zichten — oder die Sklaverei beizubehalten. Gegen die 
erste Eventualität sprachen ästhetische — gegen die 
zweite ethische Bedenken: die erste widerstrebte dem 
Geschmack, die zweite dem Gefühl. 

Westeuropa entschied sich für die zweite Lösung: 
um den Rest seiner bürgerlichen Kultur zu erhalten, be- 
hielt es im Industrieproletariate in verkappter Form die 
Sklaverei bei — während Rußland sich anschickt, zur 
ersten Lösung zu greifen: es befreit seine Proletarier, 
bringt aber dieser Sklavenbefreiung seine ganze Kultur 
zum Opfer. 

Beide Lösungen sind in ihrer Konsequenz uner- 
träglich. Der Menschengeist muß nach einem Aus- 
weg aus diesem Dilemma suchen: er findet ihn in der 
Technik. Sie allein kann zugleich die 
Sklaverei brechen und die Kultur retten. 

2. DIE MASCHINE 

Endziel der Technik ist: Ersatz der 
Sklavenarbeit durch Maschinenarbeit; 
Erhebung der Gesamtmenschheit zu einer 
Herrenkaste, in deren Dienst ein Heer von 
Naturkräften in Maschinengestalt ar- 
beitet. 


107 


Wir befinden uns auf dem Wege zu diesem Ziele: 
früher mußten fast alle technischen Energien von Men- 
schen- oder Tiermuskeln erzeugt werden — heute 
werden sie vielfach durch Dampfkraft, Elektrizität und 
Motorkraft ersetzt. Immer mehr fällt dem Menschen 
die Rolle eines Regulators von Energien zu — statt 
der eines Erzeugers. Gestern noch zog der Arbeiter 
als Kuli die Kultur vorwärts — morgen wird er deren 
Chauffeur sein, der beobachtet, denkt und lenkt, statt 
zu laufen und zu schwitzen. 

Die Maschine ist die Befreiung des Men- 
schen aus dem Joche der Sklavenarbeit. Durch sie 
kann ein Hirn mehr Arbeit leisten und mehr Werte 
schaffen als Millionen Arme. Die Maschine ist mate- 
rialisierter Menschengeist, gefrorene Mathe- 
matik. das dankbare Geschöpf des Menschen, gezeugt 
aus der Geisteskraft des Erfinders, geboren aus der 
Muskelkraft der Arbeiter. 

Die Maschine hat eine doppelte Aufgabe: die Pro- 
duktion zu mehren und die Arbeit zu ver- 
mindern und zu erleichtern. 

Durch Mehrung der Produktion wird die 
Maschine die Not brechen — durch Min- 
derung der Arbeit die Sklaverei. 

Heute darf der Arbeiter nur zum geringsten Teile 
Mensch sein — - weil er zum größten Teile Maschine 
sein muß: in der Zukunft wird die Maschine das 
Maschinelle, das Mechanische der Arbeit übernehmen 
und dem Menschen das Menschliche, das Organische 
überlassen. So eröffnet die Maschine die Aussicht auf 
Vergeistigung und Individualisierung der 
menschlichen Arbeit: ihre freie und schöpferi- 
sche Komponente wird wachsen gegenüber der auto- 


108 


matisch-mechanischen — die geistige gegenüber der 
materiellen. Dann erst wird die Arbeit aufhören, den 
Menschen zu entpersönlichen, zu mechanisieren, zu ent- 
würdigen; dann erst wird die Arbeit dem Spiel, dem 
Sport und der freien schöpferischen Tätigkeit ähnlich 
werden. Sie wird nicht, wie heute, eine Geisel sein, die 
alles Menschliche unterdrückt — sondern ein Hilfsmittel 
gegen Langeweile, eine Zerstreuung und eine körper- 
liche oder geistige Übung zur Entfaltung aller Fähig- 
keiten. Diese Arbeit, die der Mensch als Hirn seiner Ma- 
schine leisten wird und die auf Herrschaft ge- 
gründet ist, wird anregen statt abzustumpfen, erheben 
statt herabzudrücken. — 

3. ABBAU DER GR OS STADT 

Neben diesen beiden Aufgaben: Linderung der 
Not durch Steigerung der Produktion und Abbau der 
Sklaverei durch Minderung und Individualisierung 
der Arbeit — hat die Maschine noch eine dritte Kultur- 
mission: die Auflösung der modernen Groß- 
stadt und die Zurückführung des Menschen in die 
Natur. — 

Der Ursprung der modernen Großstadt fällt in eine 
Zeit, da das Pferd das schnellste Verkehrsmittel war 
und es noch keine Telephone gab. Damals war es not- 
wendig, daß die Menschen in nächster Nähe ihrer Ar- 
beitsstätten und infolgedessen auf einen engen Raum zu- 
sammengepfercht lebten. 

Die Technik hat diese Voraussetzungen geändert: 
Schnellbahn, Auto, Fahrrad und Telephon 
erlauben es heute dem Arbeiter, viele Kilometer von 
seinem Bureau entfernt zu wohnen. Für den Bau 


109 


und die Anhäufung von Zinskasernen be- 
steht keine Notwendigkeit mehr. Künftig 
werden die Menschen die Möglichkeit haben, nebenein- 
ander zu wohnen statt übereinander, in Gärten gesunde 
Luft zu atmen, und in hellen geräumigen Zimmern ein 
gesundes, reinliches, menschenwürdiges Leben zu 
führen. Elektrische und Gasöfen werden (ohne die Mühe 
des Heizens und der Beschaffung des Brennmateriales) 
vor der Winterkälte schützen, elektrische Lampen vor 
den langen Winternächten. Der Menschengeist wird 
über den Winter triumphieren und die nördliche Zone 
ebenso wohnlich machen, wie die gemäßigte. 

Die Entwicklung zur Gartenstadt hat bereits 
begonnen: die Reichen verlassen die Zentren der Groß- 
städte, die sie früher bewohnten, und siedeln sich an 
deren Peripherie oder in deren Umgebung an. Die neu 
entstehenden Industriestädte dehnen sich in die Weite 
statt in die Höhe. — 

Auf höherer Ebene werden die Städte der Zu- 
kunftin der Anlage etwas Ähnlichkeit haben mit denen 
des Mittelalters: wie dort um einen riesigen Dom 
die niedrigen Bürgerhäuschen gruppiert waren — so 
werden einst um einen riesigen Wolkenkratzer (der alle 
öffentlichen und privaten Bureaus umfassen und Waren- 
und Speisehaus sein wird) sich die niedrigen Häuser 
und weiten Gärten der Gartenstadt ausdehnen. In Fa- 
briksstädten wird die F abrik jene zentrale Kathedrale 
der Arbeit sein: die Andacht des Menschen in diesen 
Kathedralen der Zukunft wird Arbeit für die Gemein- 
schaft sein. 

Wer nicht beruflich an die Stadt gefesselt sein wird, 
wird auf dem Lande leben, das durch Fernleitungen 
und drahtlose Verbindungen an den Bequemlichkeiten, 


110 


Tätigkeiten und Zerstreuungen der Städte teilnehmen 
wird. 

Es wird eine Zeit kommen, in der die Menschen nicht 
mehr verstehen werden, wie es einmal möglich war, in 
den Steinlabyrinthen zu leben, die wir heute als moderne 
Großstädte kennen. Ihre Ruinen werden dann bestaunt 
werden, wie heute die Behausungen der Höhlenbe- 
wohner. Die Ärzte werden sich die Köpfe zerbrechen, 
wie es vom hygienischen Standpunkte überhaupt mög- 
lich war, daß Menschen in solcher Abgeschlossenheit der 
Natur, Freiheit, Licht und Luft, in einer solchen Atmo- 
sphäre von Ruß, Rauch, Staub und Schmutz überhaupt 
leben und gedeihen konnten. — 

Der kommende Abbau der Großstadt als Folge 
des Aufschwunges der Verkehrstechnik ist eine not- 
wendige Voraussetzung wirklicher Kultur. 
Denn in der unnatürlichen und ungesunden Atmosphäre 
der heutigen Großstadt werden die Menschen systema- 
tisch an Leib, Seele und Geist vergiftet und verkrüppelt. 
Die Großstadtkultur ist eine Sumpfpflanze: denn sie 
wird getragen von degenerierten, krankhaften und deka- 
denten Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig in diese 
Sackgassen des Lebens geraten sind. — 


4. DAS KULTURPARADIES DES 
MILLIONÄRS 

Die Technik ist in der Lage, dem modernen Menschen 
mehr Glücks- und Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten 
als vergangene Zeiten ihren Fürsten und Königen. 

Freilich ist heute noch, zu Beginn der technischen 
Weltperiode, die Zahl derjenigen, denen die Erfindun- 


111 


gen der Neuzeit unbeschränkt zur Verfügung stehen, 
gering. 

Ein moderner Dollar millionär kann sich mit 
allem Luxus, allem Komfort, aller Kunst und aller 
Schönheit umgeben, die die Erde bietet. Er kann alle 
Früchte der Natur und Kultur genießen, kann, ohne zu 
arbeiten, leben, wo und wie es ihm gefällt. Durch Tele- 
phon und Auto kann er nach Wahl mit der Welt ver- 
bunden oder von ihr geschieden sein; er kann als Ein- 
siedler in der Großstadt leben oder in Gesellschaft auf 
seinem Landsitz; braucht weder unter dem Klima zu 
leiden noch unter der Übervölkerung; Hunger und Frost 
sind ihm fremd; durch seine Aeroplane ist er Herr der 
Luft, durch seine Jacht Herr der Meere. In vieler Hin- 
sicht ist er freier und mächtiger als Napoleon und Cäsar. 
Sie konnten nur Menschen beherrschen — aber nicht 
über Ozeane fliegen und über Kontinente sprechen. Er 
hingegen ist Herr der Natur. Naturkräfte bedienen 
ihn als unsichtbare, mächtige Diener und Geister. Mit 
ihrer Hilfe kann er schneller und höher fliegen als ein 
Vogel, schneller über die Erde rasen als eine Gazelle und 
unter Wasser leben wie ein Fisch. Durch diese Fähig- 
keiten und Gewalten ist er freier sogar als der Einge- 
borene der Südsee und hat den paradiesischen Fluch 
überwunden. Auf dem Umwege über die Kultur ist er 
in ein vollkommeneres Paradies heimgekehrt. — 

Die Grundlage zu so vollkommenem Leben hat die 
Technik geschaffen. Für einige Auserwählte hat sie aus 
den nordischen Urwäldern und Sümpfen Kultur- 
paradiese gemacht. In diesen Glückskindern kann 
der Mensch ein Versprechen des Schicksals 
an seine Kindeskinder sehen. Sie sind die Vor- 
hut der Menschheit auf ihrem Wege in das Eden der 


112 


Zukunft. Was heute Ausnahme ist, kann, bei weiterem 
technischen Fortschritte, Regel werden. Die Technik 
hat die Tore des Paradieses gesprengt; 
durch den schmalen Eingang sind bisher nur wenige 
geschritten: aber der Weg steht offen und durch Fleiß 
und Geist kann einst die ganze Menschheit jenen Glücks- 
kindern folgen. Der Mensch braucht nicht zu verzwei- 
feln: niemals war er seinem Ziele so nahe wie heute. 

Vor wenigen Jahrhunderten war der Besitz eines Glas- 
fensters, eines Spiegels, einer Uhr, von Seife oder Zucker 
ein großer Luxus: die technische Produktion hat diese 
einst seltenen Güter über die Massen verstreut. Wie 
heute jedermann eine Uhr trägt und einen Spiegel besitzt 
— so könnte vielleicht in einem Jahrhundert jeder 
Mensch ein Auto, seine Villa und sein Telephon haben. 
Der Wohlstand muß umso schneller steigen und umso 
allgemeiner werden, je rascher die Produktions- 
ziffern steigen im Verhältnis zu den Be- 
völkerungsziffern. 

Es ist das Kulturziel der Technik, einst allen Men- 
schen die Lebensmöglichkeiten zu bieten, über die heute 
jene Millionäre verfügen. Deshalb kämpft die Technik 
gegen die Not — nicht gegen den Reichtum; gegen 
Knechtschaft — nicht gegen Herrschaft. Ihr Ziel ist Ver- 
allgemeinerung des Reichtums, der Macht, der Muße, der 
Schönheit und des Glückes: nicht Proletari- 
sierung, sondern Aristokratisierung der 
Menschheit ! — 


8 Condenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


113 


VIII. DER GEIST DES TECHNISCHEN 
ZEITALTERS 

1. HEROISCHER PAZIFISMUS 

Das Paradies der Zukunft läßt sich 
nicht durch Putsche erschleichen — - es 
läßt sich nur durch Arbeit erobern. — 

Der Geist des technischen Zeitalters ist heroisch- 
pazifistisch: heroisch, weil Technik Krieg mit 
verändertem Objekt ist — p a z i f i s t i s c h. weil sich 
sein Kampf nicht gegen Menschen richtet, sondern gegen 
Naturgewalten. — 

Das technische Heldentum ist unblutig: der 
technische Held arbeitet, denkt, handelt, wagt und dul- 
det, nicht um seinen Mitmenschen nach dem Leben zu 
trachten, sondern um sie aus dem Sklaven joch von 
Hunger, Kälte, Not und Zwangsarbeit zu erlösen. 

Der Held des technischen Zeitalters ist 
ein friedlicher Held der Arbeit und des 
Geistes. — 

Die Arbeit des technischen Zeitalters ist Askese: 
Selbstbeherrschung und Entsagung. In ihrer heutigen 
Form und ihrem heutigen Ausmaße ist sie kein Ver- 
gnügen, sondern ein hartes Opfer das wir unseren 
Mitmenschen und Nachkommen darbringen. 


114 


Askese heißt Übung: sie ist der griechische Aus- 
druck für das, was auf englisch Training heißt; durch 
diese Übersetzung verliert der Begriff Askese seinen 
pessimistischen Charakter und wird optimistisch- 
h e r o i s c h. 

Die optimistische, lebensbejahende Askese des tech- 
nischen Zeitalters bereitet ein Reich Gottes auf 
Erden vor: sie rodet die Erde zum Paradiese; zu diesem 
Zwecke versetzt sie Berge, Flüsse und Seen, wickelt den 
Erdball in Kabel und Schienen, schafft aus Urwäldern 
Plantagen, aus Steppen Ackerland. Wie ein überirdi- 
sches Wesen verändert der Mensch die Erdoberfläche 
nach seinen Bedürfnissen. — 


2. DER GEIST DER TRÄGHEIT 

Im Zeitalter der Arbeit und Technik gibt es kein 
größeres Laster als Trägheit — wie es im 
Zeitalter des Krieges kein größeres Laster als Feigheit 
gab. 

Die Ü berwindung der Trägheit ist die Häupt- 
ern: gäbe des technischen Heroismus. 

Wo das Leben sich als Energie manifestiert ■ — steht 
die Trägheit im Zeichen des Todes. Der Kampf 
des Lebens gegen den Tod ist ein Kampf der Tatkraft 
gegen die Trägheit. Der Sieg des Todes über das Leben 
ist ein Sieg der Trägheit über die Tatkraft. Die Boten 
des Todes sind Alter und Krankheit: in ihnen ge- 
winnt die Trägheit Übermacht über die Lebensenergie: 
Züge, Glieder, Bewegungen werden schlaff und hängend, 
Lebenskraft, Lebensmut und Lebensfreude sinken, alles 
neigt sich zur Erde, wird müde und träge — bis der 
Mensch, der nicht mehr vorwärtsschreiten und sich 


115 


nicht mehr aufrechthalten kann, als Opfer der Trägheit 
ins Grab sinkt: dort triumphiert die Trägheit über das 
Leben. 

Alle jungen Blüten streben, der Schwer- 
kraft entgegen, zur Sonne: alle reifen 
Früchte fallen, von der Schwerkraft über- 
wältigt, zur Erde. — 

Symbol des technischen Sieges über die Schwerkraft, 
des triumphalen Menschenwillens und Menschengeistes 
über die Trägheit der Materie ist der fliegende 
Mensch. Wenige Dinge sind so erhaben und so schön 
wie er. Hier vermählen sich Dichtung und Wahrheit, 
Romantik und Technik, die Mythen von Daedalus und 
Wieland mit den Visionen Lionardos und Goethes; durch 
Taten von Technikern werden die kühnsten Dichter - 
träu ae Wirklichkeit: auf Flügeln, die sein Geist und sein 
Wille gespannt haben, erhebt sich der Mensch über 
Raum, Zeit und Schwerkraft, über Erde und Meer. — 


3. SCI ÖN HEIT UND TECHNIK 

Wer an den Schönheitswert der Technik 
noch zweifelte, muß angesichts des fliegenden Menschen 
verstummen. Aber nicht nur das Flugzeug schenkt uns 
neue Schönheit: auch Automobil, Motorboot, 
Schnellzugslokomotive, Dynamomaschine 
sind in Tätigkeit und Bewegung von eigener, spezifischer 
Schönheit. Weil aber diese Schönheit dynamisch ist, 
kann sie nicht, wie die statische Schönheit der Land- 
schaft, von Pinsel, Griffel und Meißel festgehalten 
werden: deshalb existiert sie nicht für Menschen ohne 
originalen Schönheitssinn, die der Kunst als Wegweiserin 
im Irrgarten der Schönheit bedürfen. 


116 


Ein Ding ist schön durch die Ideale der Harmonie 
und Vitalität, die es uns vermittelt und die Impulse, die 
es uns nach diesen Richtungen gibt. So schafft sich jede 
Kultur ihre eigenen Symbole der Kraft und 
Schönheit: 

der Grieche steigerte seine eigene Harmonie an 
Statuen und Tempeln; 

der Römer steigerte seine Kraft und Tapferkeit an 
den Zirkuskämpfen seiner Raubtiere und Gladiatoren; 

der mittelalterliche Christ vertiefte und ver- 
klärte seine Seele durch Einfühlung in die Passion im 
Meßopfer und Altarsakramente; 

der Bürger der Neuzeit wuchs an den Helden 
seiner Theater und Romane; 

der Japaner lernte Grazie, Anmut und Schicksals- 
ergebung von seinen Blumen. — 

In einer Zeit rastlosen Fortschrittes mußte das Schön- 
heitsideal dynamisch werden — und mit ihm sein Sym- 
bol. Der Mensch des technischen Zeitalters 
ist ein Schüler der Maschine, die er geschaffen 
hat: von ihr lernt er unermüdliche Tätigkeit und gesam- 
melte Kraft. Die Maschine als Geschöpf und Tempel des 
heiligen Menschengeistes symbolisiert die Überwin- 
dung der Materie durch den Geist, des Starren 
durch die Bewegung, der Trägheit durch die Kraft: das 
Sichaufreiben im Dienste der Idee, die Menschheitsbe- 
freiung durch die Tat. — 

Die Technik hat dem kommenden Zeitalter eine neue 
Ausdrucksform geschenkt: das Kino. Das Kino steht 
im Begriffe, das Theater von heute, die Kirche von 
gestern, Zirkus und Amphitheater von vorgestern abzu- 
lösen und im Arbeitsstaate der Zukunft eine führende 
Kulturrolle zu spielen. 


117 


Bei all seinen künstlerischen Mängeln beginnt heute 
schon der Film ein neues Evangelium unbewußt in 
die Massen zu tragen: das Evangelium der Kraft 
und der Schönheit. Er verkündet, jenseits von Gut 
und Böse, den Sieg des stärksten Mannes und der schön- 
sten Frau — ob nun der Mann, der seine Rivalen an 
Körper-, Willens- oder Geisteskraft überragt, Abenteurer 
oder Held, Verbrecher oder Detektiv ist, und ob die 
Frau, die reizvoller oder edler, graziöser oder selbstloser 
ist als die anderen, Hetäre oder Mutter ist. So predigt 
die Leinwand in tausend Variationen den Männern: 
„Seid stark!“ den Frauen: „Seid schön!“ 

Diese massenpädagogische Mission, die im 
Kino schlummert, zu läutern und auszubauen, ist eine 
der größten und verantwortungsvollsten Aufgaben der 
heutigen Künstler: denn das Kino der Zukunft wird 
fraglos auf die proletarische Kultur einen größeren Ein- 
fluß haben, als das Theater auf die bürgerliche. - 


4. EMANZIPATION 

Der Kultus des technischen Zeitalters ist ein Kultus 
der Kraft. Für die Entfaltung der Harmonie fehlt Zeit 
und Muße. In ihrem Zeichen wird einst das goldene 
Zeitalter der Kultur stehen, das dem eisernen 
Zeitalter der Arbeit folgen wird. 

Bezeichnend für die dynamische Einstellung unserer 
Epoche ist ihr männlich-europäischer Cha- 
rakter. Die männlich-europäische Ethik Nietz- 
sches bildet den Protest unseres Zeitalters gegen die 
weiblich-asiatische Moral des Christentums. 

Auch die Emanzipation der Frau ist ein Sym- 


118 


ptom für die Vermännlichung unserer Welt : 
denn sie führt nicht den weiblichen Menschentypus zur 
Macht — sondern den männlichen. Während früher die 
weibliche Frau durch ihren Einfluß auf den Mann teil- 
nahm an der Weltbeherrschung — schwingen heute 
Männer beiderlei Geschlechtes das Zepter der 
wirtschaftlichen und politischen Macht. Die Frauen- 
emanzipation bedeutet den Triumph des Mannweibes 
über die wirkliche, weibliche Frau; sie führt nicht zum 
Siege — sondern zur Abschaffung des Weibes. Die Dame 
ist schon im Aussterben: die Frau soll ihr folgen. — 
Durch die Emanzipation wird das weibliche Geschlecht, 
das bisher teilweise enthoben war, für den technischen 
Krieg mobilisiert und eingereiht in die Armee der 
Arbeit. — 

Die Emanzipation der Asiaten vollzieht sich 
unter den gleichen Bedingungen wie die Emanzipation 
der Frauen; sie ist ein Symptom für die Europäi- 
sierung unserer Welt: denn sie führt nicht den 
orientalischen Typus zum Siege — sondern den euro- 
päischen. Während früher der orientalische Geist durch 
das Christentum Europa beherrschte — teilen sich heute 
weiße und farbige Europäer in der Weltherr- 
schaft. Das sogenannte Erwachen des Orients bedeutet 
den Triumph des gelben Europäers über den wahren 
Orientalen; es führt nicht zum Siege — sondern zur 
Vernichtung der orientalischen Kultur. Wo im Osten das 
Blut Asiens siegt, siegt mit ihm der Geist Europas: der 
männliche, harte, dynamische, zielstrebige, tatkräftige, 
rationalistische Geist. Um am Fortschritte teilzunehmen, 
muß Asien seine harmonische Seele und Kultur gegen 
die europäisch-vitale vertauschen. — Die Emanzipation 
der Asiaten bedeutet ihren Eintritt in die europäisch- 


119 


amerikanische Armee der Arbeit und ihre Mobilisierung 
für den technischen Krieg. 

Nach dessen siegreicher Beendigung wird Asien wieder 
asiatisch, die Frau wieder weiblich sein können: dann 
werden Asien und die Frau die Welt zu reinerer Harmonie 
erziehen. Bis dahin aber müssen die Asiaten die 
europäische Uniform tragen — die Frauen 
die männliche. — 

5. CHRISTENTUM UND RITTERTUM 

Wer unter Kultur HarmoniemitderNatur ver- 
steht, muß unsere Epoche barbarisch nennen — wer 
unter Kultur Auseinandersetzung mit der 
Natur versteht, muß die spezifische, männlich-euro- 
päische Form unserer Kultur würdigen. Der christlich- 
orientalische Ursprung der europäischen Ethik ließ sie 
den ethischen Wert des technischen Fortschrittes ver- 
kennen; erst unter der Perspektive Nietzsches erscheint 
das heroisch-asketische Ringen des technischen Zeit- 
alters um Erlösung durch Geist und Tatkraft als gut und 
edel. 

Die Tugenden des technischen Zeitalters 
sind vor allem: Tatkraft, Ausdauer, lapter- 
keit, Entsagung, Selbstbeherrschung und 
Solidarität. Diese Eigenschaften stählen die Seele 
zum unblutigen, harten Kampf der sozialen Arbeit. 

DieEthikderArbeit knüpft an die r i 1 1 e r 1 i c h e 
Ethik des Kampf es an: beide sind männlich, beide 
nordisch. Nur wird sich diese Ethik den neuen Verhält- 
nissen anpassen und an die Stelle der überlebten Ritter- 
ehre eine neue Arbeitsehre setzen. Der neue Ehr- 
begriff wird auf Arbeit beruhen — die neue Schande 


120 


auf Faulheit. Der faule Mensch wird als Deserteur der 
Arbeitsfront betrachtet und verachtet werden. Die Ob- 
jekte der neuen Heldenverehrung werden Erfinder 
sein, statt Feldherrn: Werte-Schöpfer statt Werte-Zer- 
störer. 

Aus der christlichen Moral wird die Ethik der 
Arbeit den Geist des Pazifismus und des S o z i a 1 i s- 
m u s übernehmen: weil nur der Friede für die technische 
Entwicklung produktiv — der Krieg destruktiv ist, und 
weil nur der soziale Geist der Zusammenarbeit aller 
Schaffenden zum technischen Siege über die Natur 
führen kann. — 

6. DIE BUDDHISTISCHE GEFAHR 

Jede passivistische und lebensfeindliche Propaganda, 
die sich gegen die technische und industrielle Entwick- 
lung richtet — ist Hochverrat an der Arbeits- 
armee Europas: denn sie ist Aufforderung zum 
Rückzug und zur Fahnenflucht während des Entschei- 
dungskampfes. — 

Tolstoianer und Neo-Buddhisten machen 
sich dieses Kulturfrevels schuldig: sie fordern die weiße 
Menschheit auf, kurz vor ihrem Endsiege vor der Natur 
zu kapitulieren, das von der Technik eroberte Gelände 
zu räumen und freiwillig zur Primitivität des Acker- 
baues und der Viehzucht zurückzukehren. Müde des 
Kampfes wollen sie, daß Europa künftig in seiner ärm- 
lichen Natur ein ärmliches, kindliches Dasein fristet — 
statt sich durch höchste Anspannung des Geistes, des 
Willens und der Muskeln siegreich eine neue Welt zu 
schaffen. 

Was in Europa noch lebensfähig und lebenstüchtig ist, 
lehnt diesen Kulturselbstmord ab: es fühlt die 


121 


Einzigartigkeit seiner Lage und seine Verantwor- 
tung vor der künftigen Menschheit. Eine 
Waffenstreckung der Technik würde die Welt in den 
asiatischen Kulturkreislauf zurückwerfen. Hart vor 
ihrem Ziele würde die technische Weltrevolu- 
tion, die Europa heißt, zusammen brechen 
und eine der größten Menschheitshoffnungen begraben. 

Das Nordland Europa, das von seinem heroischen 
Schaffen lebt, muß den entnervenden Geist des Bud- 
dhismus abwehren. Japan muß, je mehr es sich indu- 
strialisiert, vom Buddhismus innerlich abrücken; so 
müßte Europa, je mehr es sich innerlich dem Buddhis- 
mus hingibt, seine technische Mission vernachlässigen 
und verraten. Der Buddhismus ist eine wunder- 
bare Krönung reifer Kulturen — aber ein 
gefährliches Gift für werdende Kulturen. 
Seine Weltanschauung taugt für das Alter, für den 
Herbst — wie die Religion Nietzsches für Jugend und 
Frühling — der Glaube Goethes für die Blüte des 
Sommers. — 

Der Buddhismus würde die Technik ersticken — und 
mit ihr den Geist Europas. — 

Europa soll seiner Mission treu bleiben und nie die 
Wurzeln seines Wesens verleugnen: Heroismus und 
Rationalismus, germanischen Willen und helle- 
nischen Geist. Denn das Wunder Europa entstand erst 
aus der Vermählung dieser beiden Elemente. Der blinde 
Tatendrang der nordischen Barbaren wurde sehend und 
fruchtbar durch die Berührung mit der mittelländischen 
| Geisteskultur: so wurden aus Kriegern Denker, aus 
1 Helden Erfinder. 

Der Mystizismus Asiens bedroht Europas gei- 
stige Klarheit — der Passivismus Asiens bedroht 


122 


seine männliche Tatkraft. Nur wenn Europa diesen Ver- 
suchungen und Gefahren widersteht und sich auf seine 
hellenischen und germanischen Ideale besinnt 
— wird es den technischen Kampf zu Ende kämpfen 
können, um einst sich und die Welt zu erlösen. — 


123 


IX. 


STINNES UND KRASSIN 

1. WIRTSCHAFTSSTAATEN 

Stinnes ist der Führer der kapitalistischen 
Wirtschaft Deutschlands — Krassin der Führer der 
kommunistischen Wirtschaft Rußlands. Im Folgen- 
den gelten sie als Exponenten der kapitalistischen und 
der kommunistischen Produktion, nicht als Persönlich- 
keiten. — 

Seit dem Zusammenbruch der drei großen europäi- 
schen Militärmonarchien gibt es in unserem Weltteile 
nur noch Wirtschaftsstaaten: wirtschaftliche 
Probleme stehen im Zentrum der inneren und äußeren 
Politik: Merkur regiert die Welt; als Erbe des 
Mars — als Vorläufer Apollons. 

Die Wandlung vom Militärstaate zum Wirtschafts- 
staat ist der politische Ausdruck der Tatsache, daß an 
Stelle der Kriegsfront die Arbeitsfront in den 
Vordergrund der Geschichte gerückt ist. 

Dem Zeitalter des Krieges entsprachen 
Militärstaaten — dem Zeitalter der Arbeit 
entsprechen Wirtschaftsstaaten. 

Der kommunistische wie der kapitalisti- 
sche Staat sind Arbeitsstaaten: nicht mehr 


124 


Kriegsstaaten — noch nicht Kulturstaaten. Beide stehen 
im Zeichen der Produktion und des technischen Fort- 
schrittes. Beide werden von Produzenten be- 
herrscht. wie einst die Militärstaaten von Militärs: der 
kommunistische von den Führern der Industriearbeiter 
— der kapitalistische von den Führern der Industriellen. 

Kapitalismus und Kommunismus sind 
ebenso wesensverwandt, wie Katholizis- 
mus und Protestantismus, die sich durch Jahr- 
hunderte für extreme Gegensätze hielten und mit allen 
Mitteln blutig bekämpften. Nicht ihre Verschiedenheit, 
sondern ihre Verwandtschaft ist die Ursache des erbit- 
terten Hasses, mit dem sie einander verfolgen. 

Solange Kapitalisten und Kommunisten auf dem 
Standpunkte stehen, es sei erlaubt und geboten, Men- 
schen totzuschlagen oder auszuhungern, weil sie andere 
wirtschaftliche Grundsätze vertreten — befinden sich 
beide praktisch auf einer sehr niedrigen Stufe der 
ethischen Entwicklung. Theoretisch sind freilich die 
Voraussetzungen und Ziele des K o m m unis m u s 
ethischer als die des Kapitalismus, weil sie von 
objektiveren und gerechteren Gesichtspunkten aus- 
gehen. 

Für den technischen Fortschritt sind aber ethische 
Gesichtspunkte nicht maßgebend: hier ist die Frage ent- 
scheidend. ob das kapitalistische oder das 
kommunistische System rationeller und 
geeigneter ist, den technischen Befreiungskampf gegen 
die Naturgewalten durchzuführen. — 

2. DAS RUSSISCHE FIASKO 

Der Erfolg spricht für Stinnes, gegen Krassin: die 
kapitalistische Wirtschaft blüht, während die kommu- 


125 


nistische darniederliegt. Aus dieser Feststellung auf den 
Wert der beiden Systeme zu schließen, wäre einfach 
- — aber ungerecht. Denn es darf nicht übersehen 
werden , unter welchen Begleitumständen der 
Kommunismus die russische Wirtschaft übernommen 
und geführt hat: nach einem militärischen, poli- 
tischen und sozialen Zusammenbruch, nach Verlust 
wichtigster Industriegebiete, im Kampfe gegen die ganze 
Welt, unter dem Druck jahrelanger Blockade, dauernden 
Bürgerkrieges und der passiven Resistenz der Bauern, 
der Bürger und der Intelligenz; dazu trat noch die kata- 
strophale Mißernte. Wenn man all diese Umstände, so- 
wie die geringere organisatorische Begabung und Bil- 
dung des russischen Volkes in Rechnung zieht — so kann 
man nur darüber staunen, daß sich noch Reste einer 
russischen Industrie erhalten haben. 

Die Mißerfolge des fünfjährigen Kommunismus unter 
diesen erschwerenden Umständen an den Erfolgen des 
ausgereiften Kapitalismus messen zu wollen, wäre eben- 
so ungerecht, wie ein neugeborenes Kind mit einem er- 
wachsenen Manne zu vergleichen und daraufhin fest- 
zustellen, das Kind sei ein. Idiot — während in ihm, viel- 
leicht, ein werdendes Genie schlummert. — 

Selbst wenn der Kommunismus in Rußland zusam- 
\ menbricht, wäre es ebenso naiv, die soziale Revolution 
1 damit für abgetan zu erklären — wie es nach dem Zu- 
\ sammenbruch der hussitischen Bewegung töricht ge- 
wesen wäre, die Reformation für erledigt zu halten: denn 
nach wenigen Jahrzehnten erschien Luther und führte 
viele der hussitischen Ideen zum Siege. — 


126 


3. KAPITALISTISCHE 
UND KOMMUNISTISCHE PRODUKTION 


Der wesentliche Vorsprung der kapitalisti- 
schen Wirtschaft liegt in ihrer E r f a h r u ng. Sie 
beherrscht alle Methoden der Organisation und Produk- 
tion. alle strategischen Geheimnisse im Kampfe zwischen 
Mensch und Natur und verfügt über einen Stab ge- 
schulter Industrieoffiziere. Der Kommunismus dagegen 
sieht sich gezwungen, mit einem unzureichenden 
Generalstab und Offizierskorps neue Kriegspläne zu 
entwerfen, neue Organisations- und Produktionsmetho- 
den zu versuchen. Stinnes kann auf eingefahrenen Ge- 
leisen vorwärtsdringen — während Krassin Pfadfinder 
sein muß im Urwald der wirtschaftlichen Revolution. — 

Durch Konkurrenz. Gewinn und Risiko ver- 
wendet der Kapitalismus einen unübertrefflichen Motor, 
der den Wirtschaftsapparat in ständiger Bewegung er- 
hält: den Egoismus. Jeder Unternehmer, Erfinder, In- 
genieur und Arbeiter sieht sich im kapitalistischen 
Staate gezwungen, seine Kräfte aufs höchste anzu- 
spannen. um nicht von der Konkurrenz überrannt zu 
werden und zugrunde zu geben. Die Soldaten und Offi- 
ziere der Arbeitsarmee müssen vorrücken, um nicht 
unter die Räder zu kommen. 

In der freien Initiative des Unternehmens liegt 
ein weiterer Vorzug des Kapitalismus, dem die Technik 
viel zu verdanken hat. Eines der schwierigsten Probleme 
des Kommunismus liegt in der Vermeidung des wirt- 
schaftlichen Bürokratismus, von dem er ständig bedroht 
ist. — 

Der technische Hauptvorzug des Kommu- 
nismus liegt darin, daß er die Möglichkeit hat, sämt- 


127 


liehe produktive Kräfte und Naturschätze seines Wirt- 
schaftsgebietes zusammenzufassen und nach einem ein- 
heitlichen Plane rationell zu verwenden. Damit erspart 
er all die Kräfte, die der Kapitalismus auf die Abwehr 
der Konkurrenz verschwendet. Die prinzipielle Plan- 
mäßigkeit der kommunistischen Wirtschaft, die es 
heute unternimmt, das russische Riesenreich nach einem 
einheitlichen Plane rationell zu elektrifizieren, bedeutet 
technisch einen wesentlichen Vorzug gegenüber der 
kapitalistischen Produktionsanarchie. Die 
kommunistische Arbeitsarmee kämpft unter einheit- 
lichem Kommando geschlossen gegen die feindliche 
Natur — während die zersplitterten Arbeitsbataillone 
des Kapitalismus nicht nur gegen den gemeinsamen 
Feind kämpfen, sondern zum Teil auch gegeneinander, 


zur Niederwerfung der Konkurrenten. 

Krassin hat außerdem seine Armee fester in der Hand 
als Stinnes^ denn die Arbeiter der Stinnesarmee sind 
sich darüber klar, daß ein Teil ihrer Arbeit der Berei- 
cherung eines fremden, feindlichen Unternehmers dient 
— während die Arbeiter der Krassinarmee sich bewußt 
sind, daß sie für den kommunistischen Staat arbeiten, 
dessen Teilhaber und Stützen sie sind. Stmn es er- 
scheint seinen Arbeitern als Unterdrücker 
und Gegner - Krassin als Führer und Ver- 
bünd e t e r. Deshalb kann es Krassin wagen, Streiks zu 
verbieten und Sonntagsarbeit einzuführen — während 


dies für Stinnes unmöglich wäre. 

Die Stinnesarmee ist zersetzt durch wachsende Unzu- 
friedenheit und Meuterei (Streik) - während die Kras- 
sinarmee trotz ihrer materiellen Not von einem idealen 
Ziele getragen wird. Kurz: der Krieg gegen die atur 
kräfte ist in Rußland Volkskrieg — in Europa und 


128 


Amerika ein dynastischer Krieg von Industrie- 
königen. — 

Die Arbeit des kommunistischen Arbeiters ist ein 
Kampf für seinen Staat und seine Staatsform — die 
Arbeit des kapitalistischen Arbeiters ein Ringen um sein 
Leben. Hier ist die Haupttriebfeder der Arbeit der 
Egoismus — dort der politische Idealismus: 
beim heutigen Stande der Ethik ist, leider, Egoismus 
ein stärkerer Motor als Idealismus und damit 
der Kampfwert der kapitalistischen Arbeitsarmee größer 
als der der kommunistischen. 

Der Kommunismus verfügt über einen rationelleren 
Wirtschaftsplan — der Kapitalismus über einen stär- 
keren Arbeitsmotor. 

Der Kapitalismus wird nicht an seinen techni- 
schen. sondern an seinen ethischen Defekten 
scheitern. DieUnzufriedenheitderStinnes- 
armee wird sich auf die Dauer nicht durch Maschinen- 
gewehre niederhalten lassen. Der reine Kapitalismus 
gründet sich auf die Unselbständigkeit und Unwissen- 
heit der Arbeiter — wie der militärische Kadavergehor- 
sam auf die Unselbständigkeit und Unwissenheit der 
Soldaten. Je selbständiger, selbstbewußter und gebilde- 
ter die Arbeiterklasse wird — desto unmöglicher wird es 
für Privatleute sein, sie für ihre Privatinteressen arbeiten 
zu lassen. — 

Die Zukunft gehört Krassin — über die Wirt- 
schaft der Gegenwart entscheidet das russische 
Experiment. Darum liegt es im eigensten Interesse 
der ganzen Welt, dieses Experiment nicht nur nicht zu 
stören, sondern nach Kräften zu fördern: denn nur dann 
wäre dessen Ausgang eine Antwort auf die Frage, ob der 
Kommunismus fähig ist, die heutige Wirtschaft zu 


9 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


129 


reformieren — oder ob ihm das notwendige Übel des 
Kapitalismus vorzuziehen ist. — 

4. SÖLDNER UND SOLDATEN DER 

ARREIT 

Dem Kapitalismus entsprach im Zeitalter des Krieges 
das Söldnerheer — dem Kommunismus das Volks- 
heer. 

Zur Söldnerzeit konnte sich jeder reiche Privatmann 
ein Kriegsheer anwerben und ausrüsten, das er besoldete 
und befehligte — so wie sich heute jeder reiche Privat- 
mann ein Arbeitsheer anwerben und ausrüsten kann, 
das er besoldet und befehligt. 

Vor drei Jahrhunderten spielte Wall enstein eine 
analoge Rolle in Deutschland, wie heute Stinnes: mit 
Hilfe seines Vermögens, das er im böhmischen Kriege 
vermehrt hatte, und der Armee, die er mit demselben 
warb und unterhielt, wurde Wallenstein aus einem 
Privatmanne zur mächtigsten Persönlichkeit des Deut- 
schen Reiches — wie heute Stinnes durch sein Ver- 
mögen, das er im Weltkriege vermehrt hat, sowie durch 
Presse und Arbeitsarmee, die er mit demselben wirbt und 
unterhält, zum mächtigsten Manne der deutschen Repu- 
blik geworden ist. — 

Im kapitalistischen Staate ist der Ar- 
beiter Söldner, der Unternehmer Kondot- 
tiere der Arbeit — im kommunistischen 
Staate ist der Arbeiter Soldat eines Volks- 
heeres, das staatlich angestellten Generä- 
len untersteht. Wie damals die Kondottieri mit dem 
Blute ihrer Söldner Fürstentümer eroberten und Dyna- 
stien gründeten — so erobern die modernen Kondottieri 


130 


mit dem Schweiße ihrer Arbeiter Reichtümer und Macht- 
stellungen und gründen Plutokraten-Dynastien. Wie 
einst jene Söldnerführer — so verhandeln heute Indu- 
striekönige als gleichberechtigte Faktoren mit Regierun- 
gen und Staaten: sie lenken die Politik durch ihr Geld, 
wie einst jene durch ihre Macht. 

Die Reform der Arbeitsarmee, die der Kom- 
munismus durchführt, entspricht in allen Einzelheiten 
der Heeresform, die alle modernen Staaten durch- 
gemacht haben. 

Die H eeresrefo rm hat die Söldnerheere durch 
Volksheere ersetzt: sie hat die allgemeine Wehrpflicht 
eingeführt, das Heerwesen verstaatlicht, private An- 
werbungen verboten, die Landsknechtführer durch 
staatlich angestellte Offiziere ersetzt und die Wehrpflicht 
ethisch verherrlicht. 

Der Arbeitsstaat führt die gleichen Reformen in der 
Arbeitsarmee ein: er proklamiert die allgemeine 
Arbeitspflicht, verstaatlicht die Industrie, verbietet pri- 
vate Unternehmungen, ersetzt die Privatunternehmer 
durch staatlich angestellte Direktoren und verherrlicht 
die Arbeit als sittliche Pflicht. — 

Stinnes und Krassin sind beide Befehlshaber ge- 
waltiger Arbeitstruppen, die gegen den gemeinsamen 
Feind kämpfen: die nordische Natur. Stinnes führt 
als moderner Wallenstein ein Söldnerheer 
— Krassin als Feldmarschall eines Arbeits- 
staates ein Volksheer. Während diese beiden 
Feldherrn sich für Gegner halten, sind sie Verbün- 
dete, marschieren getrennt, schlagen vereint. — 


9 * 


131 


5. SOZIALER KAPITALISMUS 
LIBERALER KOMMUNISMUS 


Wie die Regeneration des Katholizismus eine Folge 
der Reformation war, so könnte die Rivalität des Kapita- 
lismus und Kommunismus beide befruchten: wenn sie, 
statt einander durch Mord, Verleumdung und Sabotage 
zu bekämpfen, sich darauf beschränken würden, durch 
kulturelle Leistungen ihren höheren Wert zu erweisen. 

Keine theoretische Rechtfertigung des Kapitalismus 
wirbt stärker für dieses System als die unbestreitbare 
Tatsache, daß das Los der amerikanischen Arbeiter (von 
denen manche im eigenen Auto zur Fabrik fahren) 
praktisch ein besseres ist als das der russischen, die mit 
ihren Mitarbeitern gleichmäßig hungern und verhun- 
gern. Denn Wohlstand ist wesentlicher als 
Gleichheit: besser, alle werden wohlhabend und 
wenige reich — als daß allgemeines, gleichmäßiges 
Elend herrscht. Nur Neid und Pedanterie können 
sich gegen dieses Urteil stemmen. Am besten freilich 
wäre universeller, allgemeiner Reichtum — aber der 
liegt in der Zukunft, nicht in der Gegenwart: ihn herbei- 
führen kann nur die Technik, nicht die Politik. — 

Der amerikanische Kapitalismus ist sich 
bewußt, daß er sich nur durch großzügiges soziales 
Wirken behaupten kann. Er betrachtet sich als Ver- 
walter des nationalen Reichtums, den er zur 
Förderung von Erfindungen, zu kulturellen und huma- 
nitären Zwecken verwendet. 

Nur ein sozialer Kapitalismus, der so unter- 
nimmt, sich mit der Arbeiterschaft auszusöhnen, hat 
Aussicht auf Bestand: nur ein liberaler Kommu- 
nismus, der es unternimmt, sich mit der Intelligenz 


132 


auszusöhnen, hat Aussicht auf Bestand. Den ersten Weg 
versucht England, den zweiten neuerdings Rußland. 

Gegen den Widerstand der Offiziere einen Krieg zu 
führen, ist auf die Dauer ebenso unmöglich, wie gegen 
den Widerstand der Mannschaft. Das gilt auch von der 
Arbeitsarmee: sie ist auf sachverständige Führer ebenso 
angewiesen, wie auf willige Arbeiter. 

Krassin hat erkannt, daß es für den Kommunismus 
notwendig ist, vom Kapitalismus zu lernen. Deshalb 
fördert er neuerdings die private Initiative, ernennt zu 
Leitern der Staatsbetriebe energische und sachverstän- 
dige Ingenieure mit weitestgehenden Vollmachten und 
Gewinnbeteiligung und ruft einen Teil der vertriebenen 
Industriellen zurück; schließlich unterstützt er den 
schwachen Arbeitsmotor Idealismus durch Egoismus, 
Ehrgeiz und Zwang und sucht durch dieses ge- 
mischte System die Arbeitsleistung des russischen Prole- 
tariats zu steigern. 

Nur diese kapitalistische Methoden können den Kom- 
munismus retten: denn er hat erkennen gelernt, daß 
der Winter und die Dürre grausamere 
Despoten Rußlands sind als sämtliche 
Zaren und Großfürsten: und daß der entscheiden- 
dere Befreiungskrieg ihnen gilt. Darum stellt er heute 
die Bekämpfung der Hungersnot, die Elektrifizierung 
und den Wiederaufbau der Industrie und des Eisen- 
bahnwesens in den Mittelpunkt seiner Gesamtpolitik 
und opfert sogar diesen technischen Plänen eine Reihe 
politischer Grundsätze. Er weiß, daß sein wirtschaft- 
licher Erfolg oder Mißerfolg den politischen bestim- 
men wird und daß es von ihm abhängt, ob die russi- 
sche Revolution schließlich zur Welterlösung führt — 
oder zur Weltenttäuschung. — 


133 


Die Abschaffung des Privateigentums muß 

beim heutigen Stande der Ethik an unüberwindlichen 
psychologischen Widerständen scheitern. Dennoch 
bleibt der Kommunismus ein Wendepunkt in der wir - 
schaftlichen Entwicklung vom Unternehmer- zum Ar- 
beiterstaate - und in der politischen Entwicklung vom 
unfruchtbaren System der plutokratischen Demokratie 
zu einer neuen sozialen Aristokratie geistiger Men- 

sehen. — 

6 TRUST UND GEWERKSCHAFTEN 

Solange der Kommunismus sich als unreif erweist die 
Führung im technischen Befreiungskämpfe zu über- 
nehmen werden Krassin und Stinnes sich yer- 
s t ä n d i g e n n, ü s s e n. Diesen Weg, der zur Zusammen- 
arbeit führt statt zur Gegeneinanderarbeit, werden die 
fanatischen Dummköpfe des Kapitalismus wie des Kom- 
munismus von sich weisen: nur die hellsten Kopte ben 
der Lager werden sich begegnen in der Erkenntnis, d 
et besser ist, die Weltkultur durch einen 

Verständigungsfrieden zu retten, 

durch einen Vernichtungss.eg zu zerst - 

r e n. Dann werden aus den Kondottien der Wirtschatt 
Generäle werden, aus Söldnern der Wirtschaft Soldaten. 

in der roten Wirtschaft von morgen kann es 
ebensowenig Gleichheit geben zwischen Führern un ‘ i * 
führten, wie in der roten Armee von heute, aber d 
künftigen Industriellen werden nicht mehr unverant- 
wortlich sein wie heute, sondern sich der Gesa ” 
verantwortlich fühlen. Die unproduktiven Kapitalist 
(Schieber) werden aus dem Wirtschaftsleben ebenso ver- 
* schwinden wie einst die dekorativen Hofgenerale ausdei 


134 


Armee. Wie dies heute schon vielfach der Fall ist, wird 
der produktive Kapitalist zum intensivsten Arbeiter 
seiner Fabrik werden müssen. Durch ein gleichzeitiges 
Sinken seines übermäßigen Gewinnes wird ein gerechter 
Ausgleich eintreten zwischen seiner Arbeit und seinem 
Einkommen. 

Zwei wirtschaftliche Kraftgruppen be- 
ginnen sich in den kapitalistischen Arbeitsstaaten in der 
Führung der Wirtschaft zu teilen: die Vertreter der 
Unternehmer und der Arbeiter — Trusts und G e- 
w er k schäften. Ihr Einfluß auf die Politik ist im 
Wachsen und wird die Parlamente an Bedeutung über- 
flügeln. Sie werden einander ergänzen und kontrollieren 
wie einst Senat und Tribunat. Oberhaus und Unterhaus. 
Die Bezwingung der Naturkräfte und die Eroberung der 
Naturschätze werden die Trusts leiten — die Verteilung 
der Beute werden die Gewerkschaften kontrollieren. 

Auf dem gemeinsamen Boden der Produktionssteige- 
rung und der Vervollkommnung der Technik werden 
sich Stinnes und Krassin begegnen: denn sie sind 
Gegner in der Frage der Verteilung — Bundesgenossen 
in der Frage der Erzeugung: gegeneinander kämpfen 
sie in der Frage der Wirtschaftsmethode — mit ein- 
ander im Menschheitskriege gegen die 
N a t u r k r ä f t e. — 


135 


X. VOM ARBEITSSTAAT ZUM KULTUR- 
STAAT 

1. KINDERKULT 

Unsere Epoche ist gleichzeitig die Kampf- 
epoche der Technik und die V orbereitungs- 
epoche der Kultur. Sie stellt an uns die Doppel- 
forderung: 

1. Ausbau des Arbeitsstaates. 

2. Vorbereitung des Kulturstaates. 

Die erste Aufgabe stellt die Politik in den Dienst der 
Technik — die zweite in den Dienst der Ethik. 

Nur der Blick auf das kommende Zeitalter der Kultur 
gibt der leidenden und kämpfenden Menschheit des 
technischen Zeitalters die Kraft, den Kampf mit den 
Naturgewalten bis zum Siege fortzusetzen. 

Die Mehrarbeit, die der moderne Mensch gegenüber 
dem mittelalterlichen leistet, ist sein Vermächtnis an 
den Menschen der Zukunft; durch diese Mehrarbeit 
häuft er ein Kapital an Erkenntnissen, Maschinen und 
Werten an, dessen Zinsen einst seine Enkel genießen 
werden. 

Die Teilung der Menschheit in Herren und Sklaven, 
in Kulturträger und Zwangsarbeiter, wird auch heute an- 
erkannt: aber diese Kasten beginnen sich aus dem 
Sozialen ins Zeitliche zu verschieben. Wirsindnicht 


136 


die Sklaven unserer Zeitgenossen — son- 
dern unserer Enkel. Statt eines nebenein- 
ander bestehenden Herren- und Sklavenstandes setzt 
unsere Kulturauffassung eine nacheinander beste- 
hende Sklaven- und Herrenepoche. Die Arbeitswelt 
von heuteerrichtetdieGrundlagender Kul- 
turwelt von morgen. 

Wie einst die Kulturmuße der Herren aufgebaut war 
auf der Überarbeitung der Sklaven — so wird die 
Kulturmuße der Zukunft aufgebaut sein auf der Über- 
arbeitung der Gegenwart. Die jetzige Menschheit steht 
im Dienste der kommenden; wir säen, auf daß andere 
ernten; unsere Zeit arbeitet, forscht und ringt — damit 
eine künftige Welt in Schönheit erstehen kann. 

So tritt an die Stelle des östlichen Ahnen-Kultes ein 
westlicher Kinder-Kult. Er blüht im kapitalistischen 
wie im kommunistischen Arbeitsstaate: in Amerika wie 
in Rußland. Die Welt kniet vor dem Kinde als Idol, als 
Versprechen einer schöneren Zukunft. Es ist zum Dogma 
geworden, bei aller Wohltätigkeit zuerst des Kindes zu 
gedenken. Im kapitalistischen Westen arbeiten sich die 
Väter zu Tode, um ihren Kindern reichere Lebensmög- 
lichkeiten zu hinterlassen — im kommunistischen Osten 
lebt und stirbt eine ganze Generation im Elend, um 
ihren Nachkommen eine glücklichere und gerechtere 
Zukunft zu sichern. Die Pietät des europäischen 
Zeitalters ist nach vorwärts gerichtet. 

Der westliche Kinder-Kult wurzelt im Entwick- 
lungsglauben. Der Europäer sieht im späteren das 
bessere, höherentwickelte; er glaubt, daß seine Enkel der 
Freiheit würdiger sein werden als er und seine Zeit- 
genossen: er glaubt, daß die Welt vorwärtsgeht. Während 
der Orientale die Gegenwart schwebend sieht, im Gleich- 


137 



gewicht zwischen der Vergangenheit und der Zukunft — 
erscheint sie dem Europäer als rollende Kugel, die sich 
immer schneller von ihrer Vergangenheit loslöst, um 
einer unbekannten Zukunft zuzueilen. DerOrientale 
steht jenseits der Zeit; der Europäer geht 
mit der Zeit: er stößt die Vergangenheit ab und um- 
armt seine Zukunft. Seine Geschichte ist eine stete Ab- 
rechnung mit der Vergangenheit und ein Drängen nach 
Zukunft. Weil er das Vorwärtsschreiten der Zeit mit- 
erlebt, bedeutet Stillstand für ihn Rückschritt. Er lebt in 
der heraklitischen Welt des Werdens — der 
Orientale in der parmenidischenWeltdesSeins. 

Infolge dieser Einstellung ist unser Zeitalter nur aus 
der Perspektive des kommenden zu werten. Es ist eine 
Zeit der Vorbereitung und des Kampfes, der 
Unreife und des Überganges. Wir sind ein junges Ge- 
schlecht. das über die Brücke zweier Welten schreitet 
und am Beginn eines unbetretenen Kulturkreises steht: 
so erleben wir unser stärkstes Gefühl im \ orwärts- 
dringen, im Wachsen und Kämpfen — nicht im fried- 
lichen Genuß orientalischer Reife. Nicht Lust ist 
unser Ziel — sondern Freiheit; nicht Be- 
schaulichkeit ist unser Weg — sondern 

rp ^ p 

2. ARBEITSPFLICHT 

Der Ausbau des Arbeitsstaates ist die eine 
Kulturpflicht unseres Zeitalters. Der Arbeitsstaat ist die 
letzte Etappe des Menschen auf seinem Wege in das 
Kulturparadies der Zukunft. 

Den Arbeitsstaat ausbauen, heißt: alle erfaßbaren 
Arbeitskräfte der Natur und des Menschen aut ratio- 
nellste Weise in den Dienst der Produktion* und des 
technischen Fortschrittes stellen. — 


138 


In einer Epoche, die an den Grundlagen kommender 
Kulturen baut, hat niemand ein Recht auf Muße. Die 
allgemeine Arbeitspflicht ist eine ethische und 
technische Pflicht zugleich. 

Ein ideales Programm für den Ausbau des Arbeits- 
staates hat Popper - Lyn keus entworfen in seinem 
Werke: „Die allgemeine Nährpflicht.“ Er 
fordert darin, daß an die Stelle der Wehrpflicht eine 
allgemeine, obligatorische Arbeitsdienstpflicht tritt, diese 
würde mehrere Jahre dauern und den Staat in die Lage 
setzen, jedem seiner Mitglieder zeitlebens ein Existenz- 
minimum an Nahrung, Wohnung, Kleidung, Heizung 
und ärztlicher Pflege zu garantieren. Dieses Programm 
könnte das Elend und die Sorge brechen und zugleich 
die Diktatur der Kapitalisten und Proletarier. Die Klas- 
senunterschiede würden durch die allgemeine Arbeits- 
pflicht ebenso aufhören, wie durch die Durchführung 
der allgemeinen Wehrpflicht im Kriege der Gegensatz 
zwischen Berufssoldaten und Zivilisten. — Die Abschaf- 

'V ■** - - 

fung des Proletariates aber ist ein erstrebenswerteres 
Ideal als dessen Herrschaft. — 

Die allgemeinste Zwangsarbeit ist der Preis, den 
Popper-Lvnkeus für die Beseitigung des Elends und der 
Sorge fordert. Diese Zwangsarbeit durch Förderung der 
Technik und Verbesserung der Organisation auf ein Mi- 
nimum zu reduzieren und schließlich durch freiwillige 
Arbeit zu ersetzen — bildet den zweiten Programmpunkt 
des Arbeitsstaates. 

Die Hoffnung, die Lenin in „Staat und Revolu- 
tion“ äußert, die Menschheit würde auch nach Abschaf- 
fung der Zwangsarbeit freiwillig weiter arbeiten, ist für 
den Nordländer keine Utopie. Denn der rastlose Euro- 
päer und Amerikaner findet in der Untätigkeit keine 


139 


Befriedigung; durch mehrtausendjährigen Zwang ist ihm 
Arbeit zur zweiten Natur geworden: er braucht sie, um 
seine Kräfte zu üben und das Gespenst der Langeweile 
zu bannen. Sein Ideal ist tätig, nicht beschau- 
lich. Aus diesem Grunde — nicht aus Habsucht — 
arbeiten die meisten Millionäre des Westens rastlos 
weiter, statt ihren Reichtum sorglos zu genießen; aus 
dem gleichen Grunde betrachten auch viele Angestellten 
ihre Pensionierung als Schicksalsschlag, weil sie die ge- 
wohnte Arbeit dem erzwungenen Müßiggang vor- 
ziehen. — 

Beim heutigen Stande der Technik wäre diese frei- 
willige Arbeit noch unzureichend zur Bannung der 
Not: noch sind viel Überarbeitung und Zwangsarbeit not- 
wendig. um den Weg freizumachen für eine schöne und 
freie Arbeit der Zukunft. 

Diesen Weg in die Zukunft bahnen die Erfinder. 
Ihr unermüdliches und stilles Schaffen ist wesentlicher 
und bedeutsamer für die Kultur als das laute Treiben der 
Politiker und Künstler, die sich in den Vordergrund 
der Weltarena drängen. Die moderne Gesellschaft ist 
verpflichtet, auf jede erdenkliche Weise ihre Erfinder 
und deren Tätigkeit zu fördern: ihnen müßte sie die Vor- 
zugsstellung gewähren, die das Mittelalter seinen Mön- 
chen und Priestern einräumte und ihnen so die Möglich- 
keit bieten, ohne Sorgen ihre Erfindungen auszubauen. 

Wie die Erfinder die wichtigsten Persön- 
lichkeiten unserer Epoche sind, so sind die Indu- 
striearbeiter deren wichtigster Stand: denn 
sie bilden den Vortrupp im Kampfe des Menschen um 
die Erdherrschaft und gebären die Gebilde, die von Er- 
findern gezeugt werden. — 


140 


3. PRODUZENTEN- UND KONSUMENTEN- 
STAAT 


* 


Eine weitere Pflicht des Arbeitsstaates ist die H e- 
bung des allgemeinen Wohlstandes durch 
Steigerung der Produktion. 

Sobald mehr Lebensmittel auf den Markt geworfen 
werden, als verzehrt werden können — hört der Hunger 
auf und der selige Naturzustand der Brotbaumländer 
kehrt auf höherer Stufe wieder. 

Nur wenn eine Stadt mehr Wohnungen baut, als sie 
Familien beherbergt, bannt sie die Wohnungsnot, die sie 
durch Zwangseinquartierungen nur lindert, verteilt und 
verschiebt. 

Nur wenn ebensoviele Autos erzeugt werden wie 
Taschenuhren, wird jeder Arbeiter Autobesitzer sein: 
nicht, indem Volkskommissäre sich in beschlagnahmte 
Autos von Bankdirektoren setzen. 

J ( ur durch Produktion, nicht durch Kon- 
fiskation kann sich der Wohlstand eines 
Volkes dauernd heben. — 

Im kapitalistischen Staate ist die Produktion 
abhängig von der Preisbildung. Wenn es im Inter- 
esse der Preisbildung liegt, ist der Produzent ebenso ent- 
schlossen, Waren zu vernichten wie zu erzeugen, die 
Technik zu hemmen wie zu fördern, die Produktion zu 
drosseln wie zu steigern. Steht die technische und kultu- 
relle Entwicklung im Einklang mit seinen Interessen, 
so ist er bereit, sie zu fördern — stehen sie zu einander 
im Widerspruch, so entscheidet er sich unbedenklich für 
den Gewinn gegen die Technik, Produktion und Kultur. 

Es liegt im dauernden Interesse der Produ- 
zenten, daß die Nachfrage immer das Angebot iiher- 


141 



steigt — - während es im Interesse der Konsu- 
menten liegt, daß das Angebot die Nachfrage über- 
steigt. 

Der Produzent lebt von der Not des Konsumenten: die 
Getreideproduzenten leben davon, daß Menschen hun- 
gern; die Kohlenproduzenten leben davon, daß Men- 
schen frieren. Sie haben ein Interesse daran, Hunger und 
Frost zu verewigen. Das Getreidekapital wäre entschlos- 
sen, die Erfindung eines Brotersatzes — das Kohlen- 
kapital, die Erfindung eines Kohlenersatzes zu sabo- 
tieren; sie würden gegebenenfalls versuchen, die betref- 
fende Erfindung aufzukaufen und zu vernichten. Die 
Arbeiter der betreffenden Produktionszweige wären mit 
ihren Unternehmern solidarisch, um nicht Arbeit und 
Einkommen zu verlieren. 

Die industriellen Unternehmer und Arbeiter sind an 
der Preissteigerung ihrer Industrieartikel interessiert, — 
die Landwirte und Landarbeiter an der Preissteigerung 
ihrer Bodenprodukte. Als Produzenten gehen die 
Wünsche der Menschen auseinander — während als 
Konsumenten alle Menschen das gleiche, gemein- 
same Ziel haben: Reduktion der Preise durch 
Steigerung der Produktion. 

Ein weiterer Unfug des Produzentenstaates ist die 
Reklame. Sie ist eine notwendige Folge des Konkur- 
renzkampfes und besteht in der Erhöhung der Nachfrage 
durch künstliche Weckung der menschlichen Begehr- 
lichkeit. Dieses Zurschaustellen und Aufdrängen des 
Luxus, der die Begehrlichkeit weckt, ohne sie je befrie- 
digen zu können — wirkt heute als Hauptursache 
des allgemeinen Neides, der allgemeinen 
Unzufriedenheit und Verbitterung. Kein 
Großstädter kann alle ausgestellten Waren kaufen, die 


142 


in den Auslagen seine Augen blenden: er muß sich also 
immer arm fühlen, gemessen an diesen au fgestap eiten, 
ausgestellten Reichtümern und Genüssen. Die seelischen 
Verheerungen, welche die Reklame anrichtet, lassen sich 
nur beseitigen durch Abschaffung der Konkurrenz; der 
Konkurrenzkampf wieder läßt sich nur beseitigen durch 
eine Abkehr vom Kapitalismus. 

Trotz der großartigen Förderung, die das technische 
Zeitalter dem Kapitalismus verdankt, darf es nicht blind 
werden gegen die Gefahren, die von dieser Seite drohen: 
es muß rechtzeitig ein besseres System zur Durchführung 
bringen, das die Fehler des Kapitalismus vermeidet. 

Der Rivale und Erbe des kapitalistischen Unterneh- 
merstaates, der kommunistische Arbeiter staat, 
übernimmt einen Teil der Fehler seines Vorgängers: 
denn auch in ihm herrscht eine Produzenten- 
gruppe, auch er ist ein Produzentenstaat. 

Der Kulturstaat der Zukunft hingegen wird Konsu- 
mentenstaat sein: seine Produktion wird von den 
Konsumenten kontrolliert werden — nicht, wie heute, 
der Konsum durch die Produzenten. Es wird nicht dem 
Gewinn — sondern der allgemeinen Wohlfahrt und 
Kultur zuliebe produziert werden: nicht um der Produ- 
zenten. sondern um der Konsumenten willen. 

Es ist die künftige Mission des Parlamentes, die 
übereinstimmenden Interessen aller Konsumenten zu 
vertreten und zu verteidigen gegen die divergierenden 
Interessen der Produzentengruppen, deren Sprachrohr 
heute noch die Abgeordneten und Parteien sind. 

4. REVOLUTION UND TECHNIK 

Der wirtschaftliche Umsturz, der die heutige 
Produktionsanarchie Europas zu neuer Ordnung um- 


143 



schaffen soll, darf seine produktive Mission nie 
vergessen und muß sich hüten, in die destruktiven 
Methoden Rußlands zu verfallen. Denn Europa 
ist durch seine Nordlage und Übervölkerung mehr 
als jeder andere Erdteil auf organisierte Arbeit und indu- 
strielle Produktion angewiesen. Es kann nicht einmal 
vorübergehend von den Almosen seiner geizigen Natur 
leben; alles, was es erreicht hat, verdankt es den Taten 
seiner Arbeitsarmee. Deren radikale Desorganisation 
durch Krieg oder Anarchie bedeutet den Kulturtod 
Europas: denn durch einen vorübergehenden Still- 
stand der europäischen Produktion müßten mindestens 
hundert Millionen Europäer verhungern; eine solche 
Katastrophe könnte Europa, dem die Widerstandskraft 
Rußlands fehlt, nicht überleben. — 

Die Ethik fordert vom kommenden Um- 
sturz Europas, daß er das menschliche 

Leben schont und heiligt — : 

die Technik fordert vom kommenden Um- 
sturz Europas, daß er das menschliche 

Schaffen schont und heiligt. 

Wer einen Menschen mutwillig tötet — frevelt am 
heiligen Geiste der Gemeinschaft; wer eine Maschine 
mutwillig zerstört — frevelt am heiligen Geiste der 
Arbeit. Dieses doppelten Frevels hat sich im höchsten 
Grade schuldig gemacht der Kapitalismus im Weltkriege, 
der Kommunismus in der russischen Revolution. Beide 
kannten weder Ehrfurcht vor menschlichem Leben 
noch vor menschlichem Schaffen. 

Wenn Europa belehrbar ist, kann es von der russi- 
schen Revolution lernen, welche Methoden es 
nicht anwenden darf; denn an ihr hat es ein warnendes 
Beispiel für die Bedeutung der Technik und für die 


144 


Rache, die sie an ihren Verächtern nimmt. Rußlands 
Machthaber wähnten, ihr Land und die Welt mit ethi- 
schen Zielen und militärischen Mitteln allein erlösen zu 
können — statt durch Arbeit und Technik. Sie haben 
die Industrie und Technik ihres Landes der Politik zum 
Opfer gebracht. Während sie aber nach den Sternen der 
Gleichheit griffen, verloren sie den Boden der Produk- 
tion unter ihren Füßen — und stürzten so in den Ab- 
grund des Elends. Um sich aus diesem Abgrund, in dem 
Rußlands Völker verkommen, zu retten, sehen sich die 
Kommunistenführer gezwungen, ihre kapitalistischen 
Todfeinde zu Hilfe zu rufen gegen die übermächtige rus- 
sische Natur, die einst Napoleons große Armee zer- 
schmettert hat und heute den Bolschewismus mit dem 
gleichen Verhängnis bedroht. 

Folgt Europa dem destruktiven Beispiel der russischen 
Revolution, so riskiert es, statt zu einer neuen, nach- 
kapitalistischen Ordnung durchzudringen, in die Primi- 
tivität vorkapitalistischer Barbarei zurückzusinken und 
gezwungen zu sein, noch einmal die kapitalistische Epo- 
che zu durchleben. Seine Geistesklarheit möge es vor 
diesem tragischen Schicksal bewahren: sonst ergeht es 
ihm wie einem Patienten, der in der Narkose an Herz- 
schwäche stirbt — während an ihm eine geniale Opera- 
tion vollzogen wird. Denn der Herzschlag Europas ist 
die Technik: ohne Technik kann es nicht leben — auch 
unter der freiesten Verfassung. Bevor an die Güterver- 
teilung geschritten werden kann, muß die Gütererzeu- 
gung gesichert werden: denn was nützt Gleichheit, wenn 
alle verhungern? Und was schadet Ungleichheit, wenn 
niemand Not leidet? 

Die europäische Revolution müßte ihre Pro- 
duktion vervielfachen, statt sie zu vernichten — ihre 


10 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


145 



Technik beleben, statt sie zu zerstören. Nur dann hätte 
sie Aussicht auf Erfolg und auf dauernde Verwirklichung 
ihrer ethischen Ideale. 

Die technische Organisation und der Maschinenpark 
Europas bilden das Fundament seiner künftigen Kultur; 
versucht Europa, diesem Kulturbau das politische Dach 
aufzusetzen, bevor dessen technische Grundmauern 
stehen — stürzt der Bau zusammen und begräbt unter 
seinen Trümmern die leichtfertigen Baumeister mitsamt 
den bedauernswerten Bewohnern. — 

5. GEFAHREN DER TECHNIK 

Wohin ethische Forderungen führen, wenn sie blind 
sind gegen technische Notwendigkeiten — hat der Ver- 
lauf der russischen Revolution gezeigt; 

wohin technische Fortschritte führen, wenn sie blind 
sind gegen ethische Notwendigkeiten — hat der Ver- 
lauf des Weltkrieges gezeigt. 

Technik ohne Ethik muß ebenso zu Kata- 
strophen führen, wie Ethik ohne Technik. 
Wenn Europa in ethischer Hinsicht keine Fortschritte 
macht, muß es aus einem Weltkriege in den anderen 
taumeln: diese werden um so fürchterlicher sein, je 
höher sich inzwischen die Technik entwickelt. Euro- 
pas Zusammenbruch ist also unvermeid- 
lich. wenn nicht sein ethischer Fortschritt 
Schritt hält mit dem technischen. Dennoch 
wäre es ebenso lächerlich und feige, wegen der Möglich- 
keit technischer Kulturkatastrophen die Technik als 
solche zu bekämpfen und zu verdammen — wie es 
lächerlich und feige wäre, wegen der Möglichkeit von 
Eisenbahnunfällen die Eisenbahn zu vermeiden und zu 
verpönen. 

146 


Während Europa den Arbeitsstaat ausbaut, darf es 
nie vergessen, den Kulturstaat vorzu bereiten. 
Die Träger der ethischen Entwicklung: Lehrer und 
Priester, Künstler und Schriftsteller — bereiten den Men- 
schen auf den großen Festtag vor, der das Ziel der Tech- 
nik ist. Ihre Bedeutung ist ebenso groß, wie die der Inge- 
nieure, Chemiker, Ärzte: diese gestalten den Leib der 
kommenden Kultur — jene die Seele. Denn Technik 
ist der Leib, Ethik die Seele der Kultur. Hier 
liegt ihr Gegensatz — hier ihre Verwandtschaft. — 

Ethik lehrt den Menschen den rechten Gebrauch der 
Macht und Freiheit, die ihm Technik gewährt. Ein 
Mißbrauch der Macht und Freiheit ist für den Menschen 
verhängnisvoller als Ohnmacht und Unfreiheit: durch 
die menschliche Bosheit könnte das Leben in der künf- 
tigen Periode der Muße noch schrecklicher werden als 
in der gegenwärtigen Periode der Zwangsarbeit. 

Von der Ethik hängt es ab, ob die Technik 
den Menschen in die Hölle führt oder in 
den Himme 1. 

Die Maschine trägt einen Januskopf: geistvoll gehand- 
habt. wird sie Sklavin des Zukunftsmenschen sein und 
ihm Macht. Freiheit. Muße und Kultur sichern — geist- 
los gehandhabt. wird die Maschine den Menschen ver- 
sklaven und ihm den Rest seiner Macht und Kultur 
rauben. Gelingt es nicht, die Maschine zu einem Organ 
des Menschen zu machen — so muß der Mensch zu 
einem Bestandteil der Maschine herabsinken. 

Technik ohne Ethik ist praktischer Materia- 
lismus: er führt zum Untergang des Menschlichen im 
Menschen, und zu seiner Verwandlung in eine Maschine; 
er verleitet den Menschen, sich zu veräußerlichen und 
seine Seele an Dinge hinzugeben. Aller technische 


10 * 


147 


Fortschritt aber wird schädlich und wertlos, wenn der 
Mensch, indes er die Welt erobert, seine Seele verliert: 
dann wäre es besser, er wäre Tier geblieben. 

Wie unter Kriegsvölkern Heere und Kriege notwendig 
waren zur Erhaltung der Freiheit und der Kultur — so 
sind in armen und übervölkerten Erdteilen Arbeit und 
Technik notwendig zur Erhaltung des Lebens und der 
Kultur. Die Armee muß aber politischen Zielen dienst- 
bar bleiben — die Technik ethischen. Eine Technik, 
die sich von der Ethik emanzipiert und sich für einen 
Selbstzweck hält, ist ebenso verhängnisvoll für die 
Kultur, wie für einen Staat eine Armee, die sich von der 
Politik emanzipiert und sich für einen Selbstzweck hält: 
ein führerloser Industrialismus muß die Kultur ebenso 
in den Abgrund reißen — wie ein führerloser Militaris- 
mus den Staat. 

Wie der Körper Organ der Seele ist, so muß sich die 
Technik der ethischen Führung unter- 
werfen; sie muß sich hüten, in den Irrtum zu verfallen, 
den die Kunst bei der Proklamierung des l'art pour l’art 
begangen hat; denn weder Kunst noch Technik, 
noch Wissenschaft, noch Politik sind 
Selbstzweck: sie alle sind nur Wege, die 
zum Menschen führen — zum starken, voll- 
endeten Menschen. - — 

6. ROMANTIK DER ZUKUNFT 

In harten und schweren Zeiten wächst die Sehnsucht 
und mit ihr die Romantik. 

Auch unsere Zeit hat eine Romantik geboren: überall 
regt sich die Sehnsucht nach fremden, schöneren Wel- 
ten, die uns hinweghelfen sollen über das graue Einerlei 


148 



unserer Arbeitstage. Die Pflegestätten moderner Roman- 
tik: Kinos, Theater und Romane sind wie Fen- 
ster, aus denen die Zwangsarbeiter des europäischen 
Zuchthauses hinausblicken können ins Freie. — 

Die moderne Romantik hat vier Hauptformen: 

Die Romantik der Vergangenheit, die uns zu- 
rückversetzt in buntere und freiere Epochen unserer 
Geschichte; 

die Romantik der Ferne, die uns den großen 
Osten und den wilden Westen erschließt; 

die R om antikdes Okkulten, die eindringt in die 
verschlossensten Bezirke des Lebens und der Seele und 
den öden Alltag mit Wundern und Geheimnissen erfüllt; 

die R o m a n t i k der Zukunft, die den Menschen 
über das trostlose Heute hinwegtröstet durch den Aus- 
blick auf ein goldenes Morgen. 

Spengler, Kayserling und Steiner kommen 
dieser modernen Romantik entgegen; Spengler erschließt 
uns die Kulturen der Vergangenheit — Kayserling die 
Kulturen der Ferne — Steiner das Reich des Okkulten. 
Die große Wirkung, die diese Männer auf das deutsche 
Geistesleben ausüben, ist teilweise zurückzuführen auf 
die romantische Sehnsucht des schwergeprüften deut- 
schen Volkes, das in die Vergangenheit, in die Ferne 
und zum Himmel blickt, um dort Trost zu finden. — 

In die Vergangenheit, in die Ferne und ins Jenseits 
führt die Phantasie — in die Zukunft die Tat. Daher 
wirkt weder Historismus, noch Orientalismus, noch Ok- 
kultismus als die eigentlich treibende Kraft unserer Zeit 
— sondern die Romantik der Zukunft: sie hat die 
Idee des Zukunftsstaates geboren und damit die 
Weltbewegung des Sozialismus: sie hat die Idee des 


149 


Übermenschen gezeugt und damit die Umwertung 
der Werte eingeleitet. 

Marx, der Verkünder des Zukunftsstaates und 
Nietzsche, der Verkünder des Übermenschen sind 
beide Romantiker der Zukunft. Sie verlegen das 
Paradies weder in die Vergangenheit — noch in die 
Ferne — noch in das Jenseits: sondern in die Zukunft. 
Marx predigt das kommende Weltreich der Arbeit — 
Nietzsche das kommende Weltreich der Kultur. Alles, 
was sich heute mit dem Ausbau des Arbeitsstaates 
befaßt, muß Stellung nehmen zum Sozialismus — alles, 
was sich heute mit der Vorbereitung des Kultur- 
staates befaßt, muß Stellung nehmen zum Übermen- 
schen. Marx ist der Prophet des Morgen — 
Nietzsche der Prophet des Übermorgen. 

Alle großen sozialen und geistigen Ereignisse im heu- 
tigen Europa knüpfen irgendwie an das Werk dieser 
beiden Männer an: die soziale und politische Weltrevolu- 
tion steht im Zeichen Marx' — die ethische und geistige 
Weltrevolution steht im Zeichen Nietzsches. Ohne diese 
beiden Männer wäre das Antlitz Europas ein anderes. — 

Marx und Nietzsche, die Verkünder des sozialen 
und des individualen Zukunftsideales, sind beide Euro- 
päer, Männer, Dynamiker. Aus der Fixierung ihrer 
Ideale in die Zukunft ergeben sich Wille und Notwendig- 
keit, sie durch Taten zu verwirklichen. Ihre dynamischen 
Ideale enthalten Forderungen: sie wollen den Men- 
schen nicht nur belehren, sondern bezwingen; sie drehen 
seinen Blick nach vorwärts und wirken so als Um- 
schöpfer der Gesellschaft und des Menschen. In ihrer 
Polarität spiegelt sich das Wesen des europäischen 
Geistes und die Zukunft des europäischen Schicksals. — 

Das höchste, letzte Ideal europäischer Zukunfts- 


150 


romantik ist: nicht Abkehr — sondern Riickkehrzur 
Natur auf höherer Ebene. Im Dienste dieses 
Ideales steht die Kultur, die Ethik und die Technik. Nach 
hunderttausenden von Kriegsjahren soll der Mensch 
wieder Frieden schließen mit der Natur und heimkehren 
in ihr Reich; aber nicht als ihr Geschöpf — sondern als 
ihr Herr. Denn der Mensch steht im Begriffe, die Ver- 
fassung seines Planeten zu stürzen: gestern war sie anar- 
chisch, morgen soll sie monarchisch werden. Eines 
unter den Milliarden Geschöpfen greift 
nach der Krone der Schöpfung: der freie, 
entfaltete Mensch als königlicher Gebieter 
der Erde. — 


151 



PAZIFISMUS 

19 2 4 


Den toten, lebenden, kommenden 
Helden des Friedens! 



1. ZEHN JAHRE KRIEG 

Der Friede, der vor zehn Jahren in Trümmer ging, 
ist bis heute nicht wiederhergestellt. 

Auf die fünfjährige Kriegsperiode folgte für 
Europa eine fünfjährige Halbkriegsperiode. In 
diese Periode fällt der russisch-polnische und der 
griechisch-türkische Krieg, die Ruhrbesetzung, die 
Kämpfe in Oberschlesien, Litauen, Westungarn, Fiume, 
Korfu, die Bürgerkriege in Deutschland, Italien, 
Spanien, Ungarn, Irland, Griechenland, Bulgarien und 
Albanien, das Umsichgreifen der politischen Morde und 
der Völkerverhetzung, der Zusammenbruch von Wäh- 
rungen und die Verarmung ganzer Völker. 

Dieses schlimmste Jahrzehnt europä- 
ischer Geschichte seit der Völkerwanderung 
bildet eine schlimmere Anklage gegen den Krieg, als 
Pazifisten sie jemals Vorbringen konnten und können: 
dennoch ist dieser Angeklagte weder an seiner Freiheit, 
noch an seiner Ehre, noch an seinem Leben bestraft 
worden, sondern läßt sich überall als Triumphator 
feiern, diktiert die europäische Politik und bereitet sich 
vor, von neuem über die Völker Europas herzufallen, 
um sie endgültig zu vernichten. 

Denn es ist zweifellos, daß infolge der Fortschritte der 
Kriegstechnik, insbesondere der Giftfabrikation und der 
Aviatik, der nächste europäische Krieg diesen Erdteil 
nicht schwächen, sondern vernichten würde. 

Zu dieser Gefahr, die ihn persönlich unmittelbar be- 
trifft, muß jeder Europäer Stellung nehmen. Erscheint 
sie ihm unabwendbar, so bleibt als einzige logische 
Konsequenz die Auswanderung nach einem fremden 

155 


Erdteil. Erscheint sie ihm abwendbar, so bleibt als 
Pflicht der Kampf gegen die Kriegsgefahr und deren 
Träger: die Pflicht zum Pazifismus. 

Europäer zu bleiben, ist heute nicht nur ein Schicksal 
— sondern auch eine verantwortungsvolle Aufgabe, von 
deren Lösung die Zukunft aller und jedes Einzelnen 
abhängt. 

* 

Pazifismus ist heute in Europa die ein- 
zige Realpolitik. Wer von einem Kriege das Heil 
hofft, gibt sich romantischen Illusionen hin. 

Die Mehrzahl der europäischen Politiker scheint dies 
zu erkennen und den Frieden zu wünschen — und mit 
ihnen die überwältigende Mehrzahl der Europäer. 

Diese Tatsache kann den Pazifisten nicht beruhigen, 
der sich daran erinnert, daß dies auch 1914 der Fall 
war; auch damals wollten die meisten Staatsmänner 
und die Majorität der Europäer den Frieden: und den- 
noch brach, gegen ihren Willen, der Krieg aus. 

Dieser Kriegsausbruch erfolgte durch einen inter- 
nationalen Staatsstreich der kriegsfreund- 
lichen Minoritäten gegen die kriegsfeindlichen Majori- 
täten Europas. 

Dieser Staatsstreich, von langer Hand vorbereitet, er- 
griff einen günstigen Anlaß, überrumpelte durch Lügen 
und Schlagworte die ahnungslosen Völker, deren 
Schicksal nun durch Jahre jenen Minoritäten preis- 
gegeben blieb. 

So kam es zum Weltkrieg durch die Entschlossenheit 
der Militaristen und die Schwäche der Pazifisten. So- 
lange dieses Verhältnis bleibt, kann täglich ein neuer 
europäischer Krieg ausbrechen. Denn heute wie damals 
steht eine kleine aber tatkräftige Kriegsminorität einer 
großen aber energielosen Friedensmajorität gegenüber; 
sie spielt mit dem Krieg, statt ihn zu zerstampfen; sie 
besänftigt die Kriegshetzer, statt sie niederzuwerfen und 
schafft so die gleiche Lage wie 1914. 

♦ 


156 


Der Pazifismus vergißt, daß ein Wolf stärker ist als 
tausend Schafe und daß die Zahl in der Politik wie 
in der Strategie nur dann entscheidet, wenn sie gut ge- 
führt und gut organisiert ist. 

Dies ist der Pazifismus heute so wenig wie vor zehn 
Jahren: wäre er dies schon damals gewesen, so wäre der 
Krieg nicht ausgebrochen; wäre er dies heute, so wäre 
Europa vor einem neuen Kriege sicher. 

Die Ohnmacht des Pazifismus liegt heute wie damals 
darin, daß zwar sehr viele den Frieden wünschen, 
aber sehr wenige ihn wollen; daß viele den Krieg 
fürchten — aber nur wenige ihn bekämpfen. 


157 


2. KRITIK DES PAZIFISMUS 


Die passive Kriegsschuld trifft den 
europäischen Pazifismus. Seine schlechte 
Führung, seine Schwäche und Charakterlosigkeit hat 
die Kriegshetzer ermutigt, den Krieg zu beginnen. 

Die Anhänger des Friedensgedankens, die 1914 für ihr 
Ideal nicht rechtzeitig und nicht stark genug eingetreten 
sind, sind mitverantwortlich am Kriegsausbruch. 

Wenn aber heute, nach dieser Erfahrung und Er- 
kenntnis, ein Gegner des Krieges bei jener Passivität be- 
harrt, so ladet er eine noch schwerere Schuld auf sich, 
indem er dem Zukunftskrieg indirekt Vorschub leistet. 

Ein reicher Pazifist, der heute den Frieden nicht 
finanziert, ist ein halber Kriegshetzer. 

Ein pazifistisch gesinnter Journalist, der heute den 
Frieden nicht propagiert — ist ebenfalls ein halber 
Kriegshetzer. 

Ein Wähler, der aus innerpolitischen Motiven einen 
Kandidaten wählt, von dessen Friedenswillen er nicht 
überzeugt ist — unterschreibt damit sich und seinen 
Kindern ein halbes Todesurteil. 

Die Pflicht jedes Pazifisten ist: im Rahmen seiner 
Möglichkeiten den drohenden Zukunftskrieg zu ver- 
hindern; tut er nichts nach dieser Richtung, so ist er 
entweder kein Pazifist oder pflichtvergessen. 

* 

Der Pazifismus hat aus dem Kriege nichts ge- 
lernt: er ist heute wesentlich der gleiche wie 1914. 
Wenn er seine Fehler nicht erkennt und sich nicht 


158 


wandelt, wird der Militarismus auch in Zukunft über 
ihn hinwegschreiten. 

Die Hauptfehler des europäischen Pazi- 
fismus sind: 

Der Pazifismus ist unpolitisch: unter seinen 
Führern sind zu viele Schwärmer, zu wenig Politiker. 
Darum baut der Pazifismus vielfach auf Illusionen, 
rechnet nicht mit gegebenen Tatsachen, nicht mit der 
menschlichen Schwäche, Unvernunft und Bosheit: so 
zieht er aus falschen Voraussetzungen falsche Schlüsse. 

Der Pazifismus ist uferlos; er versteht es nicht, 
seine Ziele zu beschränken; er erreicht nichts, weil er 
alles zugleich will. 

Der Pazifismus ist weitsichtig; er ist vernünftig 
im Ziel — aber unvernünftig in den Mitteln. Er richtet 
sein Wollen auf die Zukunft — und überläßt die Gegen- 
wart den Intriguen der Militaristen. 

Der Pazifismus ist planlos: er will den Krieg ver- 
hindern, ohne ihn zu ersetzen; seinem negativen Ziel 
fehlt das positive Programm einer aktiven Weltpolitik. 

Der Pazifismus ist zersplittert; er hat Sekten, 
aber keine Kirche; seine Gruppen arbeiten isoliert, ohne 
einheitliche Führung und Organisation. 

Der Pazifismus pflegt Anhängsel, statt 
Mittelpunkt politischer Programme zu sein; ihr 
Mittelpunkt ist eine innerpolitische Einstellung, während 
ihr Pazifismus mehr taktisch als prinzipiell ist. 

Der Pazifismus ist inkonsequent; er hält sich 
meist bereit, einem „höheren Ideal“, das heißt einem ge- 
schickten Schlagwort gegenüber kritiklos zurückzu- 
treten, wie er dies 1914 getan hat und auch künftig zu 
tun bereit wäre. 

* 

Das größteÜbel d e s P a z i f i s m u s sind 
die Pazifisten. Daran ändert auch die Tatsache 
nichts, daß sich unter ihnen die besten und bedeutend- 
sten Männer unserer Zeit finden. Diese sind von der 
folgenden Kritik ausgenommen. 


159 


Die meisten Pazifisten sind Phantasten, welche 
die Politik und deren Mittel verachten, statt sie zu be- 
treiben; darum werden sie, sehr zum Schaden ihres 
Zieles, politisch nicht ernst genommen. 

Viele Pazifisten glauben, die Welt durch Predigen 
zu ändern — statt durch Handeln: sie kompromittieren 
den politischen Pazifismus, indem sie ihn mit religiösen 
und methaphysischen Spekulationen durchsetzen. 

Meist ist die Furcht vor dem Kriege die Mutter des 
Pazifismus. Erstreckt sich diese Furcht vor der Gefahr 
auch auf das sonstige Leben der Pazifisten, so verhindert 
es sie, sich für den Friedensgedanken zu exponieren. 

Die Tapferkeit und Opferwilligkeit der 
Pazifisten ist seltener als die der Militaristen; viele er- 
kennen die Kriegsgefahr — aber wenige bringen persön- 
liche oder materielle Opfer, um sie abzuwenden. Statt 
Kämpfer — sind sie Drückeberger des Pazi- 
fismus, die anderen den Kampf überlassen, an dessen 
Früchten sie teilnehmen. 

Viele Pazifisten sind sanfte Naturen, die nicht nur 
den Krieg scheuen — sondern auch den Kampf gegen 
den Krieg; ihr Herz ist rein, aber ihr Wille schwach 
und daher ihr Kampfwert illusorisch. 

Die meisten Pazifisten sind überzeugungs- 
schwach — wie die meisten Menschen; unfähig, 
einer Massensuggestion im entscheidenden Augenblick 
zu trotzen — sind sie Pazifisten im Frieden, Militaristen 
im Kriege. Nur eine feste Organisation, geführt von 
einem starken Willen, kann sie dauernd in den Dienst 
des Friedens zwingen. 


160 


3. RELIGIÖSER UND POLITISCHER 
PAZIFISMUS 

Der religiöse Pazifismus bekämpft den Krieg, weil er 
unsittlich — der politische Pazifismus, weil er u n- 
rentabel ist. 

Der religiöse Pazifismus sieht im Krieg ein V e r- 
brechen — der politische Pazifismus eine Dumm- 
heit. 

Der religiöse Pazifismus will den Krieg abschaffen 
durch Änderung des Menschen-der poli- 
tische Pazifismus will den Krieg verhindern durch 
Änderung der Verhältnisse. — 

Beide Formen des Pazifismus sind gut und berech- 
tigt: gesondert dienen sie dem menschlichen Frieden 
und Fortschritt; nur in ihrer Vermischung schaden sie 
einander mehr, als sie einander nützen. Hingegen sollen 
sie einander bewußt unterstützen: es ist also selbstver- 
ständlich. daß der politische Pazifist sich auch ethischer 
- rgumente bedient, um die Werbekraft seiner Propa- 
ganda zu stärken; und daß der religiöse Pazifist im Ent- 
scheidungsfall die pazifistische Politik unterstützen 
wird — statt der militaristischen. 


In seinen Methoden muß sich aber der praktische 

I azifismus vom ethischen Pazifismus emanzipieren: 
sonst bleibt er unfähig, den Kampf gegen den Militaris- 
mus erfolgreich zu führen. 

In der Politik haben sich die machiavellisti- 
sehen Methoden des Militarismus besser bewährt als 

II Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 

161 


die tolstoischen Methoden des Pazifismus, der in- 
folgedessen 1914 und 1919 kapitulieren mußte. 

Will künftig der Pazifismus siegen, so muß er von 
seinen Gegnern lernen und seine tolstoischen 
Ziele mit machiavellistischen Mitteln 
verfolgen: er muß von Räubern lernen, wie man mit 
Räubern umgeht. Denn wer unter Räubern im Sinne der 
Gewaltlosigkeit seine Waffe wegwirft, hilft damit nur 
den Räubern, nur der Gewalt, nur dem Unrecht. 

Darum muß der politische Pazifist die Tatsache aner- 
kennen, daß in der Tagespolitik die Gewaltlosigkeit der 
Gewalt nicht gewachsen ist; daß nur der auf Gewalt ver- 
zichten kann, der, wie einst das Christentum, mit Jahr- 
hunderten rechnet. Das kann aber Europa nicht: siegt 
hier der Friede nicht bald, so werden in 300 Jahren 
nur noch chinesische Archäologen seine Kirchhofsruhe 
stören. Es genügt also nicht, daß der europäische Friede 
siegt: siegt er nicht bald, ist sein Sieg illusorisch. 

* 

Wer ein Spiel erfolgreich spielen will, muß sich den 
Spielregeln unterwerfen. Die Spielregeln der 
Politik sind: List und Gewalt. 

Will der Pazifismus in die Politik praktisch ein- 
greifen, so muß er sich dieser Mittel zur Bekämpfung 
des Militarismus bedienen. Erst nach seinem Siege 
könnte er die Spielregeln ändern und Recht an die Stelle 
von Macht setzen. 

Solange jedoch in der Politik Macht vor Recht geht, 
muß der Pazifismus sich auf Macht 
stützen. Überläßt er die Macht den Kriegsfreunden, 
während er sich selbst nur auf sein gutes Recht stützt — 
so leistet er, aus Prinzipienreiterei, nur dem Zukunfts- 
kriege Vorschub. 

Ein Politiker, der keine Gewalt anwenden will, gleicht 
einem Chirurgen, der nicht schneiden will: hier wie dort 
kommt es darauf an, das richtige Maß zu finden 
zwischen zu viel und zu wenig: sonst stirbt der Patient, 
statt zu genesen. 

162 


Politik ist die Lehre von der Eroberung und dem 
richtigen Gebrauch der Macht. Der innere Frieden aller 
Länder wird aufrechterhalten durch Recht und Ge- 
walt: Recht ohne Gewalt müßte sofort zu Chaos und 
Anarchie führen, also zur schlimmsten Form der 
Gewalt. 

Das gleiche Schicksal droht dem internationalen 
Frieden — wenn sein Recht keine Stütze in einer inter- 
nationalen Machtorganisation findet. 

Der Pazifismus als politisches Programm darf 
also keinesfalls die Gewalt ablehnen: nur muß er sie 
g e g e n den Krieg einsetzen — statt für den Krieg. 

c> 

* 

Das Mißtrauen der friedliebenden Massen in die poli- 
tische F iihrung der Pazifisten, das scheinbar paradox 
ist, erklärt sich daraus, daß die meisten Pazifisten das 
ABC der Politik nicht beherrschen. 

Denn wie wir in einem Prozeß unsere Vertretung 
lieber einem geschickten Anwalt anvertrauen, als einem 
ungeschickten — auch wenn dieser noch so gütig ist: so 
legen auch die Völker ihr Schicksal lieber in geschickte, 
als in gütige Hände. 

Die Pazifisten werden erst dann das politische Ver- 
trauen der Massen erobern, wenn sie, nach den Worten 
der Bibel, nicht nur sanft sind wie die Tauben — son- 
dern auch klug wie die Schlangen; wenn sie nicht nur 
edler in den Zielen — sondern auch geschickter 

in den Mitteln sind, als ihre militaristischen 
Rivalen. 


11 * 


163 


4. REFORM DES PAZIFISMUS 


Die neue Zeit fordert einen neuen Pazifismus. 
Staatsmänner sollen an seine Spitze treten, statt 
Träumer; Kämpfer sollen seine Reihen füllen, statt 
Nörgler! 

Nur ein staatskluger Pazifismus kann die 
Massen überzeugen — nur ein heroischer Pazi- 
fismus kann sie hinreißen! 

Die neuen Pazifisten sollen Optimisten des Willens 
sein — aber Pessimisten der Erkenntnis. Sie sollen die 
Gefahren, die dem Frieden drohen, weder übersehen 
noch übertreiben — sondern: bekämpfen. Die Be- 
hauptung: „Ein neuer Krieg ist unmöglich,“ ist ebenso 
falsch wie die Behauptung: „Ein neuer Krieg ist unver- 
meidlich.“ Ob die Kriegsmöglichkeit sich in Kriegswirk- 
lichkeit verwandeln wird oder nicht, hängt in erster 
Linie von der Tatkraft und Umsicht der Pazifisten ab. 
Denn Krieg und Frieden sind keine Naturereignisse — 
sondern Menschenwerk. 

Darum muß der Pazifist dem Frieden gegenüber fol- 
genden Standpunkt einnehmen: 

„Der Friede ist bedroht; 

Der Friede ist möglich; 

Der Friede ist wünschenswert: 

Schaffen wir also den Frieden!“ 

* 

Der neue Pazifismus muß seine Ziele beschrän- 
ken, um sie zu erreichen und nur das fordern, was er 
entschlossen ist, durchzusetzen. Denn das Reich des Frie- 
dens läßt sich nur schrittweise erobern und ein 


164 


Schritt vorwärts in der Wirklichkeit gilt mehr als 
tausend Schritte in der Phantasie. 

Uferlose Programme locken nur Phantasten — wäh- 
rend sie Politiker abstoßen: ein Politiker kann aber für 
den Frieden mehr tun, als tausend Phantasten! 

* 

Die Pazifisten aller Nationen, Parteien und Welt- 
anschauungen müssen in der internationalen Politik eine 
Phalanx bilden mit einheitlicher Führung und gemein- 
samen Symbolen. 

Eine Fusion so vieler divergierender Gruppen ist un- 
möglich und unzweckmäßig — aber ihre Koopera- 
tion ist möglich und notwendig. 

Der Pazifismus muß von jedem Politiker Klarheit 
f oi dem über seine Stellung zu Krieg und Frieden In 
dieser Lebensfrage hat jeder Wähler ein Recht, 'den 
Standpunkt seines Kandidaten genau zu kennen, zu 
wissen, unter welchen präzisen Umständen dieser für 
den Krieg stimmen würde und welche Mittel er an- 
wenden will, um den Krieg zu verhindern. 

Nur wenn die Wähler auf diese Weise in die Außen- 
politik eingreifen, statt sich wie bisher mit Phrasen und 
Schlagwörtern abspeisen zu lassen — könnten die Par- 
lamente zu Spiegelbildern des Friedenswillen werden, 
der die Massen der Arbeiter, Bauern und Bürger aller 
bationen beseelt. 


* 


Der neue Pazifismus muß vor allem auch d i e P a z i- 
fisten reformieren. 

Der Pazifismus kann nur siegen, wenn die Pazifisten 
bereit sind, im Kampf um den Frieden Opfer zu 
bringen an Ehre, Geld und Leben; wenn die zahlkräf- 
tigen Pazifisten zahlen — die tatkräftigen handeln. 

Solange die Massen in den Militaristen, die täglich be- 
reit sind, ihr Leben für ihr Ideal hinzugeben, Helden 


165 


sehen — in den Pazifisten aber Schwächlinge und Feig- 
linge, wird die Begeisterung für den Krieg stärker sein, 
als die Begeisterung für den Frieden. 

Denn die Überzeugungskraft liegt in 
den Dingen — die Begeisterungskraft 
aber in den Me n s c h e n. 

Diese Kraft, zu begeistern, wird um so stärker sein, je 
mehr die Pazifisten Kämpfer, Apostel, Helden und 
Märtyrer ihrer Idee werden — statt deren Anwälte und 
Nutznießer. — 


166 


5. WELTFRIEDEN UND EUROPA- 
FRIEDEN 

Die Ziele des religiösen Pazifismus sind absolut und 
einfach — die Ziele des politischen Pazifismus relativ 
und vielfältig. Jedes politische Problem fordert eine be- 
sondere Stellungnahme des Pazifismus. 

Es gibt drei Haupttypen des Krieges: der A n- 
g r i f f s-, Verteidig ungs- und Befreiungs- 
krieg. 

Alle Pazifisten sind Gegner des Eroberungskrieges; 
der Weg zu seiner Bekämpfung ist klar vorgezeichnet: 
gegenseitige Versicherung von Staaten zur gemein- 
samen Abwehr des Friedensbrechers. Eine solche Or- 
ganisation, wie sie heute der Völkerbund im Garantie- 
pakt plant, wird in Zukunft die Völker vor Eroberungs- 
kriegen schützen und ihnen zugleich individuelle Ver- 
teidigungsaktionen ersparen. 

Viel schwieriger ist das Problem des Befreiungs- 
krieges. Denn dieser ist in der Form ein An- 
griffskrieg — im Wesen aber ein Ver- 
teidigungskrieg gegen eine erstarrte Eroberung. 
Ein Pazifismus, der Befreiungskriege unmöglich macht, 
ergreift damit die Partei der Unterdrücker. Anderseits 
wäre die internationale Legitimierung des Befreiungs- 
krieges ein Freibrief für Eroberungskriege. 

Denn die Befreiung unterdrückter Völker und 
Klassen bildet den beliebtesten Vorwand aller Erobe- 
rungskriege; und da es überall Völker, Volkssplitter, 
Rassen und Klassen gibt, die sich unterdrückt fühlen 
oder es wirklich sind, wäre heute ein Pazifismus, der 
den Befreiungskrieg gestattet, praktisch illusorisch. 

* 


167 


Zwei Theorien stehen sich also hier gegenüber: der 
konservative Pazifismus saturierter Völker, 
deren Ziel die Bekämpfung jedes Friedensbrechers, die 
Erhaltung des Status quo und der gegenwärtigen Herr- 
schaftsverhältnisse ist — und der revolutionäre 
Pazifismus, dessen Ziel ein letzter Weltkrieg zur 
Befreiung aller unterdrückten Klassen, Völker und 
Rassen und damit die Vernichtung jeder künftigen 
Kriegsursache und die Begründung der pazifistischen 
Weltrepublik ist. 

Der konservative Pazifismus hat seine Zentrale im 
Genfer Völkerbund — der revolutionäre in der 
Moskauer Internationale. 

* 

Der Genf er Pazifismus will heute den Frieden 
erhalten, ohne die Konfliktstoffe zu beseitigen, die zu 
einem Zukunftskrieg zu führen drohen; der Mos- 
kauer Pazifismus will die internationale Explo- 
sion beschleunigen, um wenigstens für die Zukunft ein 
gesichertes Friedensreich zu errichten. 

Es ist zu fürchten, daß Genf zu schwach sein wird, um 
den Frieden zu erhalten — und Moskau zu schwach, ihn 
zu errichten. Darum bedrohen beide Tendenzen in 
ihrem Radikalismus den Weltfrieden. 

Ein teilweiser Ausweg aus diesem Dilemma ist ein 
evolutionärer Pazifismus, dessen Ziel ein 
schrittweiser Abbau der nationalen und sozialen Unter- 
drückung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Frie- 
dens ist. Dieser Pazifismus, der wie ein schmales Seil 
über einen doppelten Abgrund führt, erfordert das 
höchste politische Geschick der Führer und ein großes 
politisches Verständnis der Völker. Dennoch muß er von 
allen versucht werden, die ehrlich den Frieden wollen. 

* 

Die beiden schwierigsten Friedensprobleme der Zu- 
kunft sind: das indische und das australische 
Problem. In der indischen Frage (die ein Spezial- 
168 


fall der allgemeinen Kolonialfrage ist) stehen sich der 
Wille der indischen Kulturnation zur politischen Unab- 
hängigkeit und der Wille Großbritanniens, es in seinem 
Staatsverbande zu halten, scheinbar unversöhnlich 
gegenüber. Diese Lage reizt die asiatischen (und halb- 
asiatischen) Völker, sich eines Tages mit Indien zu 
einem großen Befreiungskämpfe zu vereinigen. 

Die australische Frage (die ein Spezialfall 
der pazifischen Einwanderungsfrage ist) dreht sich um 
die Aussperrung der Mongolen aus den angelsächsischen 
Siedlungsgebieten. Der starke Bevölkerungszuwachs der 
Mongolen steht in keinem Verhältnis zu ihrem Mangel 
an Siedlungsgebieten und droht eines Tages zu einer 
Explosion im pazifischen Ozean zu führen, wenn ihnen 
kein Ventil geöffnet wird. Anderseits wissen die weißen 
Australier, daß eine Zulassung der Mongolen sie binnen 
kurzem in die Minorität drängen würde. Welche Lösung 
dieses Problem finden wird, wenn einst China ebenso 
gerüstet sein wird wie Japan, ist unbestimmt. 

Die friedliche Lösung dieser Weltprobleme bildet eine 
sehr schwierige Aufgabe der britischen, asiatischen und 
australischen Pazifisten. 

Die europäischen Pazifisten jedoch müssen klar 
erkennen, daß eine kriegerische Lösung die- 
ser Fragen wahrscheinlicher ist als eine 
friedliche, daß ihnen aber die Macht und der Einfluß 
fehlt, diese drohenden Kriege zu verhindern. 

* 

Diese Erkenntnis klärt die Mission des europä- 
ischen Pazifismus: er hat nicht die Macht, den 
Erdball zu pazifizieren — wohl aber hat er die Macht, 
Europa den Dauerfrieden zu schenken, indem er die 
europäische Frage löst und seinen Erdteil 
davor bewahrt, in jene asiatische und pazifische Zu- 
kunftskonflikte verwickelt zu werden. Infolgedessen 
muß der politische Pazifismus Europas seine Ziele 
beschränken und unterscheiden lernen, was er nur 

169 


wünschen — und was er auch erreichen kann. Ohne 
seine Kräfte zu überspannen, muß er zunächst in seinem 
eigenenErdteil um den Dauerfrieden ringen und 
es den Amerikanern, Briten, Russen und Asiaten über- 
lassen, in den ihnen zugefallenen Weltteilen den Frieden 
zu erhalten. Dabei müssen aber alle Pazifisten der Welt 
miteinander in ständiger Fühlung bleiben, da viele 
Probleme (vor allem die Abrüstung), nur inter- 
national zu lösen sind, und da der internationale 
Pazifismus versuchen muß, Konflikte zwischen jenen 
Weltkomplexen zu vermeiden und zu schlichten. 

Im Verhältnis zu jenen ostasiatischen Kriegsgefahren 
sind die europäischen Friedensprobleme 
relativ leicht zu lösen. Kein unüber- 
windliches Hindernis steht dem euro- 
päischen Frieden im Weg. Bei einem euro- 
päischen Kriege könnte niemand etwas gewinnen — 
aber alle alles verlieren. Der Sieger würde tödlich ver- 
wundet — der Besiegte vernichtet aus diesem Massen- 
morden hervorgehen. 

Deshalb könnte ein neuer europäischer Krieg nur 
entstehen durch ein Verbrechen der Militaristen, durch 
den Leichtsinn der Pazifisten und die Dummheit der 
Politiker. 

Er kann verhindert werden, wenn in jedem Lande die 
Kriegshetzer in Schach gehalten werden, die Pazifisten 
ihre Pflicht erfüllen und die Staatsmänner die Interessen 
ihrer Völker wahren. 

* 

Die Sicherung des Friedens in Europa, das heute zum 
Balkan der Welt geworden ist, bildet einen 
wesentlichen Schritt vorwärts zum Weltfrieden. Wie der 
Weltkrieg von Europa seinen Ausgang nahm — so 
könnte vielleicht auch der Weltfrieden einst von 
Europa seinen Ausgang nehmen. 

Keinesfalls ist an einen Weltfrieden zu denken, bevor 
nicht der europäische Frieden in einem stabilen System 
verankert ist. 


170 


6. REALPOLITISCHES FRIEDENS- 
PROGRAMM 

Die europäische Kriegsgefahr gliedert sich in zwei 
Gruppen: die erste ist in der nationalen Untei- 
driickung begründet — die zweite in der sozialen. 

Heute bedrohen die Grenzfragen und die rus- 
sische Frage den europäischen Frieden. — 

Das Wesen der Grenz frage ist, daß die meisten 
europäischen Staaten und \ ölker mit ihren derzeitigen 
Grenzen unzufrieden sind, da sie den nationalen, wirt- 
schaftlichen oder strategischen Forderungen der Na- 
tionalisten nicht entsprechen. Eine friedliche Änderung 
der heutigen Grenzen ist bei deren gegenwärtigen 
Bedeutung unmöglich: daher bereiten die Nationalisten 
jener unzufriedenen Staaten eine gewaltsame Grenz- 
änderung durch einen neuen Krieg vor und zwingen ihre 
Nachbarn zu Rüstungen. 

Die russische Frage wurzelt heute in der 
Tatsache, daß an der offenen Ostgrenze Europas eine 
Weltmacht steht, deren Führer es als ihr Ziel bekennen, 
das bestehende System in Europa gewaltsam zu stürzen. 
Um dieses Ziel zu erreichen, unterstützen sie die soziale 
Irredenta Europas mit Geld und hoffen bald in die Lage 
zu kommen, diesen Propagandageldern beim Ausbruch 
der europäischen Revolution Sowjettruppen nachsenden 
zu können. 

Aus prinzipiellen Gründen ist Rußland Gegner des 
heutigen Pazifismus, bekennt sich zu milita- 
ristischen Methoden und organisiert eine starke Armee, 
um mit deren Hilfe die Weltkarte, wenigstens in Europa 

171 


und Asien, gründlich zu ändern. Sobald diese Armee 
stark genug sein wird, wird sie zweifellos gegen Westen 
marschieren. 

* 

Diese beiden Probleme, die sich an einzelnen Punkten 
(Bessarabien, Ostgalizien) begegnen, bedrohen täglich 
den Frieden Europas. Jeder europäische Pazifist muß 
sich mit ihnen auseinandersetzen und versuchen, sie 
abzuwenden. 

Das Pan-Europa-Programm*) ist der ein- 
zige Weg, diese beiden drohenden Kriege mit real- 
politischen Mitteln zu verhindern und den euro- 
päischen Frieden zu sichern. Sein Ziel ist: 

1. Sicherung des i n n e r e u r o p ä i s c h e n 
Friedens durch paneuropäischen Schiedsvertrag, 
Garantiepakt, Zollbund und Minoritätenschutz. 

2. Sicherung des Friedens mit Rußland 
durch ein paneuropäisches Defensivbündnis, durch 
gegenseitige Anerkennung, Nichteinmischung und 
Grenzgarantie, gemeinsame Abrüstung und wirtschaft- 
liche Zusammenarbeit, sowie durch Abbau der sozialen 
Unterdrückung. 

3. Sicherung des Friedens mit Britan- 
nien, Amerika und Ostasien durch obligato- 
rische Schiedsverträge und regionale Völkerbunds- 
reform. 

* 

Das Pan-Europa-Programm ist die 
einzig mögliche Lösung des europä- 
ischen Grenzproblems. Denn die Unverein- 
barkeit aller nationalen Aspirationen, sowie die Span- 
nung zwischen den geographisch-strategischen, histo- 
risch-wirtschaftlichen und nationalen Grenzen in 
Europa macht eine gerechte Grenzführung 
unmöglich. Eine Veränderung der Grenzen würde 

*) Siehe: „Pan-Europa“ von R. N. Coudenhove-Kalergi (Pan-Europa- 
Verlag, Wien). 

172 


alte Ungerechtigkeiten beseitigen, aber neue an deren 
Stelle setzen. 

Darum ist eine Lösung des europä- 
ischen Grenzproblemsnur durch dessen 
Ausschaltung möglich. 

Die beiden Elemente dieser Lösung sind: 

A. Das konservative Element des territorialen 
Status quo, das die bestehenden Grenzen stabilisiert und 
so den drohenden Krieg verhindert; 

B. das revolutionäre Element der allmählichen 
Beseitigung der Grenzen in strategischer, wirtschaft- 
licher und nationaler Hinsicht, das die Keime künftiger 
Kriege zerstört. 

Diese Sicherung der Grenzen, verbun- 
den mit deren Abbau, bewahrt die formale 
Gliederung Europas, während sie deren Wesen ändert. 
So sichert sie zugleich den gegenwärtigen und künftigen 
Frieden, die wirtschaftliche und die nationale Ent- 
faltung Europas. 

* 

Die andere europäische Kriegsgefahr ist die russi- 
sche. 

Die russische Militarisierung entspringt einerseits der 
Furcht vor einer antibolschewistischen Invasion, die 
durch Europa unterstützt würde — andererseits dem 
Willen, im Zeichen der sozialen Befreiung einen 
Angriffskrieg gegen Europa zu führen. 

Darum muß es das Ziel des europäischen Pazifismus 
sein, zugleich Rußland vor einem euro- 
päischen und Europa vor einem russi- 
schen Angriff zu sichern. Das erste ist nur 
durch ehrlichen F riedenswillen möglich — das 
zweite durch militärische Überlegenheit. 
Diese militärische Überlegenheit kann Europa ohne 
Steigerung seiner Rüstungen sofort erreichen durch ein 
paneuropäisches Defensivbündnis. 

Der europäische Pazifismus darf aber diese mili- 
tärische Übermacht nicht in ein Wettrüsten ausarten 


173 


lassen, sondern muß sie zur Basis einer russisch- 
europäischen Abrüstung und Verständigung 
machen. 

% 

Europa hat nicht die Möglichkeit, die politische Ein- 
stellung der russischen Machthaber, deren System 
expansiv ist, zu ändern. Da es dieselben zum Frieden 
nicht überreden kann, muß es sie zum Frieden zwingen. 
Wenn ein Nachbar friedlich orientiert ist, der andere 
kriegerisch, so fordert der Pazifismus, daß die mili- 
tärische Überlegenheit auf Seiten des Friedens steht. 
Eine Umkehr dieses Verhältnisses bedeutet den Krieg. 

Es ist ein Irrwahn vieler Pazifisten, in der eigenen 
Rüstungsbeschränkung den sicheren Weg zum Frieden 
zu sehen. Unter Umständen fordert der 
Friede Abrüstung — unter anderen Um- 
ständen aber Rüstung. Hätten beispielsweise 
England und Belgien 1914 über starke Armeen verfügt, 
so hätte der englische Vermittlungsvorschlag unmittel- 
bar vor der Katastrophe mehr Aussicht auf Annahme 
gehabt. 

Wenn sich heute etwa ein \ olk aus Pazifismus zur 
Kriegsdienstweigerung bekennt, während sein Nachbar 
auf die Gelegenheit lauert, es zu überfallen, so fördert 
es nicht den Frieden, sondern den Krieg. 

Wenn ein anderes Volk zur Sicherung seines Friedens 
seine Rüstungen steigert und dadurch einen friedlichen 
Nachbarn zum Wettrüsten provoziert — so fördert es 
auch nicht den Frieden, sondern den Krieg. 

Jedes Friedensproble m fordert eine 
individuelle Behandlung. Darum kann Eu- 
ropa heute nicht die gleichen Friedensmethoden gegen- 
über England und Rußland anwenden. 

Der Friede mit E n g 1 a n d, dessen Politik stabil und 
pazifistisch ist, läßt sich auf Verträge stützen — der 
Friede mit Rußland, das sich in einer Revolution 
befindet und seine Kriegspläne gegen das europäische 
System nicht verleugnet, bedarf militärischer Siche- 
rungen. 


174 


Es wäre ebenso unpolitisch und unpazifistisch, sich 
den Sowjets gegenüber auf Verträge zu verlassen — wie 
England gegenüber auf die Flotte. Hingegen muß der 
europäische Pazifismus jederzeit bereit sein, einem 
pazifistischen Rußland, das abrüstet und auf 
seine Interventionspläne ehrlich verzichtet, ebenso 
gegenüberzutreten, wie dem pazifistischen England. 

* 

Europas Pazifisten dürfen aber nie vergessen, daß 
Rußland im Namen der sozialen Befreiung 
rüstet und daß Millionen Europäer eine russische 
Invasion als Befreiungskrieg auffassen würden. 
Dieser Krieg wird um so drohender, je mehr diese 
Überzeugung in den Massen Europas um sich greift. 

Wie die nationalen Kriegsgefahren dauernd nur 
gebannt werden können durch einen Abbau der natio- 
nalen Unterdrückung, kann diese soziale Kriegsgefahr 
nur gebannt werden durch Abbau der sozialen 
Unterdrückung. 

Die soziale Irredenta Europas wird erst dann von der 
Moskauer Internationale abfallen, wenn ihr der prak- 
tische Beweis erbracht wird, daß die Lage und die 
Zukunft der Arbeiterschaft in den demokratischen 
Ländern eine bessere ist als in den sowjetistisehen. 
Gelingt dem Kommunismus der Gegenbeweis, so kann 
keine Außenpolitik Europa vor der Revolution und dem 
Anschluß an Sowjetrußland bewahren. 

* 

Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen Innen- 
und Außenpolitik, zwischen Freiheit und Frie- 
den. Da jede Unterdrückung, ob sie nun 
national oder sozial ist, den Keim eines Krieges 
in sich birgt, bildet der Kampf gegen die Unter- 
drückung einen wesentlichen Bestandteil des Kampfes 
um den Frieden. 


175 


Jede Unterdrückung zwingt die Unterdrücker zur 
Aufrechterhaltung einer Militärmacht, die Unter- 
drückten und deren Verbündete aber zur Kriegshetze. 
Umgekehrt gibt eine Kriegs- und Rüstungspolitik den 
staatlichen Machthabern das stärkste Instrument zur 
innerpolitischen Unterdrückung in die Hand: die Armee. 
Darum wird der europäische und der Weltfriede erst 
dann endgültig gesichert sein, wenn die Religionen, 
Nationen und Klassen auf hören werden, sich unter- 
drückt zu fühlen. 

Das ist der Grund, weshalb friedliche Auß e n- 
politik Hand in Hand geht mit freiheit- 
licher Innenpolitik - — Kriegspolitik nach 
außen aber mit Unterdrückung nach innen. 


176 


7 FÖRDERUNG DES FRIEDENS- 
GEDANKENS 

Neben der Erkämpfung seines außenpolitischen 
Friedensprogrammes soll der Pazifist keine Gelegenheit 
versäumen, die internationale Zusammenarbeit und 
Verständigung zu fördern. 

Dies bestimmt die Einstellung des Pazifismus zum 
Völkerbund. 

Der heutige Völkerbund ist als Friedensinstitution 
sehr unvollkommen; er ist, vor allem, schwer belastet 
durch die Erbschaft des Krieges, der ihn geboren hat. 
Er ist schwach, ungegliedert, unzuverläßlich; außerdem 
ist er ein Torso, so lange die Vereinigten Staaten, 
Deutschland und Rußland ihm fernbleiben. Dennoch ist 
der Genfer Völkerbund der erste Entwurf zu einer inter- 
nationalen Staatenorganisation der Welt, die an die 
Stelle der bisherigen Staatenanarchie treten soll. 

Er hat den unermeßlichen Vorteil der Exi- 
stenz gegenüber allen besseren Institutionen, die nur 
Projekte sind. 

Darum muß jeder Pazifist den schwachen, gebrech- 
lichen, embryonalen Völkerbund unterstützen: er soll 
ihn kritisieren — aber nicht bekämpfen; an seiner 
Umgestaltung arbeiten — aber nicht an seiner Zer- 
störung. 

* 

Jeder Pazifist soll dazu beitragen, den dummen 
Völkerhaß zu beseitigen, der allen schadet und 
keinem nützt. Dies kann er am besten durch Verbreitung 
der Wahrheit und durch Bekämpfung der böswilligen 
und ungebildeten Völkerverhetzung. 


12 Coudenhove-Kalergi, Praktischer Idealismus. 


177 


Denn eine Hauptursaehe des nationalen Hasses ist, 
daß die Völker einander nicht kennen und 
nach den Äußerungen einer chauvinistischen Presse und 
Literatur nur in Zerrbildern sehen. Um diese Entstel- 
lungen zu bekämpfen, soll der Pazifismus eine auf- 
klärende Volksliteratur schaffen, Übersetzungen för- 
dern, ebenso den Austausch von Professoren, Lehrern, 
Studenten und Kindern. 

Durch internationale Vereinbarung soll die chauvi- 
nistische Hetze gegen fremde Nationen in Schule 
und Presse rücksichtslos bekämpft werden. 

Zur Förderung des Friedensgedankens und zur Be- 
kämpfung der Kriegshetze sollten in allen Staaten 
Friedensministerien entstehen, die, in stän- 
digem Kontakt miteinander und mit allen pazifistischen 
Organisationen des In- und Auslandes, der inter- 
nationalen Versöhnung dienen. 

* 

Eine der wesentlichsten Aufgaben des Pazifismus ist 
die Einführung einer internationalen Ver- 
ständigungssprache. Denn, bevor die \ ölker 
miteinander reden können, läßt sich schwer von ihnen 
verlangen, daß sie einander verstehen. 

Eine internationale Verkehrssprache hätte den Zweck, 
daß daheim jeder Mensch seine Muttersprache spricht, 
während er sich im Umgang mit Angehörigen fremder 
Nationen der Verständigungssprache bedient. So 
brauchte jeder Mensch, der seine Heimat verläßt, nur 
die eine Verständigungssprache zu beherrschen, wäh- 
rend er heute im Ausland mehrerer Sprachen bedarf. 

Als internationale Verkehrssprache kommen nur 
Esperanto und Englisch in Frage. Welche 
dieser beiden Sprachen für den internationalen Verkehr 
gewählt wird, ist belanglos neben der Forderung, daß 
sich die Welt auf eine dieser beiden Sprachen einigt. 

* 


178 


Die englische Sprache hat gegenüber Es- 
peranto den großen Vorteil, daß sie in Australien, in 
halb Asien, Afrika und Amerika sowie in großen Teilen 
Europas bereits die Rolle einer internationalen Ver- 
kehrssprache übernommen hat, so daß in diesen Ge- 
bieten ihre offizielle Einführung nur die Sanktion einer 
bestehenden Übung wäre. Dazu kommt, daß sie in ihrer 
Zwischenstellung zwischen den germanischen und roma- 
nischen Sprachen für Germanen wie für Romanen leicht 
erlernbar ist, ebenso für Slawen, die bereits eine germa- 
nische oder romanische Sprache beherrschen. Außerdem 
ist Englisch die Sprache der beiden mächtigsten Reiche 
der Erde und die verbreitetste Muttersprache der weißen 
Menschheit. 

Die Einführung der internationalen Hilfssprache 
könnte durch einen Vorschlag des Völkerbundes erfol- 
gen. sie zunächst in allen Mittelschulen und Lehrer- 
bildungsanstalten der Welt obligatorisch einzuführen 
und nach einem Jahrzehnt auch in den Volksschulen. 

* 


Die Verbreitung der Aufklärung und der Kampf 
gegen die menschliche Unwissenheit birgt raschere Aus- 
sichten auf Erfolg der Friedenspropaganda in sich, als 
die Verbreitung der Humanität und der Kampf gegen 
die Bosheit. 

Denn menschliche Überzeugungen wan- 
deln sich rascher als menschliche In- 
stinkte. Und die Friedensbewegung hätte es, wenig- 
stens in Europa, gar nicht nötig, an das menschliche 
Herz zu appellieren - — wenn sie sich einigermaßen auf 
den menschlichen Verstand verlassen könnte. 

Wie die Aufklärung mit Hexenverbrennungen, Folter 
und Sklaverei fertig geworden ist — so wird sie eines 
Tages auch mit dem Kriege, jenem Überbleibsel aus 
einem barbarischen Zeitalter der Menschheit, fertig 
werden. 


12 * 


179 


Wann dies geschehen wird, ist unbestimmt; daß 
dies geschehen wird, bestimmt. Das Tempo hängt 
von den Pazifisten ab. 

Daß die Menschen nach hunderttausenden von Jahren 
endlich fliegen gelernt haben, war viel wunderbarer und 
unwahrscheinlicher, als daß sie eines Tages lernen 
werden, in Frieden miteinander zu leben. — 


180 


8. FRIEDENSPROPAGANDA 


Die Friedenspropaganda ist die not- 
wendige Ergänzung der Friedenspoli- 
tik: denn die pazifistische Politik ist kurzfristig — die 
pazifistische Propaganda langfristig. 

Die Friedenspropaganda allein ist unfähig, den un- 
mittelbar drohenden Krieg zu verhindern, da sie zu ihrer 
Auswirkung mindestens zweier Generationen bedarf; 
die Friedenspolitik allein ist unfähig, den Dauerfrieden 
zu sichern, da bei der raschen Entwicklung unseres Zeit- 
alters der Wirkungskreis der Politik kaum über zwei 
Generationen reicht. 

Die Friedenspolitik kann bestenfalls durch großes 
Geschick ein pazifistisches Provisorium 
schaffen, um der Friedenspropaganda indessen die 
Möglichkeit zu bieten, die Völker moralisch abzurüsten 
und sie davon zu überzeugen, daß der Krieg ein bar- 
barisches. unpraktisches und veraltetes Mittel zur Aus- 
tragung internationaler Differenzen ist. 

Denn, so lange sich diese Erkenntnis nicht inter- 
national durchgesetzt hat und so lange es Völker gibt, 
die den Krieg für das geeignetste Mittel zur Durch- 
setzung ihrer politischen Ziele betrachten, kann sich der 
Friede nicht auf Abrüstung stützen, sondern nur auf die 
militärische Überlegenheit der Pazifisten. 

Völlige Abrüstung ist erst nach dem 
Siege des F r i e d e n s g e d a n k e n s möglich 
— so wie die Abschaffung der Polizei erst möglich wäre 
nach dem Aussterben des Verbrechertums: sonst führt 
die Abschaffung der Polizei zur Diktatur des Ver- 


181 


brechens — die Abschaffung der Armee zur Diktatur 
des Krieges. 

* 

Die pazifistische Propaganda richtet sich gegen die 
Kriegsinstinkte, Kriegsinteressen und 
Kriegsideale. 

Der Kampf gegen die Kriegsinstinkte muß geführt 
werden durch deren Schwächung und Ablenkung sowie 
durch Stärkung der Gegeninstinkte. 

Vor allem gilt es die Völker desKriegeszuent- 
wohnen und so ihre Kriegsinstinkte absterben zu 
lassen, wie Raucher, Trinker und Morphinisten ihre 
Neigungen durch deren Nichtausübung ablegen. Das 
Mittel zur Kriegsentwöhnung ist Friedenspolitik. 

Der Sport ist sehr geeignet, die menschlichen, ins- 
besondere die männlichen Kampfinstinkte, von der 
Kriegseinstellung abzulenken. Es ist kein Zufall, daß die 
sportliebendsten Völker Europas (Engländer, Skandi- 
navien zugleich auch die friedlichsten sind. 

Nur die Jagd bildet hier eine Ausnahme: sie konser- 
viert die primitivste Kampfesform und stärkt die Mord- 
instinkte, statt sie abzuleiten. Es hat viel zur Erhaltung 
des europäischen Militarismus beigetragen, daß in vielen 
europäischen Ländern die Jagd der Hauptsport der 
herrschenden Kasten und Männer war: denn die Jagd 
erzieht leicht zur Mißachtung fremden Lebens und 
stumpft ab gegen Blutvergießen. 

* 

Die Verurteilung des Krieges darf nie 
ausarten zu einer Verurteilung des 
Kampfes. Eine solche Entgleisung des Pazifismus 
würde nur den Militaristen schlagende Gegenargumente 
in die Hände spielen und den Pazifismus ethisch und 
biologisch kompromittieren. 

Denn Kampf und Kampfeswille sind Schöpfer und 
Erhalter der menschlichen Kultur. Das Ende des 


182 


Kampfes und das Absterben der menschlichen Kampf- 
instinkte wäre gleichbedeutend mit dem Ende und Ab- 
sterben der Kultur und des Menschen. 

Der Kampf ist gut; nur der Krieg ist 
schlecht, weil er eine primitive, rohe und veraltete 
Form des internationalen Kampfes ist — wie das 
Duell eine primitive, rohe und veraltete Form des 
gesellschaftlichen. 

Ziel des Pazifismus ist daher nicht die Abschaffung 
des Kampfes, sondern die Verfeinerung, Sublimierung 
und Modernisierung seiner Methoden. 

* 

Heutzutage ist die wirtschaftliche Kamp- 
fesform im Begriffe, die militärische abzulösen: 
Boykott und Blockade treten an die Stelle des 
Krieges, der politische Streik an die Stelle der Revo- 
lution. China hat mit der Waffe des Boykotts mehrere 
politische Schlachten gegen Japan gewonnen und 
Gandhi versucht, auf diese unblutige Methode den 
indischen Befreiungskampf durchzuführen. 

Eine Zeit wird kommen, in der die nationale Rivalität 
statt mit Messern und Bleikugeln mit geistigen 
Waffen ausgefochten werden wird. Statt wettzu- 
riisten. werden dann die Völker miteinander wetteifern 
in wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen 
Leistungen, in Gerechtigkeit und sozialer Fürsorge, in 
Volksgesundheit und Volksbildung und in der Hervor- 
bringung großer Persönlichkeiten. 

* 

Die zweite Aufgabe der Friedenspropaganda bildet der 
Kampf gegen die Kriegsinteressen. 

Diese Propaganda besteht darin, den Völkern und 
Individuen die geringen Chancen des Gewinnes 
und das ungeheuere Risiko des Verlustes nach- 
zuweisen mit dem Ergebnis, daß der Krieg gegenwärtig 

183 


zu einem schlechten, riskanten und unren- 
tablen Geschäft geworden ist. 

Was die Völker betrifft, hat Norman Angell*) 
bereits vor dem Kriege diesen Beweis erbracht und der 
Weltkrieg hat seine These glänzend bestätigt. 

Ob vom nationalen Standpunkt aus ein siegreicher 
Befreiungskrieg Indiens oder eine Eroberung Australiens 
durch die Mongolen die Opfer aufwiegen würde, mag 
hier uner örtert bleiben: sicher ist jedoch, daß in einem 
neuen europäischen Kriege der Sieger, in poli- 
tischer, wirtschaftlicher und nationaler Hinsicht schwer 
geschädigt, aus dem Kampfe hervorgehen würde, wäh- 
rend das besiegte Volk für immer vernichtet wäre. Der 
mögliche Gewinn steht in keinerlei Ver- 
hältnis zu den sicheren Verlusten. 

* 

Persönlich am Kriege interessiert sind nur ehr- 
geizige Politiker und Militärs einerseits, die sich 
Ruhm erhoffen — und habsüchtige Kriegsliefe- 
ranten anderseits, die sich Geschäfte erhoffen. Diese 
Gruppen sind sehr klein, aber sehr mächtig. 

Die erste Gruppe kann in demokratischen Staaten von 
einem entschlossenen Pazifismus kaltgestellt werden: 
Politiker, die ihren Ehrgeiz über das Wohl ihrer Völker 
stellen, sollen als Verbrecher behandelt werden. 

Von den Offizieren wird oft behauptet, daß 
ihre kriegerische Einstellung Berufspflicht ist. In 
Staaten, deren Politik pazifistisch ist, wäre dies ein 
schwerer Fehler; denn dort gilt die Armee nicht als 
ein Mittel zur Eroberung, sondern als notwendige 
Waffe gegen fremden Kriegswillen. Es wäre daher nötig, 
daß gerade die Offiziere zu Pazifisten 
erzogen werden, aber zu heroischen Pazi- 
fisten, die jederzeit bereit sind, ihr Leben für die 
Erhaltung des Friedens einzusetzen und sich als Kreuz- 
ritter im Kampfe gegen den Krieg fühlen. 

*) „Die falsche Rechnung“ von Norman Angell. 


184 


Die Industriellen, die den Krieg wegen der Kriegs- 
gewinne herbeisehnen, sollen darauf verwiesen wer- 
den, daß am Ausgang des nächsten europäischen Krieges 
wahrscheinlich der Bolschewismus steht. Es erwartet sie 
also mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50 % am 
Kriegsende die Expropriation, wenn nicht der Galgen. 

Das Kriegsgeschäft verliert durch diese Aussicht 
seinen Reiz. Denn es erscheint immerhin vorteilhafter 
für die Industrie, sich mit den relativ schmalen aber 
gefahrlosen Friedensgewinnen zu begnügen, statt nach 
den fetten aber lebensgefährlichen Kriegsgewinnen zu 
greifen. 

Diese Argumentation ist wichtig, weil sie der Kriegs- 
propaganda ihren goldenen Motor entzieht und der 
Friedenspropaganda zuführt. 

* 

Die Friedenspropaganda muß auch die menschliche 
Phantasie gegen den Zukunftskrieg mobilisieren. 
Sie muß die Massen auf klären über die Gefahren und 
Schrecken, die sie im Kriegsfälle bedrohen: über die 
neuen Strahlen und Gase, die ganze Städte ausmorden 
können; über den drohenden Ausrottungskrieg, der sich 
weniger gegen die Front, als gegen das Hinterland 
richten würde; über die politischen und wirtschaftlichen 
Folgen, die ein solcher Krieg für Sieger und Besiegte 
nach sich ziehen würde. 

Diese Propaganda muß der schwachen menschlichen 
Erinnerung und der schwachen menschlichen Phantasie 
nachhelfen: denn, hätten die Menschen mehr Phantasie 
— so gäbe es keinen Krieg mehr. Der Wille zum Leben 
wäre der stärkste Verbündete des Pazifismus. 

* 

Die Kriegsinstinkte sind roh und primitiv — die 
Kriegsinteressen problematisch und gefährlich — - die 
Kriegsideale verlogen und veraltet. 


185 


Sie leben von der Fälschung, die Krieg mit 
Kampf indentifiziert, Krieger mit Helden, Phantasie- 
losigkeit mit Tapferkeit, Furcht mit Feigheit. 

Sie stammen aus einer versunkenen Epoche, aus über- 
wundenen Verhältnissen. Sie wurden einst von einer 
Kriegerkaste geprägt und von freien Völkern 
kritiklos übernommen. 

Einst war der Krieger der Hüter der Kultur, der 
Kriegsheld der Held an sich, der Krieg das Lebens- 
element der Völker, deren Schicksal entschieden wurde 
durch ihre Tapferkeit im Felde. 

Seither ist der Krieg unritterlich geworden, 
seine Methoden gemein, seine Formen häßlich; 
die persönliche Tapferkeit ist nicht mehr entscheidend: 
an die Stelle der ritterlichen Schönheit eines Massen- 
turnieres ist die elende Häßlichkeit eines Massen- 
schlachthauses getreten. Der mechanisierte 
Krieg von heute hat für immer seine einstige Romantik 
verloren. 

Vom ethischen Standpunkt ist der Verteidigungs- 
krieg organisierte Notwehr — der Angriffs- 
krieg organisierter Mord. Noch schlimmer: 
friedliche Menschen werden gewaltsam gezwungen, 
andere friedliche Menschen zu vergiften und zu zer- 
fleischen. 

Die Schuld an diesem angestifteten Massen- 
mord trifft nicht die Ausführenden, sondern die 
Anstifter. Diese Anstifter sind in demokratischen Staaten 
unmittelbar die kriegsfreundlichen Abgeordneten, 
mittelbar deren Wähler. 

Wer sich daher scheut, einen Mord zu begehen, soll 
es sich gut überlegen, wen er als seinen Vertrauensmann 
ins Parlament schickt! 


186 


9. NEUES HELDENTUM 

Die Erneuerung des Heldenideals durch 
den Pazifismus zerschlägt die Hauptwaffe der militari- 
stischen Propaganda. Denn nichts gibt dem Militarismus 
eine stärkere Werbekraft als die Monopolisierung des 
Heldentums. 

Der Pazifismus würde durch einen Kampf gegen das 
Heldenideal Selbstmord begehen; er müßte damit alle 
seine wertvollen Anhänger verlieren: denn die Ehr- 
furcht vor dem Heldentum ist das Maß des 
menschlichen Edelmuts. 

Der Pazifismus soll in der Heldenverehrung mit dem 
Militarismus wetteifern und versuchen, ihn im Helden- 
tum zu übertreffen. Aber zugleich soll er den Helden- 
begriff aus seiner mittelalterlichen Schale befreien und 
ihn mit dem ganzen Inhalt einer modernen Ethik er- 
füllen. 

Die Erkenntnis muß sich durchringen, daß das 
Heldentum Christi eine höhere Entwicklungs- 
form darstellt als das Heldentum des Achilles 
— und daß die physischen Helden der Vergangenheit 
nur Vorläufer sind der moralischen Helden der Zukunft. 

* 

Kein redlicher Pazifist wird versuchen, den Männern 
das Heldentum abzustreiten, die über den Wehrzwang 
hinaus an der Front ihr Leben für ihre Ideale eingesetzt 
haben; die freiwillig ihr Familienglück, ihre Bequem- 
lichkeit, ihre Sicherheit und Gesundheit zurückgestellt 
haben, um ihre Pflicht zu erfüllen. Ihr Heldentum wird 
durch die Frage, ob sie von falschen oder richtigen 


187 


Voraussetzungen ausgingen, nicht berührt. Nichts wäre 
gemeiner als die Verhöhnung dieses Heldentums. 

Den Gegenpol zu diesen Helden bilden jene Dema- 
gogen, die in Bureaus, Versammlungen, Redaktions- 
stuben und Parlamenten zum Kriege hetzten und hetzen, 
um dann, fern von der Front, den niedrigsten Mißbrauch 
zu treiben mit fremdem Heldentum. 

Der Versuch mancher Militaristen, das Heldentum für 
die Kriegspartei zu monopolisieren, ist ebenso unredlich, 
wie der Versuch mancher Nationalisten, für ihre Partei 
das Nationalgefühl zu monopolisieren. 

Denn, wer sein Volk vor der größten Katastrophe der 
Weltgeschichte bewahren will, ist mindestens so patrio- 
tisch wie der, der es durch einen siegreichen Krieg zu 
neuer Macht zu führen hofft: nur baut dieser auf Irrtum, 
jener auf Wahrheit. 

Es gibt heute manche Länder in Europa, in denen es 
lebensgefährlicher ist, für den Frieden einzutreten als 
für den Krieg: in diesen Ländern beweisen die Friedens- 
apostel einen größeren Heldenmut als die Kriegsapostel. 


Die schwerste und ungerechteste Beleidigung für ein 
Volk aber ist es, wenn ein Stand, nämlich der Offiziers- 
stand, den Heldencharakter für sich monopolisiert: denn 
: es gibt Heldentum in jedem Beruf, stilles und 
großes Heldentum, ohne Ruhm, ohne Romantik und 
ohne glänzende Fassade: das Heldentum der Arbeit und 
des Geistes, das Heldentum der Mutterschaft, das 
Heldentum der Überzeugung. 

Und wer die Biographien der großen Künstler, 
Denker, Forscher, Erfinder und Ärzte studiert, wird 
verstehen lernen, daß es auch anderes Heldentum gibt, 
als das der Krieger und Abenteuerer. 

* 


Jeder ist ein Held, der sein privates 
Interesse seinem Ideal zum Opfer 


188 



bringt: je größer das Opfer, desto größer das Helden- 
tum. 

Wer sieh nicht fürchtet, ist nicht heroisch, sondern 
nur phantasielos. Heroisch handelt nur der, der seinen 
Idealen zuliebe die Furcht überwindet. Je 
größer seine Furcht ist — desto größer seine Über- 
windung und sein Heroismus. 

* 

Europa hat sich aus der Herrschaft des Feudalismus 
befreit — aber nicht aus der Herrschaft der f e u d a 1 e n 
W e r t e. Dadurch ist das Heldenideal ebenso unzeit- 
gemäß und morsch geworden wie der Ehrbegriff. Nur 
eine Erneuerung kann sie retten. 

Die Ehre eines Menschen und eines Volkes soll unab- 
hängig werden von fremden Handlungen und einzig 
bestimmt werden durch eigene Taten. 

Der Grundsatz muß sich durchsetzen, daß die Ehre 
einer Nation niemals dadurch verletzt werden kann, 
daß ihre Fahne irgendwo von Betrunkenen herab- 
gerissen wird: sondern nur dadurch, daß ihre Richter 
parteiisch, ihre Beamten bestechlich, ihre Staatsmänner 
wortbrüchig sind; daß sie ihre besten Söhne verbannt 
oder ermordet, daß sie schwächere Nachbarn provo- 
ziert, Minoritäten bedrückt, ihre Verpflichtungen ver- 
nachlässigt und Verträge bricht. 

Durch diesen neuen Ehrenkodex werden alle 
Streitfragen, die wegen Ehrensachen Völker entzweien 
und in Kriege treiben, von selbst auf hören: denn jedes 
Volk wird es dann als seine Ehrenpflicht betrachten, 
einem anderen Genugtuung zu leisten — nicht um 
dessen Ehre, sondern um die eigene nationale 
Ehre zu wahren oder wiederherzustellen. Die Form 
dieser Genugtuung wird dann durch Schiedsgerichte 
leicht zu bestimmen sein. — 


* 


189 


Der Pazifismus muß die gegenwärtige und die kom- 
mende Generation zum Heldentum der Über- 
zeugung erziehen. Die Lüge und Gesinnungsfeigheit 
waren mit schuld am Ausbruch des Krieges, sie haben 
ihn genährt und erhalten, um ihren Stempel schließlich 
auch dem Frieden aufzudrücken. Darum ist der 
Kampf gegen die Lüge auch ein Kampf 
gegen den Krieg. 

Das Heldentum des Friedens wird ein 
Heldentum der Gesinnung, der Überzeugung, der Selbst- 
beherrschung sein; nur dann kann es über das Helden- 
tum der Militaristen triumphieren. 

Dieses Heldentum des Friedens ist schwieriger und 
seltener als das des Krieges. Es ist schwerer, seinen 
Leidenschaften zu gebieten, als seiner Mannschaft; 
schwerer, seinen eigenen Charakter zu disziplinieren, als 
ein Heer von Rekruten. Und viele, die ohne Bedenken 
einem Feinde ein Bajonett in den Leib rennen konnten, 
finden nicht den Mut, ihre Überzeugung einem Freunde 
gegenüber zu bekennen. Diese moralische Feig- 
heit ist der Nährboden aller Demagogie, auch der 
militaristischen: aus Angst, feige zu erscheinen, verleug- 
nen heute Millionen ihren inneren Pazifismus; e s i s t 
ihnen lieber, feige zu sein, als für feige 
zu gelten. 

Der Sieg des Friedensgedankens hängt also innig zu- 
sammen mit dem Siege des moralischen 
Heldentums, das bereit ist, lieber a 1 1 e s zu opfern, 
als die Überzeugung und sich rein zu halten gegen alle 
Überredungs-, Erpressungs- und Bestechungsversuche 
einer unreinen Zeit. 


* 

Solche Friedenshelden soll der Pazifismus zunächst 
in allen europäischen Ländern zu einer freiwilligen 
Armee des Friedens organisieren. 

Diese Friedensarmee soll sich aus Helden rekrutieren, 
die den Krieg als barbarisches und unsinniges Mittel 
der Politik und als Feind der Menschheit verwerfen 


190 



und jederzeit bereit sind, für ihren pazifistischen Glauben 
jedes Opfer zu bringen. 

Zunächst sollen diese Kämpfer des Friedens als Pro- 
pagandisten und Agitatoren ihrer Idee die Millionen um 
sich scharen, die den Frieden wünschen. Die Friedens- 
armee muß aber auch bereit sein, im entscheidenden 
Augenblick der Gefahr gegen den Krieg zu marschieren 
und den Frieden durch ihr tatkräftiges Eingreifen zu 
retten. 

An die Spitze dieser Friedensarmee sollen Männer 
treten, die staatsmännische Einsicht verbinden mit 
einem unbeugsamen und unerschütterlichen Willen 
zum Frieden. 

Nur wenn solche Führer an die Spitze solcher 
Kämpfer treten, darf Europa hoffen, nie mehr von 
einem Kriege überrannt und zerstampft zu werden. 



191 


PAZIFISMUS 

i Seite 

1. Zehn Jahre Krieg 155 

2. Kritik des Pazifismus 158 

3. Religiöser und politischer Pazifismus . . . . 161 

4. Reform des Pazifismus 164 

5. Weltfrieden und Europafrieden 167 

6. Realpolitisches Friedensprogramm . . . . 171 

7. Förderung des Friedensgedankens . . . . 177 

8. Friedenspropaganda 181 

9. Neues Heldentum 187 




IM PANEUROPA-VERLAG, WIEN, HOFBURG, ERSCHIENEN 


Auslieferungen: Leipzig: E. Krug, Kohlgartenstraße 20; 

Berlin: Hapke & Schmidt, Berlin W 8, Charlottenstraße Nr. 50/51 


PANEUROPA 

VON 

R. N. COUDENHOVE-KALERGI 

9. bis 11. Tausend 


INHALT: 


I. Europa und die Welt 


VII. Europäische Kriegsgefahr 


1. Der Verfall der europäischen Weltherrschaft 

— 2. Technik und Politik — 3. Weltmächte statt 

Großmächte — 4. Europas Weltstellung 

II. Europas Grenzen 

1. Europas geographische Grenzen — 2. Europas 
historische Grenzen — 3. Europas Kultur — 4. Pan* 
Europa 

III. Europa und England 

1. Kleineuropa oder Großeuropa? — 2. Pan* 
europa und England — 3. Britisch-Europäische 
*.• Entente 

IV. Europa und Rußland 

1. Hellas als Warnung — 2. Die russische Gefahr 

— 3. Europäischer Garantiepakt — 4. Ausgleich 

und Abrüstung 

V. Europa und Amerika 

1. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die 
uneinigen Staaten von Europa — 2. Panamerika — 
3. Panamerika und Paneuropa 


1. Kriegsgefahr — 2. Der Zukunflskrieg — 3. Pan- 
europa und der Friede 

VIII. Europa nach dem Weltkriege 

1. Die Befreiung Osteuropas — 2. Europäische 
Politik und Wirtschaft — 3. Paneuropa und 

Versailles. — 4. Die Kleine Entenie 

IX. Deutschland und Frankreich 

1. Europas Zentralproblem — 2. Frankreich am 
Scheidewege — 3. Deutschland am Scheidewege — 
4. Chauvinisten und Europäer 

X. Die Nationale Frage 

1. Das Wesen der Nation — 2. Die europäische 
Nation — 3. Nation und Grenze 

XI. Wege zu Paneuropa 

1. Pan-Europas Entwicklungsstufen — 2. Pan- 
europa und die Staaten — 3. Paneuropa und die 
Parteien — 4. Paneuropas Gegner. — 5. Pan- 
europäische Union 


VI. Europa und der Völkerbund Tafeln: 

1. Kritik des Völkerbundes — 2. Paneuropa und I. Die Staaten Paneuropas ; II. Die internationalen 
Völkerbund — 3. Reorganisation des Völkerbundes Komplexe; Ili. Weltkarte 


Preis; broschiert M 4' — : ö. S 6'50; Schw. Fr. 5'50 
Preis; ganzleinen M 6'—; ö. S 10'—; Schw. Fr. 7'50 


KRISE DER WELTANSCHAUUNG 

R. N. COUDENHOVE-KALERGI 


INHALT: 

Krise der Weltanschauung — Hyperethik — Ethik der Schönheit — Neo- 
Aristokratie — Wien als Welthauptstadt — Tschechen und Deutsche — Juden- 
tum und Pazifismus — Die europäische Frage — Jean Marie Guyau — Heinrich 
Mann als Politiker — Maximilian Harden — Josef Popper-Lynkeus 

PREIS: broschiert M 3' — ; ö. S 5‘ — ; Schw. Fr. 3‘75 
halbleinen M 4'50; ö. S 7 - — ; Schw. Fr. 5'50 


* 


Soeben erschienen: 

KAMPF UM PANEUROPA 

von 

R. N. COUDENHOVE-KALERGI 

Aus dem ersten Jahrgang der Zeitschrift »PANEUROPA« 

INHALT: 

Das paneuropäische Manifest — Die Paneuropa-Bewegung — Offener 
Brief an die französische Kammer — Paneuropa und Völkerbund — 
Deutschlands europäische Sendung — Weltpolitik 1924 

Preis broschiert: M 4’—; ö. S 6’50; Schw. Fr. 5' — # 

ganzleinen: M 6’ — ; ö. S 10' — ; Schw. Fr. 7'50 


-k 

ZEITSCHRIFT 

PANEUROPA 

Herausgeber 

R. N. COUDENHOVE-KALERGI 
ORGAN DER PANEUROPA-BEWEGUNG 
Jahres-Abonnement (10 Hefte) ..M 5' — ; ö. S 8’50; Schw. Fr. 6‘50 

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder durch den Paneuropa -Verlag! 


VOM PANE UROPA - VERLAG ÜBERNOMMEN: 


ETHIK UND HYPERETHIK 

R. N. COUDENHOVE - KALERGI 

INHALT: 

Ethische Grundfragen — Tugenden — Das Grundprinzip der Moral — Ent- 
wicklung der sittlichen Wertung — Schönheit — Hyperethik — Sanktionen 
der Hyperethik — Ethik und Hyperethik — Praktische Hyperethik — Schlußwort 

PREIS : broschiert M 4' — ; ö. S 650; Sehw. Fr. 5' — 
ganzleinen M 6' — ; ö. S 10. — ; Schw. Fr. 7’50 


* 


Ferner von 

Dr. R. N. Coudenbove-Kalergi 

herausgegeben und eingeleitet: 

DAS WESEN DES ANTISEMITISMUS 


von 

Dr. Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi 

INHALT: 

Vorwort des Herausgebers — Vorwort des Verfassers — Semitentum, semitische 
und jüdische Rasse — Antijudaismus im Altertum — Geschichte des christ- 
lichen Antisemitismus — Juden in nichtchristlichen Ländern — Anklage gegen 
die Juden — Antisemitismus im allgemeinen, Judenemanzipation, Judennot, 
Zionismus — Schlußwort — Nachwort des Herausgebers 

PREIS : 

broschiert 4’ — M, 6 50 ö S, 5' — Schw. Fr. 
ganzleinen 6' — M, .10' — ö S, 7.50 Schw. Fr. 


PAN EUROPÄISCHE UNION 


1. Die Paneuropa-Bewegung ist die überparteiliche Massenbewegung zur 
Einigung Europas. 

Die Paneuropäische Union ist Trägerin der Paneuropa-Bewegung. 

2. Die Paneuropäische Union bezweckt die Schaffung einer Schwesterorgani- 
sation zur Panamerikanischen Union, welche an dem Zusammenschluß des 
amerikanischen Kontinents arbeitet. 

3. Ihr Ziel ist der Zusammenschluß aller westlich der U. S. S. R. gelegenen 
Staaten des europäischen Kontinents zur Sicherung des Friedens, der Gleich- 
berechtigung und der Zollunion. 

4. Die weltpolitischen Richtungen der Paneuropäischen Union sind: 

a) engstes Einvernehmen mit dem Britischen Reich; 

b) dauernde Sicherung des russisch-europäischen Friedens und Förderung 
der russisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen; 

c) freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Staaten Panamerikas und 
Ostasiens. 

5. Die Paneuropäische Union enthält sich jeder Einmischung in innerpolitische 
Fragen. 

6. Die Paneuropäische Union ist nach Staaten gegliedert; jeder Staat hat sein 
selbständiges Komitee, das sich autonom finanziert. 

Das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, das den Zusammenhang aller 
einzelstaatlichen Unionen aufrecht erhält, befindet sich in Wien. 

7. Das Zeichen der Paneuropäischen Union ist ein rotes Kreuz auf goldener Sonne. 

* 

Der Eintritt in die Paneuropäische Union steht allen Männern und Frauen, 
Vereinen und Organisationen offen. Anmeldungen erfolgen mit Angabe des 
Namens, Berufes und der Adresse an das Zentralbüro der Paneuropäischen 
Union, Wien I., Hofburg, oder an das Generalsekretariat des betreffenden 
Staates. Jahresbeitrag von M 1. — (ö. S 1.50) aufwärts. 

Abzeichen sind durch das Zentralbüro der Paneuropäischen Union, Wien I., 
Hofburg, zu beziehen. Preis M 0.60 (ö. S 1. — ). 

Beitrittskarten und Beitrittslisten auf Wunsch gratis. 


TRETET DER PANEUROPÄISCHEN UNION BEI 
WERBET NEUE PANEUROPÄER!